TW Sports
Outdoor Sommer 21

Kein Spaziergang

Dynafit
Der Wettbewerb wird sich auch in der Outdoor-Branche weiter verschärfen.
Der Wettbewerb wird sich auch in der Outdoor-Branche weiter verschärfen.

Die Sportbranche scheint auf den ersten Blick von der Krise nicht ganz so hart getroffen zu sein wie die Mode. Was die Planungen für nächsten Sommer angeht, hofft vor allem die Outdoor-Branche darauf, weiter von der Lust auf die heimische Natur zu profitieren. Doch auch dieser Markt wird sich grundlegend neu sortieren.

Seit die Türen auf sind im Allgäu, brennt bei Reischmann die Hütte. „Der Mai und der Juni waren wirklich sehr gut, insofern bin ich optimistisch, was den Bereich Outdoor angeht“, so Thomas Reischmann, der sich bei dem Ravensburger Handelsunternehmen um das Thema Sport kümmert. Und damit im Unternehmen momentan sicher den angenehmeren Job hat. Der Sport sorgt bei den meisten Händlern, die neben Mode- auch Sporthäuser oder -Flächen haben, zumindest für einen Lichtblick. Das gilt für Reischmann in Ravensburg genauso wie für L & T in Osnabrück wie auch für Engelhorn in Mannheim.

Doch so positiv die jüngsten Entwicklungen ihn stimmen – von der Euphorie seiner Einkäuferin will sich Reischmann nicht anstecken lassen. „Die muss ich jetzt erst einmal bremsen. Zum einen könnten das im Moment einfach Nachholeffekte sein, zum anderen können wir noch überhaupt nicht abschätzen, wie sich die Konsumlust entwickeln wird.“ Konstatieren lässt sich aber zunächst einmal: Der Sporthandel steht momentan besser da, als es die Worst Case-Szenarien während des Shutdowns befürchten ließen. Nicht nur im Allgäu. Viele hatten die Sommersaison bereits nahezu abgeschrieben. Das gilt für Handel wie Industrie gleichermaßen.

„Outdoor entwickelt sich auf hohem Niveau weiter - das hat mit Corona gar nichts zu tun. Unsere Grundphilosophie, unsere DNA und Nähe zu den Bergen, passt in die Zeit. Aber wir arbeiten auch Themen wie Urbanität und Regionalität heraus, das hilft bei den Kampagnen - und bei der Verjüngung unserer Zielgruppe.“
Helmut Buchheimer, Einkaufsleiter beim Sporthaus Schuster, München

Doch schon in den Wochen der Ladenschließungen gab es Gewinner. Allen voran natürlich die Online-Spezialisten, aber auch online-affine Multichannel-Händler. Zumindest einen Teil der Verluste konnten sogar die auffangen, die kurzfristig über unterschiedlichste Plattformen zumindest einen Teil ihrer Ware an den Kunden bringen konnten. In dieser Zeit legte Running überproportional zu, außerdem Fitness und Training. Und der Gewinner des Jahres 2020: Bike. Outdoor zählte in dieser Phase mit schärferen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen online noch nicht zu den Gewinnern. Und auch in den ersten Wochen der Wiedereröffnung waren es noch Kategorien wie Fitness-Kleinteile, Inline-Skates, Bike, Running und Nordic Walking, die den Umsatz trieben, wie etwa Thomas Maier, Category Division Manager Outdoor, Snow, Sun & Fun bei Intersport, berichtet.

Outdoor Sommer 21: Was kommt, was bleibt?


Dann endlich zog auch das Outdoor-Geschäft an. „Nachdem wir mit Running, Training und Fitness schon im Mai ein Plus erzielen konnten, hat im Juni glücklicherweise auch die Outdoor angezogen“, so Frank Wolf, Bereichsleiter Sport bei L & T in Osnabrück. „Wir haben das sehr gezielt mit Club-Aktionen gefördert – und die Kunden haben sich auch gerne aktivieren lassen.“ Dass allerdings gerade in den Jackenmonaten die Läden geschlossen waren, schmerzt natürlich. „Aber wenn es wirklich gelingt, die Saison zu verlängern, können wir einen Teil der Umsätze mit Shirts und Midlayern auffangen“, ist auch Katrin Voss, Category Manager Outdoor bei Sport 2000 vorsichtig optimistisch.

„Was die Vororder angeht, werden wir uns zunächst einmal die Planzahlen für Sommer 20 vornehmen – auch wenn es realistischerweise noch viele Fragezeichen gibt. Allein schon, was jetzt in Gütersloh passiert ist, zeigt, wie fragil die ganze Situation ist. Und es gibt große Unsicherheiten – auf beiden Seiten. Aber eine Richtschnur braucht man schließlich.“
Frank Wolf, Bereichsleiter Sport bei L&T, Osnabrück

Der verhaltene Optimismus bei der Industrie erhielt allerdings spätestens mit Bekanntwerden der Karstadt Sports-Schreckensliste einen empfindlichen Dämpfer. Karstadt Sports gehört – neben SportScheck – bei nicht wenigen Outdoor-Anbietern zu den Top 10-Kunden. Sie versuchen jetzt erst einmal, die Tragweite dieses Schritts abzusehen. Der kam natürlich nicht überraschend, war aber was Tempo und Volumen angeht, von vielen nicht so erwartet worden. Bis dato haben viele Lieferanten noch nicht mit den Karstadt-Leuten sprechen können und hoffen darauf, dass die Ankündigung von 20 Schließungen noch ein Stück weit Säbelrasseln ist.


Dass sich gleichzeitig das SportScheck-Filialnetz durch das Umflaggen der verbleibenden Karstadt Sports-Filialen deutlich vergrößern könnte, wird als richtiger und wichtiger Schritt des Konzerns bewertet. Wenngleich die Konsequenzen, die das für die Lieferanten haben könnte, auch noch nicht abzusehen sind. Einfacher werden die Gespräche über Konditionen sicher nicht.



Es geht in der Standortfrage längst nicht nur um Doppel- und Dreifach-Belegungen in den Großstädten mit Warenhäusern, Karstadt Sports und SportScheck, die sich nun vielerorts erledigt. Nicht zu vergessen sind die Sportabteilungen der über 60 Warenhäuser, die von der Schließung bedroht sind. Fast jede dieser Karstadt- oder Kaufhof-Filialen hat zumindest eine kleine Sport-Fläche. Händler, die heute schon – oder vielmehr noch – an diesen Standorten vertreten und etabliert sind, könnten von dieser Marktbereinigung profitieren. Zumal auch die Zukunft der McTrek-Filialen der insolventen Yeah AG noch mit Fragezeichen versehen ist. „In ‚normalen‘ Zeiten hätte allein schon das Aus von 20 Voswinkel-Filialen die Branche in Aufruhr versetzt“, konstatiert ein Lieferant. Über die spricht heute schon fast keiner mehr.


Voswinkel selbst ist mit seinem bereinigten Filialnetz und unter den gegebenen Voraussetzungen nicht unzufrieden mit der jüngsten Entwicklung und plant in der wichtigen Kategorie Outdoor sogar mit Wachstum. „Wir glauben daran, dass Outdoor ein Wachstumsfeld ist“, sagt Einkaufschef Markus Rixen. „Wir planen für Sommer 21 ein Plus zum Plan für Sommer 20. Denn wir gehen davon aus, dass auch der nächste Sommerurlaub eher im eigenen Land oder in angrenzenden Ländern geplant werden wird und uns das in die Karten spielt. Denn in diesen Wochen ist Outdoor wirklich im Aufwind, Textil aktuell sogar noch stärker als Schuhe und Hartwaren. Das wird sich fortsetzen.“
„Derzeit wächst Outdoor zweistellig im Vergleich zu den Vorjahreswochen. Die Schuhe sind hier der größte Umsatztreiber. Outdoor-Hartware und -Textilien ziehen jetzt sehr gut nach. Die nächsten Wochen und Monate werden absolute Outdoor-Monate.“
Katja Erbe, Head of Category Management bei Intersport



Die Planung für den nächsten Outdoor-Sommer laufen auf Hochtouren. Zwei Themen haben in dieser Orderrunde deutlich an Bedeutung gewonnen: Zum einen verschieben sich tatsächlich Order- und Liefertermine um im Schnitt vier bis sechs Wochen. Das wird prinzipiell von allen Marktteilnehmern begrüßt. Das verlängerte Orderfenster gibt den Händlern gerade in diesen Wochen ein Stück Planungssicherheit. Auch das Streichen früher Liefertermine im Januar stößt bei den meisten Händlern auf Zustimmung. „Vor Mitte März reden wir gar nicht von einer Outdoor-Saison“, so Katrin Voss. „Unsere Mission Outdoor-Dachkampagne werden wir sogar erst Mitte April starten. Das reicht für Outdoor.“


Der deutlich erhöhte Anteil an Durchläufern ist das zweite große Thema. Salewa-Chef Stefan Rainer kündigte diesen Schritt schon Ende März an und hoffte auf viele Nachahmer. Seine Hoffnung erfüllte sich. Auch dieser Schritt wird vom Handel größtenteils befürwortet. Die Kunden würden sich daran sicher nicht stören, und hätten auch gar nicht diese Erwartungshaltung, heißt es in vielen Gesprächen. „Die kommen nicht vier Mal im Jahr in den Laden und fragen: Was gibt es Neues? Wir sind ja zum Glück nicht bei H &  M“, so etwa Sport Schuster-Einkaufsleiter Helmut Buchheimer. „Aus unserer Sicht könnte die dunkelblaue Hardshell-Jacke auch gerne mal vier Saisons durchlaufen“, ergänzt Voswinkel-Einkäufer Rixen.

„Ich hatte bei keinem Lieferanten das Gefühl, dass es in der aktuellen Situation zu wenig Innovationen gibt. So ganz neu muss man das Rad nicht jede Saison erfinden, die Bandbreite ist immer noch riesig. Ich finde das nicht bedenklich und es kann den Markt beruhigen. “
Katrin Voss, Category Manager Outdoor bei Sport 2000

Auf der Agenda steht weiterhin die Verjüngung der Outdoor-Zielgruppe. Dafür bieten die Kollektionen weiter Potenzial. Mit Paketen rund um Leichtigkeit für den fitness-orientierten Kunden, mit dem Aufbau des jungen, Outdoor-nahen Themas Trailrunning oder dem großen Gewinner Bike. Der Launch einer neuen Bike-Kollektion von Schöffel ist eine Punktlandung. Manch ein Händler warnt dennoch vor einer fehlenden Erneuerung der Outdoor-Sortimente und dass damit eine Verjüngung schwierig wird. Nicht zuletzt bleibt die Frage nach der Warenverfügbarkeit. Wird für nächstes Frühjahr genug produziert und genug zum Nachziehen verfügbar sein? Entscheidend für den Abschluss der Saison wird nun aber zunächst einmal die Sale-Frage. Die Erhöhung des Durchläufer-Anteils müsste eigentlich dazu führen, dass der Handel genau dafür weniger Ware zur Verfügung hat. „Ob sich daran dann aber auch alle halten, die dringend noch Umsatz brauchen, wird spannend“, so Globetrotter-COO Johannes Jurecka. „Je länger alle ruhig bleiben, desto besser.“
stats