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Rose-Geschäftsführer Marcus Diekmann über neue Kooperationen

„Wann, wenn nicht jetzt?“


Rose Bikes
Marcus Diekmann: "Ich bin positiv überrascht, wie unkompliziert in dieser Situation vieles ist und wie groß der Wille, sich untereinander zu vernetzen."
Marcus Diekmann: "Ich bin positiv überrascht, wie unkompliziert in dieser Situation vieles ist und wie groß der Wille, sich untereinander zu vernetzen."

Marcus Diekmann ist E-Com-Experte, Geschäftsführer des Fahrrad-Anbieters Rose Bikes und überzeugter Netzwerker. Er gab den Anstoß zur Gründung einer Initiative, in der sich Händler gegenseitig unterstützen: mit Rat und Tat - und dem Anstoß für eine Open Source-Online-Plattform.

TextilWirtschaft: Herr Diekmann, Sie haben vor einer Woche die Initiative „Händler helfen Händlern“ ins Leben gerufen. Der Zuspruch ist groß, der Austausch unter den Mitgliedern in vollem Gang. Was überrascht Sie dabei?
Marcus Diekmann: Ich bin positiv überrascht, wie unkompliziert in dieser Situation vieles ist und wie groß der Wille, sich untereinander zu vernetzen. Da sind schon viele Hürden gefallen. Tom Tailor ist ebenso dabei wie Ramelow, Saturn und MediaMarkt ebenso wie die großen Verbundgruppen Intersport und Unitex. Die alle für eine gemeinsame Initiative zu gewinnen, wäre vor einem Monat noch kaum vorstellbar gewesen.


Aktuell arbeiten Sie mit Hochdruck an einer Lösung, die stationären Händlern einen möglichst unkomplizierten Online-Verkauf ermöglichen soll. Sie haben doch immer davor gewarnt, dass alle einfach online gehen. Woher der Sinneswandel?
Diese Initiative hat nichts mit einem strategischen Einstieg ins E-Commerce-Geschäft zu tun. Sie soll Händler dabei unterstützen, Ware abzuschleusen, die ansonsten im Laden festsitzt. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es nichts bringt, ein Modell, das offline veraltet ist, online zu stellen.


Aber wofür braucht es eine neue Plattform? Regionale Initiativen haben sich doch in den jüngsten Tagen vielerorts schon gebildet.
Ja das stimmt, es gibt derzeit viele Ansätze. Was unsere Idee unterscheidet, ist, dass wir uns auch darüber Gedanken machen, wie die Ware aus den Stores zu den Kunden kommt. Ansonsten könnte ich die Artikel im Prinzip auch bei Ebay oder Amazon hochladen. Dann wiederum gibt es Initiativen, die zwar die Auslieferung organisieren, aber keine professionelle Infrastruktur haben. Vor ein paar Tagen habe ich etwa mit jemandem telefoniert, der zwar auf Fahrradkuriere zurückgreifen kann, die Händler ihre Ware aber ungeprüft auf Rechnung verschicken sollen. Das ist, glaube ich, für viele nicht wirklich praktikabel.


Wie sieht Ihre Lösung aus?
Die Idee ist es, den stationären Händlern eine Plattform zur Verfügung zu stellen, auf der sie ihre Warenbestände hochladen und zum Beispiel durch Taxen, Lieferdienste, Getränkelieferanten und andere regionale Logistikdienstleister versenden können. Damit sollen Händler innerhalb von 14 Tagen einen neuen Verkaufskanal aufbauen können. Für die Entwicklung dieser Plattform erarbeitet aktuell unser Mitstreiter Shopware im Rahmen eines mehrtägigen Hackathons verschiedene Ansätze. Das Ganze ist ein Open Source-Projekt, sonst könnten und wollten wir das gar nicht unterstützen. Wir glauben fest daran, dass es mehr bringt, möglichst viele von einem solchen gemeinsamen Open Source-Tool zu überzeugen, als unzählige Plattformen nebeneinander zu entwickeln.


Wer verdient daran?
Der Händler, nicht wir oder unsere Mitstreiter. Wir wollen anderen Händlern unter die Arme greifen, das ist die Grundidee von ‚Händler helfen Händlern‘. Denn ich habe keine Lust zuzugucken, wie alles den Bach runtergeht. Und es geht jetzt darum, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Und sich nicht nur mit Liquiditätsprogrammen zu beschäftigen, sondern an einem grundlegenden Change zu arbeiten. Wann, wenn nicht jetzt?


Worum kümmern Sie sich?
Wir starten zentrale Aufrufe, wollen das Thema in die Öffentlichkeit bringen. Wir sind in Kontakt mit vielen Handels- und Wirtschaftsverbänden, außerdem mit großen Verbundgruppen. Die sollen dann ihre regionalen Händler triggern, damit wir möglichst viele Ware auf die Plattform bekommen. Die Anknüpfung der Plattform an Lieferdienste und Taxizentralen ist noch in der Konzeptionsphase. Ob uns das kurzfristig gelingt, wissen wir nicht, aber wir setzen alles daran. Wir sind dankbar für jeden Kontakt und jede Lösung, die uns dabei helfen können, eine solche Infrastruktur aufzubauen. Nach unserer Überzeugung sind jetzt alle aufgefordert, Ressourcen abzustellen, insbesondere Unternehmen, die noch nicht so stark von der Krise betroffen sind.


Sind das die Business-Modelle, die Sie in diesem Netzwerk neu entwickeln wollen?
Das ist eine Säule. Uns geht es erst einmal darum, möglichst viele miteinander zu vernetzen, um dann viele Infos schnell zu teilen, um dann wirklich in einen Austausch miteinander zu treten. Denn alle diese Themen werden uns natürlich auch nach Corona beschäftigen. Auch dann werden viele Taxis mit leerem Kofferraum herumfahren – nur ein Beispiel.


Welche Fragen werden in der Gruppe noch diskutiert?
Woom Bikes, ein Anbieter von Lauf- und Kinderrädern, denkt zum Beispiel darüber nach, ob es Sinn macht, jetzt ein Abo-Modell aufzubauen, um die Kunden an sich zu binden. Ein Luxusbetten-Hersteller will seinen Händlern unter die Arme greifen und überlegt, wie. Solche Fragen in einer Gruppe zu stellen und zu diskutieren wäre ja bis vor kurzem utopisch gewesen, das konnte man vielleicht in Einzelgesprächen. Man sieht wirklich eine Kultur-Veränderung. Ich habe schon immer dafür plädiert, dass es zum Beispiel keinen Sinn macht, wenn jeder Händler beim Aufbau eines Online-Shops bei Null anfängt. Über Netzwerken kann man richtig Kosten sparen, nicht nur in der Krise.


Das drängendste Thema der meisten Modehändler ist neben der Liquiditätssicherung das Waren-Management. Ihr Ansatz?
Man muss die Hersteller davon überzeugen, lange Zahlungsziele zu geben. Ich rede da von 300 Tagen.


Das kann sich aber kaum ein Hersteller leisten.
Deswegen müssen wir eine gemeinsame Forderungsliste an den Staat formulieren. Auch da sind wir dran. Zum Beispiel sind die Rückzahlungsmodalitäten für Darlehen aus meiner Sicht viel zu kurzfristig. Die Branche bräuchte Darlehen mit Laufzeiten von bis zu zehn Jahren, davon mindestens drei Jahre tilgungsfrei. Dafür müssen wir gemeinschaftlich kämpfen, alle Verbände ins Boot holen, dann kriegen wir Gehör. Und nie standen die Chancen so gut für einen solchen konzertierten Ansatz.


Online werden die ersten Rabattschlachten eröffnet. Das wird den Druck in der Wiedereröffnungsphase massiv erhöhen.
Deswegen mein Appell an jeden Händler, jetzt das Marketing-Konzept für die Wiedereröffnung zu entwickeln. Aber ja, die Folgen des drohenden Preiskampfs werden mörderisch sein, und sie werden vom Staat unterschätzt. Es ist abzusehen, dass der Handel nicht nur rückwirkend und für die Zeit der Ladenschließungen Unterstützung braucht, sondern auch einen finanziellen Vorschuss für bestimmt sechs Monate. Und unklar ist meines Erachtens auch noch, inwiefern die „positive Fortführungsprognose“, die die Banken auch für KfW-Kredite fordern, Gültigkeit hat, und wie viele Unternehmen damit von einer Förderung ausgeschlossen sind. Was heißt das für Händler, die schon vor der Corona-Krise in schwieriges Fahrwasser geraten sind? Nicht zuletzt müssen wir Druck ausüben, damit der Staat Amazon nicht aus den Augen lässt. Denn das ist der große Gewinner der aktuellen Situation. Konkurrenz hat Amazon hierzulande nicht der Online-Handel gemacht, sondern der flächendeckende, funktionierende stationäre Handel. Der ist jetzt stillgelegt. Da braucht es nun staatliche Regulierung.

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