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TW-Interview mit VF-Europa-Chef Martino Scabbia Guerrini

„Nachhaltigkeit versus Gewinn? Da gibt es keinen Trade-Off mehr.“

VF Corp
Martino Scabbia Guerrini
Martino Scabbia Guerrini

Der US-Konzern VF Corp, dem Labels wie Vans und The North Face gehören, hat sich ehrgeizige Wachstums- und Gewinnziele gesetzt. Gleichzeitig verstärkt er das Engagement für das Gemeinwohl. Doch geht das überhaupt zusammen? Der EMEA-Chef sagt ja.

Die Charts auf der PowerPoint-Präsentation zeigen alle nach oben. Der US-Konzern VF Corp, dem Labels wie Vans, The North Face und Timberland gehören, hat die Ziele für 2024 bekanntgegeben – und dabei üppige Umsatz- und Margensteigerungen versprochen.


Gleichzeitig streicht der Konzern heraus, dass es ihm mehr als nur um den finanziellen Erfolg geht. Die Rede ist von „Purpose“, also von Sinnhaftigkeit. VF Corp engagiert sich für Umwelt und Soziales. Die Gruppe hat sich einen Nachhaltigkeitsplan zurechtgelegt. Sie investiert in recycelbare Produkte und karitative Initiativen wie beispielsweise ein Aufforstungsprojekt in Afrika.

Aus Sicht von EMEA-Chef Martino Scabbia Guerrini hängen heute wirtschaftlicher Erfolg und Gemeinnutz eng zusammen. Der Italiener, der seit 2006 bei der VF Corp ist und Erfahrung bei der Tod’s Group und Stone Island mitbringt, empfängt am Europa-Hauptsitz im schweizerischen Stabio.

TextilWirtschaft: Lange Zeit achteten viele Unternehmen allein auf den Shareholder Value. Jetzt verschiebt sich das in Richtung Umwelt, Soziales, Gemeinwohl. Besteht für einen Konzern wie VF Corp ein Trade-off zwischen wirtschaftlichem Erfolg und gemeinnützigem Engagement?
Martino Scabbia Guerrini: Früher mag es diesen Trade-off gegeben haben. Jetzt gibt es ihn nicht mehr. Das ist eine Folge des Zeitgeistes und der Agenda der neuen Generationen in der ganzen Welt. Eine Firma kann es sich heute schlichtweg nicht mehr erlauben, sich nicht mit dem „Purpose“, also dem tieferen Sinn ihres Tuns auseinandersetzen. Ein schwaches Corporate Social Responsability-Programm ist nicht mehr akzeptabel. Es ist wichtig, dafür intern die Grundlagen zu legen. Denn die eigenen Mitarbeiter sind die ersten Kunden. Wer mit ihnen nicht ehrlich und transparent umgeht, wird später auch keinen Erfolg beim Kunden haben. Zur Klarstellung: Natürlich waren Werte wie Integrität und Offenheit schon früher wichtig. In Zukunft werden aber Investitions- und Portfolioentscheidungen exklusiv durch diese Sinn-Brille getroffen werden.

Wenn Purpose das bestimmende Prinzip ist, wird es ja entscheidend sein, dass die Mitarbeiter dahinter stehen. Wie gelingt es Ihnen, das beim Bewerbungsverfahren herauszufinden?
Wir sind dabei, das gerade in unsere Rekrutierungsverfahren einzubauen. Letztlich geht es darum, die Werte und Leitprinzipien unseres Unternehmens auf strukturierte Art und Weise herunterzubrechen. Das fließt dann in die Gesamtbetrachtung ein. Schließlich muss die jeweilige Person neben der richtigen Einstellung auch das passende Know-how für eine entsprechende Aufgabe mitbringen.

Wie wichtig ist dieses Engagement für Umwelt und Soziales für die Kunden? Gibt es Unterschiede zwischen dem Endkunden und dem Wholesale-Kunden?
Meiner Meinung ist der Endkunde wesentlich schneller als der Wholesale-Kunde. Letztere sind darum bemüht, die Kluft zu schließen. Verschiedene Händler sind unterschiedlich weit. Es gibt einige, beispielsweise Asos, die sich bereits klare Ziele gesetzt haben. Generell haben es junge Firmen leichter. Ein Händler, den es erst seit zehn Jahren gibt, hat nicht den Ballast einer langen Historie und eines großen Store-Netzwerks.
VF Corp – hochgesteckte Ziele für 2024
  • Der Konzern: Die VF Corp, die ursprünglich Vanity Fair hieß, kann auf 120 Jahre Geschichte zurückblicken. Ab der Jahrtausendwende kaufte die amerikanische Gruppe Lifestyle- und Outdoor-Labels zu – und übernahm zuerst Vans, The North Face und Eagle Creek. Später folgten Timberland, Smartwool, Dickies und Icebreaker. Dieses Frühjahr gliederte sie Jeansmarken wie Wrangler aus. Heute setzt sie mit 20 Brands insgesamt 11,8 Mrd. Dollar (10,7 Mrd. Dollar) um. Auf die EMEA-Region entfallen davon rund 2,9 Mrd. Dollar.
  • Der Ausblick: Der Konzern hat sich vorgenommen, den Umsatz bis 2024 um jährlich 7 bis 8% zu steigern. Das ist etwas weniger als in der Periode 2016 bis 2019. Der Gewinn je Aktie soll jährlich um 12 bis 14% klettern. Das jährliche Umsatzplus in der Region EMEA soll bei 6 bis 7% liegen. Das größte Potenzial in Europa wittert die VF Corp. in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit einem jährlichen Zuwachs um 10 bis 11%. Der Umsatzanteil der DACH-Region am Europa-Geschäft soll dementsprechend von 17% auf 21% steigen. Wichtigster EMEA-Markt bleibt Großbritannien.
  • Die Wachstumstreiber: Die wichtigsten Hebel für VF Corp sind Vans und The North Face. Die beiden Marken sollen rund 80% des avisierten Zuwachses bis 2024 ausmachen. Allein der Umsatz von Vans soll von derzeit 3,7 Mrd. Dollar auf rund 6 Mrd. Dollar angehoben werden. Ein Faktor: die Beliebtheit des Skateboardens, das bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 seine Premiere feiern wird. Darüber hinaus hofft VF Corp auf Asien und den eigenen Retail, sowohl mit eigenen stationären Stores als auch mit Online-Stores auf Marktplätzen.
Spüren Sie Unterschiede zwischen den Endkunden der VF-Brands? Man könnte sich vorstellen, dass dem Vans-Kunden die Umwelt weniger am Herzen liegt als dem von Timberland.
Je nach Brands engagieren wir uns höchst unterschiedlich für das Gemeinwohl. Im Fall von Timberland pflanzen wir Bäume, beispielweise in Afrika. Im Fall von Vans helfen wir mit, Skate-Anlagen in Städten zu bauen. Wir bringen Frauen und Kindern das Skaten bei und stellen in das Skateboard, den Helm und das restliche Zubehör zur Verfügung. Klar, die Natur spielt eine größere Rolle für Outdoor-Brands wie The North Face und Timberland.

Nahezu jede Fashion-Brand redet heute über Nachhaltigkeit. Und nicht alle haben wirklich etwas vorzuweisen. Der italienische Textilverband SMI macht sich für eine standardisierte Kennzahl stark, um in dem Gedröhne Vergleichbarkeit herzustellen. Eine gute Idee?
Zuerst sei gesagt: Es ist gut, dass es dieses Gedröhne gibt und dass es immer lauter wird. Das zeigt, dass es keinen Weg mehr zurückgibt. Ich denke, dass die Firmen, die weltweit am weitesten sind, sich für globale Standards einsetzen sollten. Es wäre schon gut, Kennzahlen zu haben, an denen die Unternehmen gemessen werden können. Ansonsten laufen wir Gefahr, dass die Nachhaltigkeits-Debatte hin und her mäandert. Wir bewegen uns in diese Richtung, aber wir sind noch nicht am Ziel.

Kreislaufwirtschaft ist in aller Munde. Die VF-Brand Napapijri hat jetzt mit Skidoo eine Jacke vorgestellt, die aus dem Material Econyl gefertigt ist und recycelt werden kann. Schließt sich der Kreis?
Ja, aber ist schwer zu sagen, wie schnell und auf welcher Skala das vor sich gehen wird. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass wir beim Material beginnen. Wenn das Material recycelbar ist, dann kann auch das Produkt recycelbar sein. Als dritter Baustein braucht es dann auch noch das Geschäftsmodell.

Skidoo Infinity: Die Napapijri-Jacke ist komplett recycelbar.
VF Corp.
Skidoo Infinity: Die Napapijri-Jacke ist komplett recycelbar.
Das könnte beispielsweise ein Verleihservice sein. Glauben Sie daran, dass die Sharing-Economy auch Einzug in die Mode erhält?
Nutzung wird im Vergleich zum Eigentum wichtiger. Warum also nicht auch in unserer Branche? Zumindest für einige Produktkategorien wird das sicher bald passieren. Beispiel Gepäck. Wer in London lebt und häufig auf Reisen ist, der hat meistens keine große Wohnung und deshalb auch keinen Platz für einen großen Koffer. Mit unserer Brand Kipling testen wir jetzt ein Verleihmodell. Wir verleihen den Koffer an den Kunden, der bringt ihn wieder zu uns zurück, wir reinigen ihn und das Ganze beginnt von vorne. Oder denken wir an den Ski-Urlaub. Heute holen sich die Leute einen Skipass und leihen sich die Skier. In Zukunft könnten sie sich das ganze Outfit leihen. Das trifft auch auf das Klettern und das Campen zu. Allgemein gilt: Wenn es der Brand gelingt, eine Experience zu vermitteln, kann ein Verleihservice funktionieren. Das Schöne an VF ist, dass wir das mit kleineren Labels erst einmal austesten können. Das erlaubt es uns, das Modell dann schnell größer auszurollen.

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