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Timberland Sustainability- und CSR-Managerin Elisabetta Baronio im Interview

"Wir brauchen bessere Recycling-Technologien"

Timberland
Elisabetta Baronio, Sustainability- und CSR-Managerin bei Timberland: "Wir brauchen unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Herausforderungen."
Elisabetta Baronio, Sustainability- und CSR-Managerin bei Timberland: "Wir brauchen unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Herausforderungen."

Die zum US-Konzern VF gehörende Marke Timberland plant, dass alle Produkte bis 2030 klimaneutral und kreislauffähig sein sollen. Produkte sollen etwa entweder aus Materialien hergestellt werden, die ansonsten im Müll landen würden (z.B. Plastikflaschen, Lederreste, Wollreste) oder aus natürlichen Fasern, die aus regenerativer Landwirtschaft stammen. Außerdem sollen die Styles der Marke am Ende ihrer Nutzungsdauer recycelbar sein, damit sie zerlegt und wiederverwertet werden können. Im TW-Gespräch erläutert Sustainability- und CSR-Managerin Elisabetta Baronio wie weit die Marke auf diesem Weg ist und was die größten Herausforderungen dabei sind, das gesteckte Ziel zu erreichen.

TextilWirtschaft: Timberland will bis 2030 klimaneutral sein. Zentraler Baustein dieses Weges ist Kreislauffähigkeit. Was verstehen Sie unter kreislauffähig?
Elisabetta Baronio: Bis 2030 sollen alle Timberland-Produkte kreislauffähig designt sein. Das beinhaltet zwei unterschiedliche Dinge. Zum einen haben wir bereits begonnen, Materialien zu verwenden, die sonst im Müll landen würden, wie etwa Plastikflaschen und Lederreste. Zum anderen möchten wir Produkte designen, die wiederum selbst recycelbar sind. Das heißt, man kann sie leicht in wiederverwertbare Bestandteile zerlegen. Diese beiden Ansätze haben wir schon 2010 mit dem Earthkeepers 2.0 Boot umgesetzt. Seither haben wir allein über 380 Mio. Plastikflaschen für unsere Produkte recycelt.


Das Recyceln alter Plastikflaschen allein wird die Umwelt nicht retten. Wird es denn den Timberland-Boot geben, der zu 100% aus einem alten Timberland-Boot gefertigt wird?
An dieser Herausforderung arbeiten wir. Boots sind sehr komplexe Produkte. Wir hoffen, dass unser 2030-Ziel uns auch dorthin bringen wird. Doch ein anderer Aspekt ist aus meiner Sicht auch noch sehr wichtig, wenn wir über Zirkularität sprechen, nämlich Langlebigkeit. Einer der besten Wege, ein Produkt nachhaltiger zu machen, ist es, ein langlebiges Produkt herzustellen. Das ist bei Timberland jederzeit unser Anspruch.


Wie lange sollte man einen Boot aus Ihrer Sicht tragen?
Das hängt natürlich immer von der Nutzung der Produkte ab. Aber immer wenn ich im Bekanntenkreis erzähle, dass ich für Timberland arbeite, höre ich: Ah, ich habe meine Timberland-Boots vor 20 Jahren gekauft und trage und liebe sie immer noch.


Inwiefern markiert die Weiterentwicklung des Earthkeepers-Konzepts in diesem Herbst einen Meilenstein?
Neu ist vor allem der Einsatz von regenerativem Leder. Also Leder, das auf speziellen Farmen gewonnen wird. Hier wird daran gearbeitet, dass während der Lebensdauer eines Tieres mehr CO2 aus der Atmosphäre aufgenommen wird als bei der Herstellung des Produkts ausgestoßen wird, das aus dem Leder des Tieres gewonnen wird.


Was sind die größten Herausforderungen auf dem Weg zu Ihrer Vision für 2030?
Wir brauchen bessere Recycling-Technologien. Es gibt immer mehr Initiativen, aber die meisten Technologien befinden sich noch in der Pilotphase. Aber wirklich spannend ist, dass die Industrie diesen Herausforderungen gemeinsam begegnet. Gemeinsam mit unserem Mutterkonzern VF sind wir bei Timberland zum Beispiel Teil der Initiative „Make fashion circular“, die von der Ellen McArthur-Foundation ins Leben gerufen wurde. Dank dieser Initiative gibt es einen echten Austausch zwischen Akteuren der ganzen Wertschöpfungskette – Marken, Lieferanten, Recycling-Unternehmen.


Gibt es aus Ihrer Sicht ein Unternehmen, ein Start-up, eine Technologie, die das Thema entscheidend voranbringen wird?
Wichtig ist, dass die Industrie gemeinsam daran arbeitet. Denn es wird nicht die eine Lösung, die eine Technologie geben, die alle Probleme lösen wird. Wir brauchen unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Herausforderungen. Timberland setzt sehr viele natürliche Materialien ein, der Fokus unserer Bemühungen liegt ganz klar auf dem Thema regenerativer Landwirtschaft. Das wird den größten Einfluss haben. Da kooperieren wir etwa mit dem Savory-Institut, um sicherzustellen, dass wir deren Einfluss richtig kalkulieren. Und wir unterstützen unsere Lieferanten und Farmen auf ihrem Weg Richtung regenerativer Landwirtschaft. Wir leisten also Basisarbeit, damit solche Konzepte Schule machen. Das nützt natürlich nicht nur uns, sondern der ganzen Industrie.


Wie eng ist die Zusammenarbeit mit Ihren Mitbewerbern?
Enger als Sie wahrscheinlich vermuten. Denn die Gespräche, die wir führen, finden auf einer vor-wettbewerblichen Ebene statt. Da geht es um Probleme, die wir alle haben und die einer alleine nicht lösen wird. Und wir haben schon einmal gesehen, dass das funktioniert. 2005 haben wir gemeinsam mit anderen Unternehmen die Leather Working Group ins Leben gerufen und uns dazu verpflichtet, Leder nur von solchen Gerbereien zu beziehen, die mit einem Silber- oder Gold-Zertifikat ausgezeichnet sind. Mit diesem selbst auferlegten Ziel waren wir die ersten, mittlerweile sind mehr als 100 weitere Unternehmen nachgezogen.


Auf dem Weg zu nachhaltigeren Produkten ist es einfacher, neue Produkte zu entwickeln als bestehende nachhaltiger zu machen. Wie viele Ihrer Produkte werden diesen Weg überstehen?
In genau diesem Prozess, das zu ermitteln, befinden wir uns. Ja, es ist schwierig, ein Produkt, das nicht im Hinblick auf Zirkularität entwickelt wurde, in dieses Stadium zu bringen. Aber es gibt durchaus Techniken, die wir implementieren können. Wir können zum Beispiel das Futter ändern und ein recycelbares Mono-Material verwenden. Je mehr Technologien und Materialien wir zur Verfügung haben werden, desto einfacher wird es, kreislauffähige Produkte zu designen.


Welche Rolle spielen Reparaturen für Ihre Vision?
Auch das berücksichtigen wir bei unserem zirkulären Design-Ansatz. Und wir bekommen von den Kunden das Feedback, dass Reparaturen und Second Hand immer wichtiger werden – auch für Schuhe.


Der grünste Schuh ist immer der, der nicht produziert wird. Was können Sie diesem Vorwurf entgegensetzen?
Dass wir auf langlebige Produkte setzen. Und mit dem Einsatz regenerativer Landwirtschaft können wir einen positiven Beitrag leisten – und dabei produzieren.


Jetzt gibt es sogar „Grüne Sneaker“ bei Aldi. Was denken Sie, wenn Sie so etwas sehen?
Je breiter das Thema Nachhaltigkeit wird, desto besser. Wir arbeiten alle in die gleiche Richtung.

Mehr zu Thema Footwear lesen in der Schwerpunktausgabe ab Mittwoch, 21. Oktober, 17 Uhr im E-Paper sowie ab Donnerstag, 22. Oktober in der gedruckten Ausgabe.
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