Mode oder Funktion? Das eine schließt das andere keineswegs aus. Ganz im Gegenteil. Bei der Entwicklung neuer Produkte spielt die Verschmelzung von Alltags-, Sport- und Outdoorbekleidung eine immer größere Rolle. Fashion wird sporttauglich, Activewear nimmt einen immer größeren Raum im Alltag ein. Danach richten sich immer mehr Kollektionen aus. Das Know-how aus dem Sportsegment nimmt Einfluss auf die Mode. Gleichzeitig prägen modische Ansprüche Optik und Haptik von Funktionsmaterialien.

Nicht umsonst setzt die bevorstehende Spezialmesse Performance Days München (8. und 9. Mai) diesmal den Fokus auf „The Beauty of Function“. Wie modisch kann Funktionsbekleidung daherkommen? Welchen Mehrwert kann Funktion der Mode bieten? Welche große Rolle spielt dabei das Thema Sustainability? Darüber hat die TW mit Rüdiger Fox, CEO des Membran-Spezialisten Sympatex gesprochen.

TextilWirtschaft: Wie viel Funktion braucht Mode, Herr Fox?
Rüdiger Fox:
Die Integration von Funktion in Mode bietet Designern eine zweite Dimension für ihre Kreativität: Sie können „innere Erlebniswelten“ erschaffen, in denen der Kunde die Funktion selbst erfährt. Inzwischen sind Funktionstextilien so vielseitig einsetzbar, dass sie Designern auch die Freiheit bieten, die Funktionalität in ihre Designvorstellungen zu integrieren. Egal ob lightweight, stretchy oder casual – all diese Eigenschaften können mit High-Performance-Materialien erzielt werden.


Umgekehrt, wie viel Fashion braucht Funktionsbekleidung heute?
Es scheint integraler Teil eines jeden Entwicklungsprozesses zu sein, dass sich Themen anfangs zu widersprechen scheinen, später aber miteinander in Einklang gebracht werden. Funktionsbekleidung kann heute höchst modisch sein, ohne bei der Funktionalität Abstriche machen zu müssen.


Was ist mittlerweile funktioneller Standard? Was bringt Mehrwert und was lässt sich vielleicht noch nicht umsetzen?
Umsetzbar ist heute so gut wie alles – allerdings haben die eingesetzten Materialien zum Teil sehr gravierende negative Auswirkungen auf die Umwelt. Insofern muss heute die Frage lauten: Wie kann der funktionelle Standard gleichzeitig auf ökologisch vertretbare Weise realisiert werden. Dies ist eine Chance für Unternehmen, sich zu differenzieren. Denn eine weitere Steigerung von Performance-Faktoren macht in der Realität kaum noch Sinn – eine Minimierung der ökologischen Konsequenzen dagegen sehr wohl.


Was hat der Modehersteller davon, wenn er in Funktion investiert?
In erster Linie investiert er natürlich in seine Marke. Als Ingredient Brand bietet Sympatex einen funktionellen Mehrwert für die Endprodukte der Markenpartner – insofern profitiert die Marke auch über den Ausbau der Sortimentstiefe und somit über die Chance auf neue Marktanteile. Funktionelle Mode hält in immer mehr Alltags- und Freizeittätigkeiten Einzug. Egal ob Athleisure- oder Business-Mode, unsere wasser- und winddichten sowie atmungsaktiven Materialien schützen nicht nur vor Nässe, sie bieten auch ein hervorragendes Feuchtigkeitsmanagement in vielen Alltagssituationen wie etwa auf dem Weg ins Büro. Davon profitieren beispielsweise schon Hugo Boss, Mammut, On, Bugatti, Paul Green, Marc Shoes, BeNatural und ab Herbst auch Käufer der österreichischen Schuhmarke Think!. Das sind Markenpartner, die sich aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten für Sympatex entschieden haben.


Alle sprechen von Sustainability. Wo fängt es an, wie weit geht es?
Das Thema Nachhaltigkeit kommt – zum Glück – immer stärker als Anforderung auf unsere Industrie zu. Dies wird noch von vielen als Bedrohung empfunden. Wir haben den Ansatz „Design to Recycle“ längst vollständig in unseren Entwicklungsprozess integriert. Vor jeder Neuentwicklung stellen wir uns zusätzlich die Frage, wie sich die Materialien mit unserem Ansatz und dem klarem Ziel „zügige Schließung des Textilkreislaufs“ vereinbaren lassen. Wir wollen sicherstellen, dass sich der Produktdesigner unserer Brandpartner nicht einschränken muss, suchen gleichzeitig aber gezielt nach Ersatz für Rohmaterialien, mit denen sich eine Schließung des Textilkreislaufs nicht mehr verwirklichen lässt. Sympatex hat sich zum Beispiel aus diesen Gründen dazu entschlossen, bei der Neuentwicklung von Artikeln Alternativen zu Elastan zu finden, ohne beim Stretch unvertretbare Kompromisse zu machen. Denn Elastan vermindert die Sortenreinheit von Polyester-Laminaten, sodass ein vollständiger Recyclingprozess verhindert wird.


Wie sehen Ihre Alternativen aus?
Bereits Anfang 2017 haben wir entsprechend unserer klaren Zielsetzung der Sympatex „Agenda 2020“ angefangen, unser Portfolio nach rein nachhaltigen Gesichtspunkten zu clustern und seither Materialien konsequent eliminiert, die sich nicht mit unseren nachhaltigen Ansätzen und unserem Ziel eines geschlossenen Textilkreislaufs sowie weiterer Zielsetzungen wie Wasser –, Chemie- und CO2-Einsparungen vereinbaren ließen. In diesem Zuge bauen wir seither den Anteil recycelter und nachwachsender bzw. biobasierter Rohstoffe in den Ober- und Futterstoffen kontinuierlich aus und steigern konsequent den Anteil von Materialien, die zum Upcycling geeignet sind – ohne bei der Performance Kompromisse zu machen. Erklärtes Ziel ist es, gemeinsam mit Kunden und Marktpartnern den Textilkreislauf zu schließen.

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Was machen Sie anders als Ihre Mitbewerber?
Bei uns ist Nachhaltigkeit nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern primärer Fokus unserer Geschäftsstrategie. Mit unserer „Agenda 2020“ haben wir es uns zum Ziel gemacht, nicht nur das gesetzlich Notwendige, sondern das technisch Mögliche zu unternehmen, um unseren Beitrag für die schnellmögliche Schließung des textilen Kreislaufs zu leisten. Angesichts der etwa 100 Milliarden Kleidungsstücke und rund 23 Milliarden Paar Schuhe, die weltweit jährlich aus ca. 97% neuen Rohmaterialien entstehen, muss dies das Ziel Nummer 1 unserer gesamten Textil- und Schuhindustrie werden – oder wie Greta es ausdrücken würde: „Wir sollten Panik bekommen!“. Abgesehen von dieser unsäglichen Ressourcenverschwendung und Müllerzeugung ist eine direkte Folge unseres industriellen Nichthandelns ein Anteil an der weltweiten Klimaerwärmung von derzeit etwa acht Prozent – wenn wir nichts ändern, verdoppelt sich dieser Anteil bis 2030.


Wo sehen Sie in Zukunft Schwerpunkte und Potenzial?
Unsere Industrie hat zweifellos in den letzten zwei Jahren begonnen, Nachhaltigkeit als unausweichlich zu begreifen. Aber der Weg ist noch weit bis zur konsequenten Umsetzung einer Kreislaufwirtschaft – weniger aus technologischen Gründen als durch die Macht der Gewohnheit und der Skepsis. Insofern liegt unser wichtigster Fokus darauf, unsere Sichtweise, aber auch unser Wissen transparent zur Verfügung zu stellen.


Wo setzen Sie an?
Sympatex zählt als weltweit erster Anbieter einer klimaneutralen, PTFE-freien und 100% recycelbaren Membran zu den über 40 Erstunterzeichnern der „UN Fashion Industry Charter for Climate Action“. Die Charter beinhaltet unter anderem die Verpflichtung zu einer gezielten Auswahl klimafreundlicher Materialien bereits im Designprozess, dem transparenten Reporting des Klimaeffektes über die gesamte Supply Chain sowie das Ziel, die eingesetzten Materialien nach Nutzung wieder einer werterhaltenden Kreislaufwirtschaft zuführen zu können. Im Fall von Funktionstextilien hat der Einsatz einer klimaneutrale Sympatex-Membran einen entscheidenden Einfluss auf eine Kehrtwende. Sie stößt bereits bei der Produktion 50 Mal weniger CO2 aus als eine PTFE-Membran.


Wie positionieren Sie Ihre Marke mit Blick auf den Verbraucher?
Tagtäglich werden Tausende von Bekleidungsstücken und Schuhen gekauft. Fast Fashion ist wie Fast Food – der schnelle “Genuss“ ohne über die Folgen oder die in Kauf genommenen Kollateralschäden für Mensch und Natur nachzudenken. Wir haben daher im vergangenen Jahr die Kampagne „It’s In Your Hands“ – Es liegt in Deiner Hand! – Hashtag #IIYH – ins Leben gerufen, die nicht nur die Entscheider aus Industrie, sondern auch den Endverbraucher generell sowie potenzielle Käufer, Konsumenten und Social Media User auf allen On- und Offline-Kanälen ansprechen soll. Hier fragen wir provokant „In welcher Welt willst du leben?“ und zeigen radikal und ungeschönt die Wirklichkeit, auf die wir zusteuern, die teils schon Wirklichkeit ist: vermüllte Berge statt schöner Hügellandschaften, ausgedörrte Senken statt sommerlicher Badeseen oder auch verbrannte Erde statt satter grüner Naturlandschaften. Aufklärung ist alles.


Wie machen Sie das?
Wir haben Mitte 2018 mit dem Zwei-Welten-Konzept und der ungeschönten Darstellung der absehbaren Folgen unseres industriellen „weiter so“ mit einem Appell an die Markenpartner und die Textilbranche gestartet, radikal umzudenken. Die Reaktionen waren zweigeteilt – doch es war auch unser bewusster Ansatz, ein wenig zu schockieren und zu provozieren. Wenig später haben wir die Kampagne auf unsere Social Media Kanäle und auf die Landingpage www.closingtheloop.de übertragen, um auch den Endverbraucher gezielt anzusprechen. Hier riefen wir die User dazu auf, ihren persönlichen Anteil am Umweltschutz zu leisten. Parallel wurde dies über unsere Social Media Kanäle gepusht und durch eine offline-Aktion unterstützt: Wir sind gemeinsam mit Plogging-Erfinder Erik Ahlström aus Schweden und der Münchner Globetrotter Filiale am Vortag der Ispo München ploggen (=jogging + Müll sammeln) gegangen, um auf die Vermüllung unserer Landschaft und vor allem auf die Werthaltigkeit von „Müll“ aufmerksam zu machen.

Zuletzt haben wir unserer Website einen Neuanstrich verpasst. Der neue Auftritt ist eine spannende Erlebniswelt, welche zum Verweilen einlädt. Neben einer Zeitreise in die Sympatex Vergangenheit und Zukunft, klären wir zum Thema Nachhaltigkeit in der Textilindustrie auf und bieten Lösungsansätze, die sowohl den Endverbraucher als auch den Geschäftspartner abholen. Wir denken, dass eine gesunde Mischung aus Online- und Offline-Aktivitäten unsere Zielsetzung erlebbar und greifbarer für Industrie und Endverbraucher macht. Unsere nächste Aktion ist schon in Planung – immer unter dem Credo „Gemeinsam schaffen wir die Kehrtwende, gemeinsam können wir es schaffen, den Textilkreislauf zu schließen".


Was hat Sympatex mit Blick auf die kommenden Performance Days an Innovationen im Köcher?
Wir stellen neue, leistungsfähige Laminate vor, die höchsten Ansprüchen an Nachhaltigkeit gerecht werden. Dazu gehört beispielsweise der neue 3-lagige STX Toulouse Rise C0. Das Textil ist hochfunktionell und bietet mit der dritten Lage aus softem Jersey Komfortgefühl. Die Ökobilanz ist hervorragend: Neben der C0-Ausrüstung, bestehen Oberware und Backing aus 100% recycelten PES-Fasern, welche gegenüber Rohölfasern bei der Produktion rund 90% Wasser, ca. 2/3 Energie und rund 1/3 CO2 einsparen. Mit der 100% recycelbaren Sympatex-Membran kann der sortenreine Europa-Artikel problemlos dem Textilkreislauf zugeführt werden.

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