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On-Mitgründer Caspar Coppetti zur Clean Cloud-Technologie

"Es ist möglich und wirtschaftlich sinnvoll"

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"Wir wollen ja auch den Planeten retten – da macht Exklusivität wenig Sinn", sagt On-Co-Founder Caspar Coppetti im Gespräch mit der TW.
"Wir wollen ja auch den Planeten retten – da macht Exklusivität wenig Sinn", sagt On-Co-Founder Caspar Coppetti im Gespräch mit der TW.

Mit einer neuen Kooperation will On seinen Teil dazu beitragen, skalierbare Alternativen zu erdölbasierten Rohstoffen zu entwickeln. Im TW-Gespräch erklärt Co-Founder Caspar Coppetti, warum er an diese neue Technologie glaubt, wie weit die Entwicklung schon fortgeschritten ist und welchen Spielraum er bei der Preisgestaltung sieht.

TextilWirtschaft: Gibt es einen bestimmten Aha-Moment, an dem Sie realisiert haben, dass Sie als Unternehmer an dem Thema Klimaschutz nicht vorbeikommen?
Caspar Coppetti: Umweltschutz war für uns immer ein Thema. Wir sehen das hier in der Schweiz vor der Haustür. Ich kann mich an Abfahrten mit dem Snowboard erinnern vor 15 Jahren, da ist heute nichts mehr. Wenn ich bei mir zu Hause im Engadin aus dem Fenster schaue, sehe ich, dass die Baumgrenze heute 200 Meter höher ist.  Seit etwa vier Jahren beschäftigen wir uns bei On konkret mit dem Thema Erdöl-Alternativen. Erdöl ist unsympathisch – ganz unabhängig vom Klima. Ein Freund von mir ist bei Climeworks, einem Schweizer Unternehmen, das mit führend ist beim Absaugen von CO2 aus der Luft. Das wird dann entweder im Boden gespeichert oder auch verarbeitet, etwa zu Flugzeug-Treibstoff.
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Der Schweizer Laufschuh-Hersteller On arbeitet an einem Schaummaterial, das auf Kohlenstoff-Emissionen als Rohstoff basiert. Ein genaues Datum für den ersten Schuh mit der Clean Cloud-Technologie gibt es noch nicht. Übergeordnetes Ziel ist es, diese für das gesamte Sortiment der Cloud-Modelle von On einzusetzen und die Abkehr von erdölbasierten Ressourcen einzuleiten.

Und Sie haben überlegt, ob sie daraus Schuhe herstellen könnten?
Ich habe mich gefragt: Wenn man aus CO2 Treibstoff machen kann, kann man daraus auch Kunststoffe machen? Wir haben dazu dann ein Forschungsprojekt gestartet mit verschiedenen Experten aus der Schweiz und Deutschland. Und die Antwort war: In der Theorie ist das möglich.

Wie ging es dann weiter?
Wir haben mit den Überlegungen zur Weiterverarbeitung von CO2, das aus der Luft gefiltert wird, zunächst eine Option verfolgt, die extrem energieintensiv ist und nur mit Ökostrom funktioniert hätte. Dann sind wir vor etwa anderthalb Jahren mit Lanzatech zusammengekommen. Lanzatech saugt nicht CO2 aus der Atmosphäre, sondern Kohlenmonoxid direkt vom Schornstein, kurz bevor es in der Atmosphäre zu CO2 wird. Das ist sehr viel effizienter. Außerdem arbeiten sie mit Fermentation. Das so gewonnene Ethanol wird dann über Dehydrierung zu Ethylen verarbeitet und dann zu EVA. Lanzatech ist ein sehr beeindruckendes Start-up, das rund 300 Mio. Dollar in diese neuen Technologien investierte, bevor es überhaupt etwas verkaufen konnte.

So wird ein Schuh aus klimaschädlichen Emissionen.
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So wird ein Schuh aus klimaschädlichen Emissionen.
Diese nächste Verarbeitungsstufe erfolgt dann aber bei Borealis, richtig?
Ja, das ist ein mittelgroßer Chemiekonzern, der zu OMV in Österreich gehört und großes Interesse daran hat, Kohlenstoff aus alternativen Quellen zu beziehen. Mit ihnen haben wir dann einen sehr leistungsfähigen EVA-Schaum entwickelt. Vor zwei Wochen haben wir drei Partner einen Vertrag unterschrieben, dass wir gemeinsam diese Supply Chain aufbauen wollen – On als Verarbeiter des Materials, Borealis als Hersteller des EVA und Lanzatech als Lieferant des Ethanols. Jetzt arbeiten wir gemeinsam daran, die Technologie auf Industriegröße zu skalieren.

Das soll keine exklusive Entwicklung bleiben?
Wir wollen ja auch den Planeten retten – da macht Exklusivität wenig Sinn. Das schaffen wir mit unseren Mengen alleine nicht. Und das schafft auch die gesamte Schuh-Industrie nicht, da müssen alle Industrien diesen Weg gehen. Wenn jetzt einer zu VW oder Airbus ginge und denen Dämpfungsmaterial aus Kohlenmonoxid anbieten könnte, dann sagen die: Danke, bitte. Die verarbeiten sehr große Mengen davon – Gigatonnen. Natürlich ist das heute so noch nicht skalierbar – aber das ist ein typisches Huhn oder Ei-Thema. Die Parallelen zur deutschen Autoindustrie sind unübersehbar. Mag sein, dass die ersten Batterien noch nicht gut genug waren für den Weg zur Elektromobilität, aber jemand muss ja daran arbeiten. Wir möchten mit On zeigen, dass es möglich ist.

Lululemon arbeitet ja auch schon mit Lanzatech zur Entwicklung von Fasern. Auch für Sie interessant?
Absolut. Zumal die Herstellung von Polyester deutlich weniger komplex ist als die Herstellung des EVA-Schaums.
Wann werden Sie das erste Clean Cloud-Modell in den Händen halten?
Mittelfristig (lacht).

Geht es etwas konkreter?
Der Werkstoff ist aktuell in Bearbeitung. Noch in sehr kleinen Mengen. Wenn alles funktioniert, heißt mittelfristig in unserer Zeitachse vielleicht im nächsten Jahr. Wenn das allerdings nicht klappt, müssen wir uns nichts vorwerfen. Wir haben es versucht. Dann geht es in einem zweiten Schritt darum, das zu skalieren. Mit der Hoffnung, dass wir perspektivisch – das wird eher fünf als zwei Jahre dauern – die Mehrzahl unserer Produkte damit herstellen. Es braucht ein bisschen Demut bei dem Thema. Wir glauben, dass es funktionieren wird. Aber es kann auch scheitern. Und wir werden ganz bewusst auf verschiedene Technologien parallel setzen.

Bislang ist die Menge an Ethanol, die Lanzatech Ihnen liefern kann, begrenzt.
Lanzatech baut jetzt weitere Anlagen und skaliert seine Technologie. Teil unseres Agreements ist natürlich, dass wir Zugang haben zu entsprechenden Mengen.

Über welche Mengen sprechen Sie da? Die erste Lanzatech-Anlage hat bislang einige hundert Millionen Liter Ethanol produziert. Wie viel bräuchte allein On?
Die genauen Mengen können wir noch nicht beziffern. Die Weitergabe genauer Daten in diesem Stadium könnte irreführend sein, da sich das Endprodukt noch in der Entwicklung befindet. Und wir sind ja nicht die einzigen, allen voran Airlines, aber auch Konsumgüterkonzerne wie Migros und Unilever stehen Schlange. Genau so entsteht eine Industrie. Darum geht es, und das wird auch in Glasgow gefordert. Im Gegensatz zum Klimagipfel in Paris haben wir heute viele Technologien zum Stoppen des Klimawandels zur Verfügung, viele allerdings bislang nur im Labor.

Wie viel teurer wird der serienfähige Schuh mit Clean Cloud sein?
Unser Anspruch ist der, dass der Preis im Rahmen unserer üblichen Range liegt.

Wie soll das gehen?
Noch ist Erdöl recht günstig. Wir sind aber sicher, dass in Zukunft neue rohölbasierte Materialien über Steuern oder Strafzölle deutlich teurer werden. Und plötzlich werden nicht besteuerte Ausgangsstoffe auch finanziell attraktiver. Genau das ist am Ende die Botschaft. Es ist möglich und es ist wirtschaftlich sinnvoll. Und jetzt müssen wir es tun.
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