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Ortstermin: Neue Schuhe aus Münster

Running Start-up True Motion kommt ins Laufen

True Motion
Das Gründerteam von True Motion: Andre Kriwet, Christian Arens und Gert-Peter Brüggemann.
Das Gründerteam von True Motion: Andre Kriwet, Christian Arens und Gert-Peter Brüggemann.

Wenn man die ersten Kilometer zu schnell angeht, kann man auf der Strecke üble Probleme bekommen. Jeder Langstreckeckenläufer weiß das. So gesehen muss man sich um die junge Laufschuh-Marke True Motion aus Münster fast schon Sorgen machen. Denn im ersten Jahr nach dem Start des Rennens gegen Asics, Nike, Adidas, Puma, Brooks, Mizuno oder On Running läuft es super.

Über 35.000 Paar haben die drei Gründer seit Sommer 2019 verkauft, zunächst vom Erstlings-Modell Nevos, seit diesem Frühjahr auch vom zweiten Schuh der Palette, dem noch etwas komfortableren Aion. Zum allergrößten Teil über den Fachhandel, aber auch über den eigenen Onlineshop. Und die Zahl der Fachhandelspartner steigt. Zufrieden? "Wir haben uns natürlich einiges erhofft, aber die Einführung der Modelle hat unsere Erwartungen übertroffen", erklärt das Trio.

Auch preislich sind die Neuen vorne mit dabei: Der Nevos ist im Geschäft für 150 Euro zu haben, der Aion für sportliche 180 Euro, beide in zahlreichen Farben. Nach Angaben der Gründer haben die Läufer diese Preise auch tatsächlich gezahlt, Rabatte gab es nicht: "True Motion wurde bisher zum Vollpreis durchverkauft."

True Motions U-Tech: Der Schlauchboot-Effekt

Die Revolution im Running wird von der Industrie gerne immer wieder angekündigt, meistens zunächst in den USA.  Jetzt aber soll „der beste Laufschuh der Welt“ mal aus Münster und Köln kommen – vom 2019 gegründeten Start-Up True Motion.

Neben Andre Kriwet – zuvor schon bei Nike, Asics und Brooks als Schuh-Bauer aktiv – ist Gert-Peter Brüggemann, emeritierter Professor für Biomechanik an der Sporthochschule Köln und jetzt Leiter des Institutes für funktionelle Diagnostik im Media Park Köln, der Treiber hinter dem  Superlativ. Im Diagnostik-Institut lief ein wesentlicher Teil der Forschung.

U-Tech heißt die daraus entstandene, inzwischen patentierte Technik, die insbesondere das Knie und damit die medizinische Hauptbaustelle des Läufers schonen soll. Das Entwicklerteam hat sich die Natur zum Vorbild genommen: Rund um das knöcherne Fersenbein des Menschen liegt ein schützendes Fettpolster – das wurde mit der U-förmigen Sohlenkonstruktion quasi nachgebaut.

Man stelle sich ein halbiertes Schlauchboot vor: Auf den aufgeblasenen Schläuchen  setzt der Fersenrand auf. Die Kräfte bei der Landung werden somit in diesem U zentriert. Das soll zur Folge haben, dass die Kraft gerade durchs Kniegelenk nach unten geht. Verdrehungen dieses verletzungsempfindlichen Gelenkes werden danach vermieden.

Durch das geschäumte U fühlt sich der Schuh extrem weich an. Dessen Kunststoff federt angeblich  „vergleichbar einem Trampolin“ besonders stark zurück, der Läufer ermüde später. True Motion zitiert eine Studie, nach der U-Tech „im Vergleich zu führenden Neutral- und Stabil-Schuhen im Mittel“  die Belastung des Knies um 10 % und die der Achillessehne um 8 % reduziere. Die Muskelkraft arbeite um 10 % effektiver, die Dämpfung liege um 15 % höher.

Anfängerglück? Wohl eher nicht. Denn die Neulinge schon seit Ewigkeiten im Geschäft, sollten also die Tücken und Erfordernisse des Laufschuhmarktes kennen:  Andre Kriwet (48) hat schon für Nike, Asics "gebaut", wie er sagt und war zuletzt oberster Schuhentwickler bei Brooks in Seattle und Münster. An einigen dieser Stationen hat er mit Gert-Peter Brüggemann (68) zusammengearbeitet, inzwischen emeritierter Professor für Biomechanik – genau das hatte auch Kriwet studiert − an der Sporthochschule Köln. Inzwischen leitet er sein eigenes Institut für funktionelle Diagnostik im Media Park Köln, wo er für die Entwicklung der neuen Produkte jede Menge Läufer laufen ließ – und zahllose Daten auswertete. Dritter Gründer ist Christian Arens (30), der seine Karriere als Wirtschaftsprüfer beim weltweiten Beratungsunternehmen PWC zugunsten der Drei-Mann-Turnschuh-Gründung in Münster aufgegeben hat.

True Motion: Der Schuh, die Technik, der Test

"Der beste Laufschuh der Welt"

Sie wollten halt endlich "den besten Laufschuh der Welt bauen", steht ziemlich vollmundig auf der Homepage. Ohne die Standards, Einschränkungen und Rücksichtnahmen, die die Produktentwicklung in einem weltweit tätigen Konzern mit sich bringt, wie Kriwet sagt. Die Freiheit, einen Schuh komplett vom weißen Blatt Papier ohne Vorgaben zu entwickeln, munitioniert mit Brüggemanns Grundlagenforschung aus vielen Jahren − das machte den wesentlichen Reiz des Wagnisses aus. Pronations- und Stütz-Kategorien wie beim Mainstream spielten kaum eine Rolle.

Der Biomechanik-Schuh aus Münster und Köln soll besonders bequem sein und einen intensiv nachfedernden "Trampolin-Effekt" produzieren. Beim Test-Lauf mit Gründer Kriwet eineinhalb Mal um den Aasee − rund 7,5 Kilometer − konnte sich die TW davon überzeugen, dass das an diesen Versprechen tatsächlich etwas dran ist. Vor allem aber sollen die Schuhe mit dem großen, geschäumten U am Hacken-Teil der Sohle sehr Knie- und Achillessehnen-schonend sein. Ob das tatsächlich so ist, mögen Ärzte und Dauerverwender entscheiden.

Rund 40% der Läufer leiden Statistiken zufolge schließlich an Knieproblemen, weitere 20% haben Ärger mit der Achillessehne. "Das sind schon 60% der Läufer. Da haben wir als Laufschuhindustrie in den vergangenen Jahren trotz unzähliger Innovationen wohl irgendetwas nicht richtig gemacht", meint Kriwet. Seine Schuhe, in denen des Läufers Beine zudem noch später ermüden sollen als in Modellen der etablierten Konkurrenz, sollen diese Zahlen drücken helfen.

ISPO-Preise zum Start

Dass beide Modelle sofort mit ISPO-Preisen ausgezeichnet wurden, dürfte manche Tür zum Laufladen um die Ecke geöffnet haben. Der Fachhandel, das war von vornherein klar, sollte der wesentliche Vertriebskanal werden und eine seiner Kernkompetenzen ausspielen: "Wer sonst könnte Läufern unsere Geschichte glaubhaft erklären?", fragt Kriwet. Und tatsächlich kaufte der Fachhandel diese Geschichte sofort.

Anhand einer Liste von rund 80 kleinen Händlern − keine großen Ketten − arbeiteten sich die  Gründer durch die Republik, um Lust auf ihr Produkt zu machen. "Nach unseren Gesprächen innerhalb der Branche gingen wir davon aus, dass vielleicht ein Drittel der Händler diesen neuen, unbekannten Schuh ins Sortiment aufnehmen würden", erinnert sich Kriwet. Doch fast alle schlugen zu und wollten die neue Technik "U-Tech" für ihre Läufer haben. Inszwischen sind es fast 100 vor allem in Deutschland, wenige auch in Österreich und der Schweiz. Die weitere Europa-Expansion steht auf dem Plan, aber eher im Marathon-, als im 400-Meter-Tempo. „Das zeigt doch, dass der Markt neue, gute Produkte mit einer glaubwürdigen Story sucht“:  deutsches Start Up, wissenschaftlicher Hintergrund, besonderes Laufgefühl – eine gewisse Alleinstellung angesichts von 40 Anbietern auf dem Markt.

Händler: "Die Story ist plausibel"

Das bestätigt Daniel Harzbecker, Eigentümer von Laufsport Bunert in Düsseldorf: "Selbstverständlich wird Storytelling im Verkauf immer wichtiger. Und die True Motion-Story ist plausibel und glaubwürdig."

Eine "mittlere dreistellige Anzahl" des neuen Schuhs hat er in seinem Laufladen schon verkauft – nach einen Artikel in der FAZ im vergangenen Jahr rannten ihm die Kunden buchstäblich die Bude ein. "Die Leute wollten nur diesen Schuh. Sie wollten eigentlich von uns nur hören, dass er gut ist und dann wissen, ob wir ihre Größe im Laden haben. So etwas habe ich noch nicht erlebt", so Harzbecker. Sein Laden ist Teil eines Netzwerkes von mehr als einem Dutzend Bunert-Shops zwischen Siegburg und Kleve.

Dass der Herstellerersteller noch so klein, die Kommunikation zu den Chefs so direkt ist und die Wege so kurz sind, gefällt dem Händler. Er fühlt sich gut betreut. Und die Qualität sei in Ordnung, die Nachlieferung gehe zumeist schneller, als bei größeren Marken. "Ich habe dafür ja keine andere Marke ausgelistet", sagt Harzbecker, "wir verkaufen True Motion on top, weil dieser Schuh wirklich anders ist. Das funktioniert." Ist True Motion gekommen, um zu bleiben? "Ich hoffe."

Ob der Erfolg von On Running aus der Schweiz, die vor zehn Jahren gestartet waren, bei der Akzeptanz des neuen Schuhs aus Deutschland geholfen hat? "Bei den Endkunden wahrscheinlich nicht. Bei den Händlern aber vermutlich schon. Die Kollegen haben schließlich gezeigt, dass auch eine neue Marke aus dem deutschsprachigen Raum auf diesem Markt ihren Platz finden kann", sagt Schuhbauer Kriwet – und Händler Harzbecker stimmt ihm zu.

Produktentwicklung in der Küche

Bei den Marketing-Ausgaben sind die Münsteraner allerdings zurückhaltender als die Schweizer. Auf klassische Werbung verzichtet True Motion. Neben der Beratung im Fachhandel soll die Mund-zu-Mund-Empfehlung zwischen Läufern ebenso für Bekanntheit und Absatz sorgen wie die Social Media-Auftritte. Für den Herbst war auch der Einstieg ins Sponsoring eines großen Halbmarathons geplant – doch  der Lauf fällt Corona bedingt aus.

Dass die Marge beim Neuling niedriger ist als bei vielen Dauerläufern im Markenfeld sei immer wieder ein Thema im Gespräch mit dem Handel. "Aber wir drücken halt nicht hunderte Paare in den Laden, von denen dann die letzten irgendwann stark rabattiert verkauft werden müssen. Unsere Schuhe können zum Vollpreis verkauft werden", sagt Finanzmann Arens. „"Dass das bei den Partnern unter dem Strich mehr bringt, als das übliche Verfahren, bei dem es am Ende immer um schmerzhafte Retouren geht, ist bei einigen Händlern immer noch ein wenig erklärungsbedürftig."

Bunert-Händler Harzbecker hat damit kein Problem: "Die Aussicht, die Schuhe schnell und ohne Rabatte verkaufen zu können, ist doch viel wichtiger, als ein oder zwei Prozent Vorteil in der Vororder."

Fünf Jahre zum Break Even

Corona hat der U-Schuh ganz gut überstanden. Der Umsatzeinbruch nach dem Shutdown der Fachhandels-Partner ist inzwischen ausgeglichen. Arens‘ Business-Plan sieht weiterhin vor, innerhalb von fünf Jahren den Break Even zu erreichen. Was ziemlich schnell wäre. Eine Laufschuhmarke zu etablieren, sei ein Marathonlauf, sagt Kriwet, "wir wollen langsam wachsen, aber nachhaltig." Mehr verraten sie nicht über ihre Etappenziele beim Wachstum. Druck von externen Investoren ist dabei nicht zu erwarten − denn es gibt keine. Die Gründer finanzieren ihr Projekt, unterstützt von Banken, bisher selber. Von einem hohen sechsstelligen Betrag ist zu hören.

Die drei sind sparsam. Das Gespräch mit der TW fand mangels Firmenzentrale in einem Restaurant am Aasee in Münster statt, mit Blick auf eine der beliebtesten Laufstrecken der Stadt. Auto, Kunden-Laden, Hotel und Homeoffice waren bisher vor allem als Arbeitsplatz angesagt, bei Kriwet auch gerne mal in der heimische Küche – dort sind bereits drei weitere True Motion-Modelle in Arbeit. Als nächster soll ein schneller Schuh kommen.

Riesengroß soll die Palette allerdings auch nicht werden, mit fünf Modellen ließen sich 90 % der potenziellen Kundschaft erreichen. Das sehen viele große Hersteller mit einer kaum noch zu überblickenden Sortimentsbreite unterschiedlicher Schuhe für unterschiedliche Kundengruppen allerdings ganz anders. Im Handel indes begrüßen viele die klare Struktur der Neustarter.

Wie groß mag diese potenzielle Kundschaft sein? Kriwet: "Es gibt 20 Millionen Läufer in Deutschland, sechs Millionen davon sehen wir als unsere Zielgruppe an." Und dann gibt es ja noch das Ausland. Seit ein großes US-Laufmagazin über die Marke aus Westfalen berichtet hat, kommen auch Anfragen aus Amerika. "Die Marke kann einmal etwas ganz Großes werden", glaubt der Gründer.

"Made in Germany" gescheitert

Für den nächsten Schritt zu diesem Ziel wurde jetzt erst einmal der Mietvertrag für das erste Büro in Köln unterschrieben. Drei Mitarbeiter sind unlängst eingestellt worden − damit halten sich Beschäftigte und Eigentümer die Waage. Und es ist noch nicht lange her, dass die Logistik an einen externen Dienstleister abgegeben wurde – vorher brachten die Chefs die online bestellte Ware noch selber zur Post.

Diese Ware würden sie am liebsten in Deutschland produzieren lassen. In Pirmasens war monatelang probiert und getestet worden – letztlich ohne Erfolg. Jetzt sind die Schuhe Made in China. Das sei schade und auch irgendwie grotesk: "Die Maschinen, mit denen unsere Schuhe in Südchina produziert werden, kommen zum großen Teil aus Deutschland. Doch die erforderliche handwerkliche Expertise, die fehlt. Wir kriegen das hier noch nicht hin“. Aber sie bleiben dran. Langstreckenläufer halt.
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