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Sport-Order Winter 21

Lichtblicke am Horizont

Devold of Norway
Es gibt sie, die Lichtblicke für kommenden Winter. Themen, die bei der laufenden Order sogar ausgebaut werden.
Es gibt sie, die Lichtblicke für kommenden Winter. Themen, die bei der laufenden Order sogar ausgebaut werden.

Einfach raus in die Natur. Die Order der Sport- und Outdoor-Händler, die neue Kunden dafür begeistern könnten, ist in vollem Gange. Der Handel geht angesichts neuer Chancen nicht nur pragmatisch, sondern positiv in die Order für den kommenden Winter.

„Das ist das schwierigste Orderjahr, das ich je erlebt habe.“ Mit klassischem Einkaufen habe das, was er seit einem Jahr mit seinem Team leiste, wenig zu tun, sagt Sport Schuster-Einkaufsleiter Helmut Buchheimer. Mit Austesten und Nachjustieren, Hoch- und Runterplanen einzelner Lieferanten oder Kategorien ist es seit Monaten nicht getan. „Seit September müssen wir uns alle vier Wochen auf eine komplett neue Situation einstellen.“


Sport-Order Winter 21: Lichtblicke am Horizont: Die Order-Favoriten


Dennoch: Buchheimer bleibt positiv. „Die Leute wollen raus. Sie wollen wandern, sie wollen biken, sie wollen in die Berge. Dafür haben wir die Sortimente.“ Der letzte Sommer habe das Unternehmen darin nur bestärkt. Diesen Grundoptimismus teilen viele seiner Kollegen. Zumindest die, die mit ihren Sortimenten an diesen neu entdeckten Freizeitaktivitäten partizipieren können – und zwar zu jeder Jahreszeit.

Fokus auf Sustainability

Dabei verstärkt sich der Fokus auf mehr Nachhaltigkeit. Auch wenn das längst nicht alle Kunden aktiv nachfragen. „Für unsere Kunden ist das nach wie vor eher ein Zusatznutzen eines Produktes, für das sie sich auch sonst entschieden hätten“, berichtet Christoph Schmid von Sport Förg in Friedberg. „Aber nichtsdestotrotz ist das Thema Nachhaltigkeit für unser Unternehmen strategisch wichtig, und wir sehen es als unseren Auftrag, das Bewusstsein dafür zu schaffen.“ Und so stehen auch für kommenden Winter zunehmend Produkte mit diesem Zusatznutzen auf den Orderblöcken.

Ispo-Bilanz: Wichtige Plattform, zu wenig Interaktion

Auch auf der Ispo war Sustainability das dominante Thema – sowohl in den sogenannten Brandrooms der Aussteller als auch in vielen Workshops, Keynotes und Panel-Diskussionen. Vom 1. bis zum 5. Februar fand die Digital-Premiere statt, die Messe zählte von Montag bis Freitag mehr als 31.000 Teilnehmer. Die Veranstaltung in diesem Jahr ins Virtuelle zu verlagern, war alternativlos.

Und so sind die Aussteller grundsätzlich zufrieden damit, dass sie sich zu diesem gelernten Zeitpunkt der Branche präsentieren konnten. „Vor allem beim Konferenzprogramm hat die Ispo mit dieser Veranstaltung einen großen Schritt nach vorne gemacht“, lobt Michael Uhl, Marketing-Manager bei Helly Hansen.


Noch nicht gut genug funktioniert habe allerdings der Austausch mit Händlern. Die Trennung zwischen der Ausstellungs- und der Konferenzplattform habe da sicherlich nicht unbedingt geholfen. Den Konktakt mit Händlern vermisste auch Vaude-Vertriebschef Jan Lorch. „Von denen waren einfach kaum welche da.“ Doch auch er schätzt – neben dem Besetzen dieses Ankertermins – den Fokus der Veranstaltung auf Nachhaltigkeit und zum Teil hochkarätige Foren und Diskussionsrunden zu diesem Thema.


„Es ist wichtig, mit der Ispo eine Plattform zu haben, auf der sich die Industrie mit Marken und dem Handel austauschen kann“, betont auch Thomas Fröhlich von Gore. „Persönliche Interaktion war durch diesen Set-up leider nur sehr beschränkt möglich. Gerade für eine Industrie, die vom Aktivsein, der Emotionalität und dem Netzwerken untereinander lebt, war das natürlich schade.“ Es sei aber wichtig zu sehen, dass die Industrie im Bereich Sustainability eng zusammenarbeitet und sich klare Ziele setzt.

Herausforderung Kreislaufwirtschaft

Das ist auch eines der wichtigsten Takeaways der Ispo-Woche für Globetrotter-Einkäuferin Chantal Caron. „Jetzt wird das Thema Nachhaltigkeit mit Inhalten gefüllt. So präsent und konkret wie jetzt bei der digitalen Ispo war es noch nie. Spannend wird vor allem das Thema Cradle to Cradle. Den Kunden in diesen Kreislauf einzubinden, ist jetzt eine große Aufgabe. Und ich plädiere bei der Industrie dafür, bei diesen Überlegungen ihre Handelspartner nicht außer Acht zu lassen. Denn gerade wir als stationärer Händler haben die Chance, den Kunden anzusprechen, Dinge zu erklären und dafür zu sensibilisieren, dass er die Produkte auch wieder zurückgeben muss.“ Caron ist zuversichtlich: „In denke, in einem Jahr wird die Branche da sehr viel weiter sein. Und wir ein Teil dieses Kreislaufs.“


Globetrotter selbst arbeitet auch an entsprechenden Projekten, etwa mit dem Verleih-Service und Secondhand-Bereichen in den ersten Filialen. Man dürfe die Komplexität solcher Geschäftsmodelle allerdings nicht unterschätzen. „So einfach wie auf dem Flohmarkt ist das nicht. Es fängt ja damit an, dass wir die Brands ins Boot holen müssen, um deren Produkte in dieser Form verkaufen zu dürfen.“ Diese Komplexität betont auch On-Co-Founder Caspar Coppetti. On wurde bei der Ispo für seinen zirkulären Laufschuh Cyclon gleich doppelt ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Product of the Year-Award. Diesen kreislauffähigen Schuh gibt es künftig nur im Abo. Der Schuh wird also nicht gekauft, sondern geleased und am Ende der Lebensdauer gegen einen neuen eingetauscht. Das stellt nicht nur die Produktion vor große Herausforderungen, sondern auch das IT-System, das bisher nicht auf Schuh-Abonnenten ausgerichtet war.

Auch dieses Konzept hat Caron im Sinn, wenn sie sich eine konzeptionelle Einbindung der Handelspartner wünscht. Die wünscht sich Katja Mendel vom Outdoor-Spezialisten Alpenstrand in Landshut generell. Auch bei der laufenden Orderrunde. Prinzipiell begrüßt sie das Entgegenkommen der Anbieter durch einen hohen Carry-over-Anteil und die Möglichkeit, Sortimente zum Teil punktell aufzufüllen. „Dass aber einige große Anbieter zum Teil nicht einmal Valuta geben und uns im Gegenzug in der jetzigen Situation mit höheren Portokosten belasten, ärgert mich.“ Es seien vor allem kleine Lieferanten wie der Woll-Spezialist Ivanhoe of Sweden oder der Recycling-Pionier Blue Loop, die jetzt zum Handel stünden. „Das heißt für mich: Ich ordere jetzt vor allem bei den Partnern, die wirklich Partner sind.“

Positive Order-Signale

Klammert man die dramatische und existenzielle Lage beim Wintersport aus, so ist die Order für kommenden Herbst von deutlich mehr Lichtblicken geprägt, als es die unsichere Perspektive vieler Händler hätte vermuten lassen. Dazu trägt vor allem die gar nicht so dramatische Bestands-Situation in einigen wichtigen Kategorien bei. „Zumal das, was wir in den nächsten Winter mitnehmen, wegen des hohen Durchläufer-Anteils weniger prekär ist als in den früheren Jahren“, sagt Dirk Iserlohe von Sportsworld in Lingen. „Ändert aber nichts daran, dass wir es den Sommer über finanzieren müssen.“

Das Thema Liquidität schwebt, bei allen positiven Prognosen, wie ein Damoklesschwert über allen Gesprächen und Terminen. Und die Abhängigkeit von unzähligen Faktoren, die keiner beeinflussen kann.
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Dem hiesigen Wintersporthandel droht der Stillstand. Dirk Iserlohe von Sportsworld in Lingen im TW-Gespräch

„Es brennt an allen Ecken“

Die Situation für die Wintersport-Spezialisten spitzt sich dramatisch zu. Ihr Geschäft leidet nicht erst seit dem Lockdown – es findet schon seit Mitte Oktober nicht statt. Gleichzeitig fällt eine ganze Branche fast komplett durch das Förderungs-Raster. Dirk Iserlohe von Sportsworld in Lingen über die drohende größte Geldentwertung des Sporteinzelhandels, den Fluch seines guten Sommer-Geschäfts und den Besuch des niedersächsischen Wirtschaftsministers bei ihm im Laden.

Dennoch: Hochwertige Outdoor-Sortimente liefen vielerorts erfreulich gut bis in den Spätherbst hinein. Unter anderem beim Sporthaus Schuster, das dieses Feld der urbanen Outdoor-Kultur seit einigen Saisons kultiviert. „Wir waren damit super unterwegs und deutlich vor Weihnachten schon in vielen Styles ausverkauft, etwa von Patagonia und Arc’teryx“, berichtet Buchheimer. „Und da wir generell recht früh die Nachorder gestoppt haben und dann eher bestandsorientiert vorgegangen sind, haben wir in diesem Bereich jetzt ein ziemlich cleanes Lager.“


Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Wanderschuhen. Wer sich auf einen Herbst mit einer mindestens normalen Nachfrage einstellt, schichtet sein Budget im Zweifel zugunsten dieser Kategorie um. Zwei Beispiele, an denen sich die Bedürfnisse einer neuen jüngeren Outdoor-Klientel sehr gut ablesen lassen: stadttaugliche Parkas und urbaner anmutende Bergschuhe. „Wir stellen fest, dass die Industrie das jetzt verinnerlicht“, so Caron. „Ein Produkt verliert dadurch nicht an Funktion. Mit On haben wir zum Beispiel eine solche neue innovative Marke, die extrem gut performt, gerade wegen ihrer Designsprache. Oder generell Farbe bei Wanderschuhen: Die Kunden – und vor allem die Kundinnen – sind total dankbar, dass die nicht mehr nur braun sind. Der Bedarf nach solchen jüngeren Outdoor-Produkten ist da.“

Nur konsequent, dass bei Reischmann mittlerweile der Einkauf für Outdoor-Schuhe und -Bekleidung zusammengefasst wurde, um diese Themen besser aufeinander abzustimmen. Denn kreativ einzukaufen und Sortimente neu zusammenzustellen, wird mit Blick auf neue Kunden in Zukunft immer wichtiger werden.

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