TW Sports
TW-Analyse: Der Sporthandel im Umbruch

"Der größte Strukturwandel seit dem Zweiten Weltkrieg"

Imago Images / Karina Hessland
Zwei von drei Karstadt Sports-Filialen droht die Schließung. Die Filiale in Erfurt zählt nicht dazu.
Zwei von drei Karstadt Sports-Filialen droht die Schließung. Die Filiale in Erfurt zählt nicht dazu.

Die Karstadt Sports-Schreckensliste erschüttert die Branche ins Mark. Zuvor haben sich schon andere Player verabschiedet. Was heißt das für die Lieferanten? Was heißt das für den Markt? Wer wird profitieren?

Diese Liste hat es in sich: 20 von 30 Karstadt Sports-Filialen sollen geschlossen werden. Darunter riesige Häuser in Metropolen wie Berlin, Hamburg und Frankfurt, aber auch Häuser in Städten wie Braunschweig, Hanau, Kiel und Rosenheim. Deren Schließung wird die Sport-Präsenz in den Innenstädten zum Teil massiv schmälern.

Für die Lieferanten ist das eine Hiobsbotschaft. Karstadt Sports gehört – neben SportScheck – bei nicht wenigen Anbietern zu den Top 10-, häufig sogar zu den Top 5-Kunden. Sie versuchen jetzt erst einmal, die Tragweite dieses Radikalschnitts überhaupt abzusehen. „Wir haben auch erst aus der Presse davon erfahren und müssen uns jetzt erst einmal sortieren“, so der Vertriebschef eines Lieferanten am Montagmorgen. Dieser Schritt zeige eindrücklich die Herausforderung des Handels, mit solch großen Flächen zu agieren. Er hätte allerdings nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde.

Das Tempo der Marktbereinigung kommt für viele überraschend. Und sie erschüttert die Sportbranche in ihren Grundfesten. „Wir erleben den größten Strukturwandel seit dem Zweiten Weltkrieg“, fasst Vaude-Vertriebsgeschäftsführer Jan Lorch die jüngsten Entwicklungen zusammen. „Es geht ja nicht einfach nur darum, dass ein Händler seine Fläche um zwei Drittel reduziert“, so auch Martin Borgenheimer, Salesdirector Deutschland On. „Es geht um nichts Geringeres als unsere gesamte Handelslandschaft. Wie gestalten sich Städte in Zukunft? Wie der Handel im Allgemeinen und der Sporthandel im Besonderen?“

Bei allem Entsetzen über die zigtausend Quadratmeter Sportfläche, die in den Metropolen wegfallen, sind auch die Sportabteilungen der Warenhäuser nicht zu vergessen, die von der Schließung bedroht sind. Fast jede dieser Karstadt- oder Kaufhof-Filialen hat zumindest eine kleine Sport-Fläche. Im Karstadt-Haus an der Frankfurter Zeil reicht Karstadt Sports über drei Etagen, in Düsseldorf Wehrhahn belegt die Sportabteilung zwei ganze Etagen bei Galeria Kaufhof. Chemnitz, Goslar, Nürnberg, Hamburg-Bergedorf und Osnabrück – nur einige Beispiele für Warenhäuser, in denen mit Sport eine ganze Etage bespielt wird. „Vor allem die Häuser in den Mittelstädten mit ihrem zum Teil großen Sport-Abteilungen sind sehr wichtig für die Präsenz an diesen Standorten“, sagt etwa Vaude-Vertriebsgeschäftsführer Jan Lorch. Bei den Warenhäusern hätte er sogar noch dramatischer Einschnitte erwartet. Ein schwacher Trost.

Die Folgen der Schließungen für die Innenstädte sind noch nicht abzusehen. In einigen Städten verabschieden sich sowohl Waren- und Sporthäuser, etwa in Lübeck. Erst im Herbst war Karstadt Sports in der Hansestadt direkt neben das Haupthaus gezogen, um sich auf einen Standort in der Stadt zu konzentrieren. Ebenso hart trifft es Norderstedt und Braunschweig mit Warenhaus- und Sport-Aus.

Runners Point, Voswinkel, Planet Sports:  Über 100 Läden fallen weg

Beispiel Braunschweig. Hier hatte sich das Sport-Angebot schon durch das Aus von SportScheck im Frühjahr 2019 verkleinert. Und auch Runners Point hat sich hier schon vor dem Komplett-Rückzug verabschiedet. So zeigt sich in Braunschweig gerade besonders eindrücklich, dass Sporthandel in der Innenstadt nicht nur Karstadt Sports vor große Herausforderungen stellt.

Erst kürzlich verkündete Foot Locker das Aus für alle 74 Runners Point-Filialen. Planet Sports hat nach Insolvenz und Übernahme neun Läden dichtgemacht, einzig der Store in Köln wird weiterbetrieben. 19 Sport-Standorte fielen der Voswinkel-Sanierung zum Opfer, neben den 51 verbliebenen Voswinkel-Filialen wurden zumindest für Cuxhaven und Lübeck Sport-Nachfolge-Lösungen gefunden. 

Der schwedische Filialist Stadium hat sich vom deutschen Markt verabschiedet, einzig die Filiale in Hamburg Altona bleibt vorerst geöffnet. Die Zukunft der McTrek-Filialen der insolventen Yeah AG steht in den Sternen, Fragezeichen stehen hinter den sieben Sporthübner-Filialen der Dielmann-Gruppe, die sich unter den Schutzschirm begeben hat.

Karstadt Sports-Filialen vor dem Aus
Berlin Kranzler Eck, Braunschweig, Bremen, Düsseldorf, Dortmund, Essen, Frankfurt, Hamburg, Hamburg-Harburg, Hanau, Karlsruhe, Kiel, Köln, Lübeck, München, Norderstedt, Rosenheim, Stuttgart, Wiesbaden (2x).
Runners Point-Filialen vor dem Aus

Augsburg, Bamberg, Bayreuth, Bergisch Gladbach, Berlin (6), Bielefeld, Bocholt, Bochum, Bremen, Böblingen, Darmstadt, Duisburg, Düren, Düsseldorf (2), Erfurt, Euskirchen, Frankfurt, Fulda, Gießen, Hagen, Hamburg (3), Hamm, Hannover, Heidenheim, Hilden, Karlsruhe, Kassel, Kempten, Kiel, Kleve, Koblenz, Köln (3), Leipzig (2), Leuna/Günthersdorf, Leverkusen, Ludwigshafen, Lübeck, Mainz, Mülheim (2), München (2), Münster, Nürnberg, Oberhausen, Offenbach, Oldenburg, Paderborn, Passau, Recklinghausen, Regensburg, Remscheid, Saarbrücken, Schweinfurt, Stuttgart, Sulzbach, Trier, Wiesbaden, Wildau, Worms, Wuppertal

McTrek-Standorte mit Fragezeichen

Aachen, Alzey, Augsburg/Gersthofen, Berlin (2), Bonn, Bremen, Bruchköbel, Datteln, Düsseldorf, Eschborn, Essen, Filderstadt, Frankfurt, Göttingen, Halle, Hamburg, Hammerau, Henstedt-Ulzburg, Idstein, Ingolstadt (Outlet), Kassel, Kerpen, Koblenz, Köln (2), Landshut, Leipzig, Linden, Lübeck, Montabaur, München, Münstertal, Neu-Ulm, Nürnberg, Pocking, Regensburg/Neutraubling, Rosenheim, Trier, Viernheim, Weiterstadt, Würzburg

Geschlossene Voswinkel-Filialen

Baunatal (Ratio-Land), Berlin (Schultheiss Quartier und Gesundbrunnen-Center), Bielefeld (Engersche Straße), Dietzenbach, Duisburg (Königsgalerie), Düsseldorf (Bilk-Arkaden), Hagen (Elberfelder Straße), Hamburg (Hamburger Meile), Hannover (Outlet Varrelheide), Hildesheim (Arneken-Galerie), Koblenz (Carl-Zeiss-Straße), Lübeck (Nachmieter: Intersport Rossow), Münster (Münster-Arkaden), Oldenburg (Schlosshöfe), Recklinghausen, Stuttgart (Gerber und Milaneo), Wiesbaden, Wuppertal

Geschlossene Planet Sports-Filialen

Berlin, Dresden, Frankfurt (schon 2019), Hamburg, Heidelberg, Karlsruhe, Krefeld, Mannheim, München, Nürnberg

Vom Fanderl-Vorstand wurde der Sport bis vor kurzem noch als wesentliches Wachstumsfeld des fusionierten Handelskonzerns gefeiert – jetzt kommt vielerorts der Abpfiff. Zumindest bei isolierter Betrachtung von Karstadt Sports. Legt man allerdings das alte SportScheck- und neue Karstadt Sports-Filialnetz übereinander, ergibt das eines mit bundesweit 27 Läden und nur noch drei Städten mit jeweils zwei Läden: Berlin, Dresden und Hannover. SportScheck- und Karstadt-Sports-Doppelbelegungen in Frankfurt, Hamburg, Köln, München und Stuttgart hätten sich mit dieser Schließungsliste also erübrigt.

So viel SportScheck war noch nie.
Datawrapper
So viel SportScheck war noch nie.

Fest steht, dass sich der Sporthandel grundlegend neu sortieren wird. Decathlon wird weiterhin jede offene Flanke nutzen. Doch wahrscheinlich beflügeln die angedrohten Schließungen nicht nur bei den Franzosen die Expansionsfantasie.

Beispiel Outdoor

Auch wenn die Nachricht von zwei neuen Globetrotter-Filialen wohl eher zufällig in diese Phase fällt, so zeigt sie doch, dass es nach wie vor Unternehmen gibt, die Chancen ergreifen können. „Wir sind weiter auf der Suche nach neuen Standorten, optimalerweise natürlich (…) in der Fortführung bestehender Geschäfte aus unserer Branche“, erklärt Geschäftsführer Andreas Bartmann. So große Flächen, wie sie durch die Karstadt Sports-Schließung frei werden, habe Globetrotter allerdings derzeit nicht im Visier, berichtet COO Johannes Jurecka. „Wir sind momentan nicht auf der Suche nach neuen Flächen für große Häuser.“ Auch die McTrek-Standorte werden aufgrund ihrer Lage wohl eher nicht auf dem Globetrotter-Radar liegen.

Beispiel Running

Die Nachricht vom Aus des Laufsport-Spezialisten kam überraschend. Dass Foot Locker mit den Ergebnissen des 2013 übernommenen Filialisten unzufrieden war, ist kein Geheimnis. Seit der Übernahme ist das Filialzahl deutlich gesunken, allein im vergangenen Geschäftsjahr 19/20 (1. Februar) wurden 27 Runners Point-Läden geschlossen. Laut Website gibt es in Deutschland aktuell 74 Runners Point-Filialen, neun davon werden von Franchise-Nehmern betrieben. Zu Hochzeiten zählte Runners Point über 130 Filialen.


Weitere Schließungen standen bekanntermaßen an: Anfang Februar erklärte Foot Locker, 2020 konzernweit 150 Läden schließen zu wollen, darunter weitere Runners Point-Filialen. Doch auch hier überraschte – siehe Karstadt Sports – die Radikalität des Schnitts. Offenbar konnte Runners Point weder vom Running-Wachstum vor Corona noch vom Lauf-Boom seit Corona profitieren. 

Auch wenn der Running-Markt schon heute so stark online-dominiert ist wie wenige – vor allem die Laufspezialisten zählen derzeit vielerorts zu den Gewinnern. Diesen wird, so zumindest die Hoffnung, auch das  Runners Point-Aus noch stärker in die Karten spielen. „Insgesamt wird durch diese Veränderung im Markt ein hohes Marktvolumen freigesetzt von dem unsere über 100 Laufsporthändler starke Gruppe profitieren wird“, ist etwa Jörg Seifert, Geschäftsführer der Sport2000-Spezialistenorganisation Lauf-Profis, überzeugt. Er geht allerdings nicht davon aus, dass sich aus den Schließungen zwingend ein Expansionsschub für das neue Retailformat Absolute Run ergibt. „Die meisten Standorte und deren Größe passen nicht zu unserem Konzept.“

„Der Markt ist erst einmal nicht kleiner“, so auch die optimistische Einschätzung von Intersport-Vorstandsmitglied Frank Geisler, „aber es wird an einigen Orten die Kompetenz fehlen, die Runners Point zweifellos hatte. Die gilt es dort aufzubauen.“  Jetzt gehe es in die Standortanalysen und Gesprächen mit den Intersport-Händlern vor Ort. „Trotzdem wird ein Teil des Volumens ins Online Business gehen.“

Eine Branche mit Perspektive?

„Sorge über die Branche haben wir generell nicht“, so Geisler. „Sie ist nach wie vor eine Wachstumsbranche, und das gesundheitsbewusste Sporttreiben ist sogar noch mehr in den Fokus gerückt. Jedoch hat es mit der Pandemie einen Beschleuniger gegeben für die Konzepte, die schon vor der Pandemie in Schwierigkeiten waren.“

Die Marktbereinigung, die jetzt rasant an Fahrt aufnimmt, war überfällig. Daran besteht kein Zweifel. Und dass im Falle Karstadt Sports allem Anschein nach SportScheck als einziger Markenname bestehen bleibt, wird von Beobachtern und Lieferanten positiv bewertet. „Die Voraussetzungen, die jetzt geschaffen werden, sind für den Konzern sicher das Beste, was passieren konnte. Das kann langfristig funktionieren“, so Borgenheimer. Er hält große Stücke auf SportSchecks Einkaufschefin Anna Rusche. „Wenn sie die machen lassen, sind die Vorzeichen gut.“

Doch bei allen Vorschusslorbeeren für den deutlich gewichtiger werdenden Filialisten: SportScheck hat es all die Jahre nicht geschafft, aus den roten Zahlen zu kommen. Nicht umsonst hat die lange geduldige Konzernmutter Otto letzten Endes doch die Reißleine gezogen.

Für SportScheck dürfte das sicher in gewissem Maße auch eine Befreiung gewesen sein: SportSchecks Verhandlungsposition bei Nachverhandlungen zur Miete ist ohne Otto im Rücken eine bessere. Zum Beispiel im Aachener ECE-Center Aquis Plaza.

Mietnachlässe im Prozentbereich werden allerdings nicht darüber entscheiden, wer letzten Endes als Gewinner in der neuen Sporthandels-Landschaft hervorgeht. Denn sie wiegen weder schwache Margen auf noch teure Kunden-Aktivierungen. Nicht umsonst macht das Wort vom „Ökosystem“ die Runde, vom „Erlebnis Sport“ – um nicht von Marktplatz zu sprechen. Mit dem Verkauf vergleichbarer Sportartikel allein ist es in Innenstadt- und teuren Shoppingcenter-Lagen immer schwieriger, abseits von Eigenmarken auskömmliche Renditen zu erzielen.

Gleichzeitig ist jeder, der hochpreisig verkaufen will, angewiesen auf die Ware, die er von den Brands bekommt. Doch so sehr sich der Handel sich durch selektive Distributionsstrategien der Brands im Nachteil sieht: Die Zugriffsmöglichkeit von Karstadt Sports auf Top-Produkte − eine Ausnahme ist sicher Nike − sind als Key Account nicht so schlecht. Doch das allein reicht eben auch nicht.

stats