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SportScheck-Chef Markus Rech beim DMHK

„Die Zweifel auszuhalten, das ist brutal“

Thomas Fedra
Markus Rech, SportScheck, diskutierte auf dem Podium in Düsseldorf über die Themen Führung und Unternehmenskultur.
Markus Rech, SportScheck, diskutierte auf dem Podium in Düsseldorf über die Themen Führung und Unternehmenskultur.

Zwei Tage, 330 Teilnehmer, unzählige Statements: Auf dem Deutschen Modehandels-Kongress in Düsseldorf, den die TextilWirtschaft und der Handelsverband Textil (BTE) gemeinsam veranstalten, ging es um die großen Fragen, die den Handel umtreiben. Auch um diese: Wie führt man ein Unternehmen durch einen Transformationsprozess? Wie stößt man einen Kulturwandel an? Auch SportScheck-Chef Markus Rech ließ sich tief in die Karten schauen.

Analogien aus der Tierwelt kommen auf Kongressen meistens gut an. Und so auch diese: 100 Gnus. Sie klären in der Herde permanent lebenswichtige Fragen. Sobald 51 Gnus den Kopf heben, setzt sich die gesamte Herde in Bewegung. „Man müsste meinen, das Ober-Gnu hebt als erstes den Kopf“, sagt Ruppert Bodmeier, CEO und Co-Gründer von Disrooptive, einer, wie er es nennt, Plattform für disruptive Innovationen. „Oft ist es aber das letzte, das merkt, dass es losgeht.“


Im Publikum: Lachen, Nicken. Die lustige Tiergeschichte lockert die spürbar angespannte Atmosphäre im Saal auf. Es geht um Kultur, um Führung, um Teamwork, um Spirit. Und damit um die womöglich schwierigste Aufgabe und Frage, wie sich all das in diesen Zeiten ändern muss. Diese Zeiten – Prof. Jutta Rump, Direktorin am Institut für Beschäftigung und Employability (IBE) in Ludwigshafen, konkretisiert: „Willkommen in der VUCA-Welt.“


VUCA ist ein Akronym für die englischen Begriffe Volatility (Volatilität, Unbeständigkeit), Uncertainty (Unsicherheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Mehrdeutigkeit). Und beschreibt die schwierige Rahmenbedingungen der Unternehmensführung. Rump: „Veränderung ist ein Normalzustand.“ Wie sind wir darauf eingestellt? „Wir wissen, wo wir loslaufen, aber wir haben keine Ahnung, wo wir enden.“

Bodmeier: „Unternehmen müssen demokratischer werden. Die Kultur, die die Lösungen für heute erarbeitet hat, muss sich ändern, weil wir ganz neue Lösungen brauchen.“ Angelika Schindler-Obenhaus, Katag-Vorstand, ist sich dessen bewusst: „Wir sind ein Unternehmen mit vielen kleinen dezentralen Einheiten. Das hat jahrelang funktioniert. Aber in Zukunft nicht mehr.“

Tradition ist kein Geschäftsmodell

Der Großteil des Marktes befindet sich genau an diesem Punkt. Mit etablierten Geschäftsmodellen, gelernten Prozessen, reichen Erfahrungen, jahrelangen Verbindungen. Wohl wissend, dass Tradition kein Geschäftsmodell ist, haben Händler und Brands die Mühlen in Bewegung gesetzt. Machen sie sich auf den beschwerlichen Weg der digitalen Transformation, manche wagen gar den Sprung ins Online-Business. Aber wie einen Kulturwandel anstoßen, wie ihn vollziehen? Es ist ein Thema, das viele im Saal berührt, beschäftigt, teilweise betroffen macht. Die Situation ist schwierig, „weil sie multidimensional ist“, sagt Kerstin Lehmann, Partnerin bei EY-Parthenon, einer internationalen Strategieberatung. „Alles ändert sich. Geschäftsmodelle, Wertschöpfungsketten, Kunden. Das alles gleichzeitig zu managen, überfordert die meisten Unternehmen.“

SportScheck-Chef Markus Rech über seine Mission

Es ist ein Thema, das an diesen beiden Tagen in Düsseldorf überraschend offen diskutiert wird. So lässt sich auch Markus Rech, Vorsitzender der SportScheck-Geschäftsführung, tief in die Karten schauen: „Die Zweifel auszuhalten, das ist brutal. Weil Sie nicht wissen, ob die Transformation gelingt. Sie wissen es einfach nicht.“ Er kam 2015 an die Spitze eines Unternehmens, das tief in der Krise steckte, Marktanteile verlor und den Mutterkonzern Otto viel Geld kostete. Seither befindet sich SportScheck in einer umfassenden Restrukturierung. Die Gerüchte um einen möglichen Verkauf der verlustbringenden Tochter reißen derweil nicht ab.


An seinem zweiten Tag in Hamburg hat er der Organisation erstmals offengelegt, was für einen Verlust SportScheck macht. Das wurde bis dato nicht kommuniziert. „Wir reden nicht nur über Transparenz, wir sind transparent.“ Zeitnah wurde auf allen Ebenen, vom Azubi bis zur Unternehmensspitze, eine Feedback-Kultur eingeführt. Rech: „Ich habe gesagt, egal, was rauskommt, wir werden es allen transparent machen.“ Auch durch das Einführen neuer IT-Lösungen wurden Hierarchiemuster komplett durchbrochen. „Jeder kann mit jedem kommunizieren, überall einen Kommentar absetzen. Damit haben wir angefangen, Vertrauen aufzubauen.“


Um beurteilen zu können, an welcher Stelle der Transformation ein Unternehmen steht, brauche man komplett neue Orientierungsmuster. „Eine Transformation kann man nicht mit Umsatz und Ertrag bewerten.“ Sondern eher mit Kundenaktivität. „Wir sind davon überzeugt, dass unser Weg der richtige ist“, betonte Rech schon bei der Eröffnung der zuletzt umgebauten Filiale in Hamburg. Die Erfolge seien messbar: aktivere Kunden in den wichtigen Sortimentsbereichen, ein verbesserter Net Promoter Score (NPS), eine höhere Conversion Rate, größere Warenkörbe, deutlich besseres Feedback bei Trusted Shops.

Zweistelliges Online-Plus, mehr Frequenz in den Läden

Doch auch die jüngsten Geschäftszahlen mit den eigenen Kunden auf vergleichbarer Verkaufsfläche zeigen eine positive Entwicklung: Per Mitte Oktober verbucht SportScheck einen um 6% gestiegenen Gesamtumsatz, das Online-Handelsvolumen wächst sogar um 21%. Der Kundenzuwachs im Online-Shop per Mitte Oktober liegt bei 10% gegenüber dem Vorjahr, der Online-Traffic ist um 22% gestiegen. Und selbst die Frequenz in den Filialen konnte um 1% gesteigert werden.

Rech hat massiv daran gearbeitet, Silos im Unternehmen abzuschaffen. „Oft entstehen zwei Lager im Unternehmen, die Old und die New Economy. In der Chefetage muss man zweigleisig fahren, keine Partei ergreifen, um den Wettbewerb um die Budgets rauszunehmen.“ Interdisziplinäre Teams gehören für Rech zum Change-Prozess zwingend dazu. Und er betont, dass es nicht reicht, alte Prozesse zu optimieren. „Es lohnt sich neue Wege zu gehen.“




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