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Messe-Bilanz

Nachhaltige Performance

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Aus holzbasierten Lyocellfasern: die neue "Tree Climate“ Outdoor Fabric Collection von Tencel
Aus holzbasierten Lyocellfasern: die neue "Tree Climate“ Outdoor Fabric Collection von Tencel

Sourcing-Probleme und Kostenexplosion, aber stärkerer Fokus auf Sustainability-Konzepte. Wie passt das zusammen? Mögliche Lösungsansätze gab es auf den Performance Days in München.

Nachhaltigkeit trifft Lieferkette. Das haben zwei Messetage in München gezeigt. Zwei Tage Performance Days, 186 Aussteller, 2813 Besucher. Zwei Tage vollgepackt mit Interaktion, Innovation und Inspiration. "Die Liefersituation steht über allem. Viele fragen sich, ob sie das, was sie hier verkaufen, überhaupt realisieren können", sagt Claus Habbicht von CH Company, Co-Founder der Performance Days. Die Gespräche drehen sich um fehlende Rohstoffe und mangelnde Produktionskapazitäten, um das logistische Desaster durch die coronabedingte Schließung des Hafens in Shanghai oder eine möglicherweise drohende Annexion des Produktionslandes Taiwan durch China.


Alle wissen, das Sourcing braucht mehr Zeit in diesen Tagen. "Der Wunsch nach Produktion in Europa ist da, doch immer mit dem Nebensatz: Europa ist voll, was die Kapazitäten angeht", so Habbicht weiter. Auch Eric Yung, Vice President von Polartec, sieht diesbezüglich eine signifikante Veränderung in Richtung Europa: "Die Produktion von Stoffen in Europa ist gar nicht so teuer, wenn man Logistik-Kosten und Zeitverlust abzieht. Da ist es als Stofflieferant fast besser, hier zu produzieren. Allerdings ist das Nähen von Bekleidung in Europa nach wie vor teuer."

Herausforderung Lieferkette

"Um Kapazitäten sinnvoll einsetzen zu können, sind Partnerschaften mit Marken mehr denn je ein Muss", bestätigt Christiane Rauch vom Nylon-Spezialisten Nilit. Dort hat man den Mangel an Rohstoffen für die Herstellung des eigenen Polymers genutzt, um mit "Sensil by nature" ein non-fossiles Konzept für die Marke Sensil aufzustellen.

Dass eine noch stärkere Hinwendung zu Nachhaltigkeit gar einen Restart der Branche einleiten könnte, daran glauben viele. Es ist zu hören, dass der Standard europäischer Technologien in dieser Richtung zurzeit höher sei als beispielsweise in Asien. Auch die Logistik könne sich in Europa einfacher gestalten, wäre da nicht die aktuelle Kapazitätsfrage.

Nachhaltig auf allen Ebenen

Mehr denn je ist die exakte Nachvollziehbarkeit aller Produktionsschritte ein Thema, das Tracking des ökologischen Fußabdrucks wie bei Eurojersey. Es geht um langlebigere Produkte, die weniger gewaschen werden müssen wie bei Polygiene, um recycelte Produkte mit Zertifikat wie bei Ecosensor by Asahi Kasei. Ein wichtiger Maßstab ist die Verbesserung der CO₂-Bilanz, beginnend bei den Rohstoffen über die Produktion bis hin zum Konsumenten und den Wiedereintritt in den Kreislauf durch Recycling.

Der Mehraufwand für nachhaltige Kriterien zieht unweigerlich steigende Preise für synthetische Fasern nach sich, sagen viele Hersteller. "Die Konsumenten wollen zwar Transparenz und sind Treiber des Nachhaltigkeitsgedankens, aber oft noch nicht bereit, für nachhaltige Produkte mehr zu bezahlen. Aber das dreht sich nun langsam", sagt Eric Knehr, Head of Brand bei CHT Germany. Das Unternehmen hat sich auf biobasierende Ausrüstungen spezialisiert, die Textilien u.a. wasserabweisend, bügelfrei und länger haltbar machen. "Unser Ziel ist es, so effizient wie möglich zu sein, um Rohstoffe, Wasser und Energie zu sparen", so Knehr.

"Weniger waschen hinterlässt weniger CO₂-Fußabdruck", ergänzt Markus Hefter vom Textil-Ausrüster Polygiene. "Wir gehen davon aus, dass bei Outdoor- und Sporttextilien 30% des Fußabdrucks von der Produktion, 70% vom Konsumenten stammen. Bei Fashion sind es 40 zu 60%."

Fashion trifft Funktion

Abnehmer von Funktionsstoffen sind längst nicht mehr nur Activewear- und Outdoor-Anbieter. Immer mehr Fashion Brands nutzen funktionelle Eigenschaften als Mehrwert, weiß auch Michela Delle Donne von Eurojersey: "Activewear ist aktuell der am besten performende Bereich und wird auch für Luxus-Kollektionen immer wichtiger. Zum Beispiel die neue Activewear von Moncler mit Radlerhosen aus unserer Sensitive-Qualität und Logo-Druck am Bund. Oder die Burberry-Linie mit Sculpturing-Effekt."

Neben allen synthetischen High-Tech-Komponenten boomen natürliche Materialien. Beispiel Wolle. "Die Nachfrage nach Wolle explodiert", sagt Barbara Fluck von der Südwolle Group, wo man mit "Omega Twist" eine neue Spinntechnologie anbietet, die für weniger Pillings sorgt. Auch hier recycelte Garne im Mix mit Merino. Von der starken Woll-Nachfrage profitieren zu können, glaubt auch Insulations-Spezialist Lavalan, der ausschließlich Wolle aus Europa verarbeitet.

Beispiel Hanf: Die Pflanze sei anspruchslos und wachse auf fast jedem Boden von den Tropen bis nach Sibirien, betont Buchautorin Maren Krings bei ihrem Vortrag auf der Messe. Baumwolle hingegen benötige warme und trockene Regionen, was längere Transportwege und mehr Bewässerung bedeute.

Mit neuen Herausforderungen sehen sich auch Produktmanager konfrontiert, bestätigt nicht nur Sandra Ellinger, Fabric Managerin bei Vaude: "Wir beschäftigen uns fast mehr mit Zertifizierungen und Vorschriften als mit dem kreativen Part." Auf die Frage, ob mit Lieferengpässen zu rechnen ist, antwortet ihre Kollegin und Vaude-Produktmanagerin für Bekleidung Claudia Gutsche: "Bedenken, dass Materialien nicht kommen, begleiten uns schon eine Weile. Je früher wir ordern, desto mehr Garantie bekommen wir von den Herstellern. Aber bei manchen Qualitäten müssen wir einfach ins Risiko gehen."

Die Liefergarantien könnten in Zukunft stärker aus Europa kommen. Nicole Bösch vom österreichischen Textilanbieter Getzner: "Seit Corona haben wir volle Maschinenauslastung." Und auch für Taubert Textil mit Sitz in Freising stellt Andrea Palm fest:"Produktion in Deutschland – Wirkerei, Färberei und Ausrüstung, alles am Standort. Hier sehen wir Potenzial." Keine Frage: Das Geschäft mit Performance-Stoffen läuft.

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