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Matt Dwyer, Material-Experte bei Patagonia, im TW-Gespräch

"Größer als Patagonia"

Patagonia
"Unser Gründer Yvon Chouinard sagt immer, was nützt es, wenn wir es tun – wir müssen andere dazu bringen, es auch zu tun", so Matt Dwyer. "Es muss größer sein als Patagonia."
"Unser Gründer Yvon Chouinard sagt immer, was nützt es, wenn wir es tun – wir müssen andere dazu bringen, es auch zu tun", so Matt Dwyer. "Es muss größer sein als Patagonia."

Können Jacken aus Fischernetzen wirklich einen Unterschied machen? Ja, sagt Matt Dwyer, Material-Experte bei Patagonia. Allerdings nur, wenn man groß denkt.

Matt Dwyer ist seit acht Jahren bei Patagonia und konzentriert sich als Vice President Product Impact and Innovation auf Materialforschung, -entwicklung und Innovation. Sein Credo: Beim Lösen der globalen Herausforderungen gibt es kein 'one size fits all'. "Wir arbeiten an einer Zukunft, in der es kein Einwegplastik fürs Recycling mehr gibt. Deswegen ist es aber auch so wichtig, Alternativen zu haben. Dafür müssen wir die Supply Chain aufbauen."


TextilWirtschaft: Patagonia wirbt neuerdings mit Produkten aus Fischernetzen. Ist das so eine große Sache? Damit sind Sie bei weitem nicht die ersten.
Matt Dwyer: Die Fischernetz-Überschrift ist nicht neu, das stimmt. Der Unterschied ist der Anteil. Die Stoffe, die wir für unsere NetPlus-Produkte verwenden, bestehen, anders als bei allen anderen, zu 100% aus Fischernetzen. Und zwar vollständig rückverfolgbar bis in die Community, in der die Fischernetze eingesammelt werden. Bureo, das Unternehmen, mit dem wir zusammenarbeiten, kauft die alten Netze von Fischergemeinschaften, bevor sie verbrannt, weggeschmissen oder im Meer entsorgt werden. Gleichzeitig zahlen sie den Menschen, die für sie arbeiten, faire Löhne und haben so auch einen sozialen Impact in diesen Regionen. Irgendwann einmal wollen wir dahin kommen, Netze aus dem Meer zu fischen, aber das ist heute noch kaum machbar.

Über wie viele Tonnen Fischernetz sprechen wir?
In einem ersten Schritt haben wir das Plastik, das wir zur Versteifung in unseren Kappen verwenden, durch NetPlus-Material ersetzt. Damit kamen wir auf ein Volumen von 50 Tonnen. Es war klar, wenn wir das auf Bekleidung ausweiten wollen, müssen wir große Mengen bewegen, damit sich das für die Recycling-Unternehmen lohnt. Aktuell sind wir deren einziger Abnehmer, aber wir sind dabei, das zu skalieren. Mit dem Start mit Bekleidung erhöhen wir das Volumen auf mehr als 1000 Tonnen im Jahr. Zum Herbst 2022 haben wir 40 Styles, von schweren Parkas bis zu ultraleichter Kletterausrüstung. Ich denke, in einem Jahr werden wir bis zu 250 Styles aus NetPlus-Material anbieten. Das wäre etwa ein Viertel der gesamten Kollektion.

Eine ganze Menge.
Ja, das ist ein großes Commitment. Und nicht nur wir werden unsere Kapazitäten erhöhen, eine andere Brand steht auch kurz davor, einzusteigen – und hoffentlich ein Dutzend anderer Anbieter auch. Unser Gründer Yvon Chouinard sagt immer, was nützt es, wenn wir es tun – wir müssen andere dazu bringen, es auch zu tun. Es muss größer sein als Patagonia. Mit dem Kappen-Programm ist das gelungen, viele andere Anbieter setzen jetzt, drei Jahre nach Start, NetPlus-Material in ihren Kappen ein.

In sehr viel größeren Dimensionen werden PET-Flaschen zu recyceltem Polyester, das auch Patagonia verwendet. Kritiker bemängeln, es würde sehr viel mehr Sinn machen, diese Flaschen zu neuen PET-Flaschen zu verarbeiten. Das wäre doch ein großer Schritt in Richtung einer echten Kreislaufwirtschaft, oder?
In den USA werden gerade einmal 12% dessen, was in der Recycling-Tonne landet, tatsächlich recycelt. Auch wenn die Zahlen global etwas höher sein mögen – wenn wir ein richtiges Flaschen-Recycling-System hätten, dann wäre dieses Argument stichhaltig. Wenn ich an Kreislauffähigkeit denke, dann nicht mit dem Ziel, aus Bekleidung unbedingt wieder Bekleidung zu machen. Wir arbeiten mit hochwertigen Materialien, über deren ökologischen Fußabdruck wir uns sehr viel Gedanken machen. Es geht darum, Produkte wieder zurückzubekommen und genau zu wissen, was drinsteckt, damit man sie sortieren kann. Wenn möglich, repariert man sie und bringt sie wieder in den Verkauf oder man identifiziert Recycling-Möglichkeiten. Es geht darum, wieder hochwertige, langlebige Produkte zu schaffen – in welcher Kategorie auch immer. Auch wir arbeiten daran, Textilabfälle zu Bekleidung zu machen, aber ich finde es gefährlich, sich allein darauf zu beschränken und damit andere Möglichkeiten für Zirkularität zu übersehen.
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Wie hoch ist der Anteil von recyceltem Polyester bei Patagonia?
Heute sind mehr als 82% unseres Polyesters recycelt. Wir haben eine Liste "bevorzugter Materialien" erstellt, darunter Organic Cotton und Regenerative Organic Cotton. Der Anteil dieser Materialien liegt zum Herbst 2022 bei 86%, bis 2025 wollen wir 100% erreichen.

Gibt es einen großen Shift von synthetischen zu natürlichen Materialien?
Nein. Man kann auch nicht pauschal sagen, dass synthetische Materialien schlecht sind und natürliche gut. Wir haben eine sehr komplexe Modellrechnung durchgeführt, mit der Annahme, alle synthetischen durch natürliche Materialien zu ersetzen. Unsere CO2-Emissionen und unser Wasserverbrauch würden um 15 bis 20% steigen. Was ich damit sagen will, es gibt beim Lösen der globalen Herausforderungen kein 'one size fits all'. Es gibt auch nicht nur das Klima, man muss an alles denken. Du musst wissen, welcher Schritt welche Auswirkungen hat, um das Richtige tun zu können.

Was bleibt die größte Herausforderung?
Was Recycling-Technologien angeht, wird die Welt in fünf Jahren anders aussehen. Mindestens ein halbes Dutzend Start-ups forscht allein am Recyceln von Baumwoll-Polyester-Mischungen. Auch beim Recycling von Funktions-Materialien, die Polyethylen enthalten, gibt es große Fortschritte. Sorgen macht mir vor allem die Rücknahme. Wie gesagt, in Amerika werden nur 12% der Wertstoffe recycelt – und für Bekleidung gibt es nicht einmal ein Rücknahmesystem. In diese Richtung denken wir mit unserem Worn Again-Programm. Darüber entwickeln wir das klassische Wholesaler-Vertriebs-System hin zu einem, bei dem jedes Produkt einen eigenen QR-Code hat, damit man es später richtig sortieren und recyceln kann.

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