TW Sports
TW-Interview mit Boxeur des Rues-Chef Federico de Ponti

"Wir haben Angst, dass das Geld bei den Firmen nicht ankommt"

Boxeur des Rues
Unternehmer und Sportfunktionär Federico de Ponti spricht sich für einen europäischen Marshall-Plan aus.
Unternehmer und Sportfunktionär Federico de Ponti spricht sich für einen europäischen Marshall-Plan aus.

Zentralbanken und Regierungen mobilisieren in der Covid-19-Krise Milliarden. Federico de Ponti, Chef des Streetwear-Labels Boxeur des Rues und Präsident des italienischen Sportverbands Assosport, findet das richtig. Wie die Summen wirklich an die Firmen fließen, lehre die Schweiz.

Der Name ist nicht mehr allein in Italien ein Begriff. Das Sport- und Streetwear-Label Boxeur des Rues, das einen Boxer als Logo hat, ist auf Expansionskurs in Europa. Firmenchef Federico de Ponti hat nach der Schweiz und Österreich auch Deutschland im Visier. Mit Intersport wird verhandelt.

De Ponti ist derzeit Präsident des italienischen Sportverbands Assosport, dem Firmen wie Adidas, Colmar, Dainese, Dolomite, La Sportiva, Lacoste, Salewa und Vaude angehören. Um nach der Krise ein Aufschwung eintritt, spricht sich de Ponti für einen europäischen Marshall-Plan aus: „Das ist eine Chance. Und es ist eine Pflicht, vor der wir uns nicht drücken dürfen. Sonst wird das uns die Geschichte nicht verzeihen.

TextilWirtschaft: Die Covid-19-Pandemie reißt die Weltwirtschaft in die Rezession. Was erwarten Sie sich für Italien?
Federico de Ponti: Es ist unvermeidlich, dass die Wirtschaft stark abbremst. Der Binnenkonsum ist förmlich eingebrochen. Je länger die Geschäfte und die Fabriken geschlossen bleiben, desto länger wird dieser Stillstand anhalten. Damit es aufwärts geht, muss zuerst der Konsum in Italien anspringen. Danach müssen die Touristen zurückkehren und wieder einkaufen gehen. Im Fall der Chinesen ist das Phänomen das „Revenge Spending“ schon zu beobachten. Das ist Ausdruck eines kollektiven Enthusiasmus und einer Rückkehr zum Alltag wie nach einem Krieg. Es wird länger brauchen, bis der Export anspringt. Das hängt dann von Land zu Land ab. Wahrscheinlich wird China das erste Land sein, das die italienischen Waren wieder nachfragen wird.

Maskulin, expressiv: Boxeur des Rues
Boxeur des Rues
Maskulin, expressiv: Boxeur des Rues

Sie sind Präsident von Assosport. Wie stark sind die Sportfirmen Italiens getroffen?
Die Covid-19-Pandemie hat uns schwer erwischt. Seit dem die Läden geschlossen sind, haben unsere Mitglieder 95% ihrer Verkaufserlöse eingebüßt. Das ist nur logisch, da alle mit dem Einzelhandel zu tun haben. Entweder sind sie selbst Retailer. Oder sie verkaufen ihre Waren über den Wholesale. Es ist unmöglich, für 2020 eine Prognose abzugeben. Keiner weiß, wann und wie die einzelnen Länder zur Normalität zurückkehren.

Die Zentralbanken und Regierungen mobilisieren Milliarden. Was fehlt?
Insgesamt geht alles in die richtige Richtung. Regierungen und Zentralbanken setzen sich dafür ein, dass möglichst viele Mitarbeiter ihren Job behalten und weiter Lohn beziehen. Zudem werden die Firmen mit einer enormen Menge an Liquidität versorgt. Jetzt braucht es noch starke und konzertierte Interventionen auf europäischer Ebene. Zuallererst müssen den Einzelhändlern für die Zeit, in der die Läden geschlossen sind, die Mieten erlassen werden. Dabei spreche ich nicht nur von den Ladenmieten, sondern auch von den Mieten für Fabriken und den Leasingzahlungen für teure Maschinen. Für den Aufschwung in der Zukunft braucht es staatliche Investitionen und Exporthilfen.

Stichwort Ladenmieten. Mehrere Firmen, darunter Adidas, lösten mit der Ankündigung, die Mieten nicht zahlen zu wollen, Empörung aus. Wie denken Sie darüber?
Meiner Meinung nach bedarf es einer europäischen Regelung. Für mich ist es nicht nachvollziehbar, dass ein Händler die Miete zahlen muss, wenn sein Laden geschlossen und die Innenstädte verwaist sind. Covid-19 ist wie eine Naturkatastrophe. Deshalb sollte es die EU den Händlern erlauben, sich auf Höhere Gewalt zu berufen.

Lululemon als Referenz: die Damenlinie von Boxeur des Rues
Boxeur des Rues
Lululemon als Referenz: die Damenlinie von Boxeur des Rues

Was halten Sie von dem Konjunkturpaket der italienischen Regierung?
Die Regierung hat schon die richtigen Antworten gegeben. Stichwort Kurzarbeit und Kreditgarantien. Allerdings fürchten die Unternehmer, dass die Banken den entschlossenen und mutigen Vorgaben der Regierung nicht folgen. Es besteht die Gefahr, dass das Geld trotz der staatlichen Kreditgarantien, die im Schnitt 90% des Risikos abdecken, nicht bei den Firmen ankommt. Die Schweiz sollte Vorbild sein. Das Zusammenspiel von Banken und Staat ist dort super effizient. Innerhalb von drei Tagen haben die Firmen einen Kredit in Höhe von 10% ihres Umsatzes erhalten. Zu einem Zinssatz von 0%, zu 100% garantiert vom Staat. Auch unsere Schweizer Tochter hat solch eine Finanzierung erhalten.

Wann haben Sie mit Boxeur des Rues losgelegt?
Wir sind 2003 gestartet. Boxeur des Rues ist eine Sport- und Streetwear-Marke. Unsere Männerlinie bewegt sich in einem Umfeld mit Superdry. Die Damenlinie ist sportiver, Labels wie Lululemon sind ein Referenzpunkt. Wir haben 50 eigene Läden in Europa, vor allen in Italien, der Schweiz und in Spanien. Wir versuchen nun, in Deutschland zu beginnen. Vor zwei Jahren nahmen wir an der Ispo teil. Das hat uns die Türen zu Intersport Österreich geöffnet. Jetzt stehen wir mit Intersport in Deutschland in Kontakt.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Boxeur des Rues?
Am Firmensitz in Mailand arbeiten 35 Personen. In Europa sind es insgesamt 250, verteilt auf Italien, die Schweiz, die Niederlande, Spanien, Polen und Tschechien.

Wie viele sind im Smart Working?
Praktisch alle. Wir in Italien sind mit unseren Tochtergesellschaften in der Schweiz und in Tschechien verbunden. Wir haben uns in kleinen Teams organisiert. Jede Gruppe hat einen Sprecher, der sich mit denen der anderen Gruppen austauscht. Das stellt sicher, dass alle über die notwendigen Informationen verfügen und es zu keiner Doppelarbeit kommt. WhatsApp nutzen wir schon vor der Krise. Und jetzt noch mehr. Am Ende des Tages schalten wir uns zu einer Videokonferenz zusammen. Das ist wichtig, um die Stimmung hochzuhalten. Auf all das war unsere IT schon vorbereitet.

Sind die Tage stressiger als früher?
Leider sind sie viel beschaulicher als üblich. Das gibt uns Zeit zum Nachdenken. Wir trauern dem täglichen Stress hinterher, über den wir uns zuvor immer beklagten.

Firmenchef de Ponti: "Strategische Investitionen bleiben strategisch."
Boxeur des Rues
Firmenchef de Ponti: "Strategische Investitionen bleiben strategisch."

Wie wird sich die Covid-19-Pandemie auf Ihre Produktion aus?
Viele unserer langjährigen Produktionspartner fragen uns, wie es uns geht, und wir fragen, wie es ihnen geht. Es hat mich schon berührt, als Mitte März Pakete mit Schutzmasken eintrafen. Der Absender waren unsere chinesischen Lieferanten. Das war schon eine große Überraschung, eine tolle menschliche Geste. Überhaupt sind unsere Lieferanten wie eine Familie für uns. Wir hoffen, dass wir uns nach der Krise bald wieder persönlich sehen. Wir fertigen in Italien, in Albanien, in der Türkei, in China, in Ägypten, in Äthiopien Indien, Pakistan, Myanmar und Bangladesch. Ob es zu Verzögerungen kommt, ist zu diesem Zeitpunkt noch schwer abzuschätzen. Vielleicht verspätet sich die Herbstkollektion 2020/21 um ein paar Wochen.

Cash ist King in der Krise. Um das Geld in der Kasse zu halten, kürzen die Firmen Ausgaben und verschieben Investitionen. Auch Sie?
Ja, die Liquidität zählt zweifelsohne zu den Prioritäten. Das darf aber nicht dazu führen, dass die Zukunft aufs Spiel gesetzt wird. An den strategischen Investitionen halten wir fest. Wir haben sie nur verschoben, weil uns aufgrund des von den Regierungen verordneten Stillstands nichts anderes übrigblieben ist. Und nicht aus Gründen der Liquidität oder übertriebener Vorsicht. Wenn Investitionen vorher strategisch waren, dann sind sie es jetzt immer noch. Das gilt auch für Marketing und Kommunikation.

Wie entwickelt sich der E-Commerce?
Er legt zu. Aber natürlich wäre der Online-Handel ohne Covid-19 dynamischer gewesen. Wegen des Lockdowns ist vieles langsamer und zäher als gewöhnlich.

Werden die Kunden in die Läden strömen, sobald die Geschäfte wieder offen sind?
Ich zweifle an einem schnellen Neustart. Die Frequenz wird für einige Wochen noch gering sein. Das lehrt mich die Erfahrung. Ende Februar, Anfang März waren unsere Läden noch offen. Doch viel verkauft haben wir in dieser Zeit nicht. Unser Laden im Outlet Foxtown in Mendrisio in der Schweiz ist ein gutes Beispiel. Dort setzten wir an einem Tag gerade einmal 350 Schweizer Franken um. Der einzige Trost: Das war immer noch mehr als eine globale Luxusmarke in Foxtown. Die verkaufte an diesem Tag gar nichts. Aber wirklich null.

Herno-Präsident Claudio Marenzi geht davon aus, dass die Krise erst in eineinhalb Jahren ausgestanden ist. Wie lautet Ihre Vorhersage?
Die Coronavirus-Krise wirkt sich auch noch auf die Frühjahrssaison 2021 aus. Das trifft insbesondere auf die Unternehmen zu, die vom Wholesale-Vertrieb abhängen. Schließlich sitzen viele Mode- und Sporthändler auf der unverkauften Frühjahrsware 2020. Nichtsdestotrotz rechne ich damit, dass es einen Konsumaufschwung geben wird. Wie nach einem Weltkrieg. Dazu braucht es einen Marshall-Plan für die europäische Wirtschaft. Das ist eine Chance. Und es ist eine Pflicht, vor der wir uns nicht drücken dürfen. Sonst wird das uns die Geschichte nicht verzeihen. Unsere Großväter haben das gemeistert. Und auch wir werden das schaffen.

stats