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Vaude-CEO Antje von Dewitz und Minister Gerd Müller im Interview

"Wir sind keine Idealisten"

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Verfolgen für das Lieferkettengesetz: Vaude-CEO Antje von Dewitz und Minister Gerd Müller.
Verfolgen für das Lieferkettengesetz: Vaude-CEO Antje von Dewitz und Minister Gerd Müller.

Vaude-CEO Antje von Dewitz und Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) haben gemeinsam für das Lieferketten-Gesetz gekämpft. Im Gespräch mit der TextilWirtschaft sprechen sie über Inhalte, Kompromisse und die neue Bedeutung von Made in Germany.


TextilWirtschaft: Seit Jahren ringen Sie um das Lieferkettengesetz, das nach langem Hin und Her kurz vor dem Ende Ihrer Amtszeit tatsächlich verabschiedet wurde. Allerdings stark abgeschwächt. Ist das jetzt der große Wurf?
Gerd Müller: Das Lieferkettengesetz kommt, es ist vom Bundestag beschlossen worden. Das ist ein Meilenstein auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit, dem Schutz der Menschenrechte und dem Verbot von Kinderarbeit in globalen Lieferketten. Deutschland geht mit dem Gesetz voran: Es ist wirksam und dennoch für die Wirtschaft umsetzbar. Damit setzen wir einen neuen Standard – auch mit Blick nach Brüssel.


Frau von Dewitz, Sie haben Seite an Seite mit Entwicklungsminister Gerd Müller für das Lieferkettengesetz gestritten. Jetzt wurde es verabschiedet, allerdings mit vielen Kompromissen. Für Sie trotzdem ein Grund zum Feiern?
Antje von Dewitz:
Auf jeden Fall. Dass es nicht direkt die Idealversion werden würde, war ziemlich schnell klar. Dass wir überhaupt eines haben, das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, das muss man jetzt erst einmal feiern.

Aus der Textilbranche, die als erster Adressat und Auslöser für das neue Gesetz gilt, sind kaum Unternehmen betroffen, weil es nur für Firmen mit einer Mitarbeiterzahl von 3000 bzw. 1000 Beschäftigten gilt. Wird es damit überhaupt einen Einfluss auf die Branche haben?
Müller:
Viele Textilunternehmen übernehmen bereits freiwillig Verantwortung: Mit dem Grünen Knopf, unserem staatlichen Siegel für nachhaltige Standards in der Textilproduktion, zeigen sie, dass große und kleine Unternehmen die Vorgaben des Lieferkettengesetzes längst umsetzen können und sogar darüber hinausgehen. Ausgangspunkt für das Gesetz war das Unglück von Rana Plaza, wo 1100 Näherinnen ihr Leben verloren haben. Ich habe den Unglücksort besucht, die Trümmer gesehen und mit den überlebenden Frauen gesprochen. Ihr Schicksal hat mich nicht losgelassen. Wir dürfen nicht wegschauen. Wir müssen vom freien zum fairen Handel kommen und eine neue Verantwortungsethik umsetzen. Ich bin mir sicher, dass das Gesetz Wirkung entfalten wird.

Aber was bringt ein rein nationales Gesetz überhaupt – außer Nachteilen für deutsche Unternehmen im internationalen Wettbewerb?
Müller:
Bei mir war kein Mittelständler, der sagte, er kann die Vorgaben nicht erfüllen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Unternehmen, die bereits jetzt auf faire und nachhaltige Lieferbeziehungen setzen, sind verhältnismäßig gut durch die Corona-Krise gekommen. Die Einhaltung der Sorgfaltspflichten wird künftig ein Qualitätsmerkmal für die Kundinnen und Kunden sein. Made in Germany steht ab jetzt nicht nur für höchste Qualität, sondern auch für Menschenrechte und faire Produktion – weltweit. Im Übrigen schaut Brüssel genau hin, wie Deutschland ein Gesetz verabschiedet hat, das machbar und wirksam zugleich ist. Wer sich jetzt vorbereitet, ist klar im Vorteil. Ein Mittelständler aus der Automobilbranche sagte mir kürzlich, dass der Aufbau eines nachhaltigen Lieferkettenmanagements mit Arbeit verbunden war – dies hätte sich für sein Unternehmen schon wirtschaftlich rentiert.
von Dewitz: Das kann man ja genauso übertragen auf unser Unternehmen: Was bringt es Vaude, diesen nachhaltigen Weg zu gehen, auch wenn wir dadurch Mehrkosten und den Mehraufwand haben?

Nämlich was?
von Dewitz:
Es bringt eine große Kompetenz in einem Bereich, in dem die Menschen das heute sowieso schon erwarten. Den Konsumenten ist es wichtig, dass Unternehmen verantwortlich agieren und nicht auf Kosten von Mensch und Natur produzieren.



Glauben Sie, dass die Verbände in ihrer anfangs so heftigen Kritik am neuen Gesetz auch deshalb leiser geworden sind? Zumindest haben wir diesen Eindruck.
von Dewitz: Was hat das denn für eine Außenwirkung, wenn der BDI und 27 andere Verbände gegen das Lieferkettengesetz wettern? Der Wirtschaft wird ohnehin viel Misstrauen entgegengebracht, das belegen Studien weltweit. Jetzt geht es doch auch darum, Vertrauen zurückzugewinnen und zu zeigen, dass die Wirtschaft etwas Sinnvolles bewirken kann und Unternehmen nicht automatisch die Bösen sein müssen. Sie können vielmehr zur Lösung globaler Probleme beitragen. Deutschland hat jetzt die Chance, zu zeigen: Wir gehen voran, auch beim Thema Menschenrechte. Wir zeigen, dass es möglich ist.

Inwieweit wird dieses abgeschwächte Gesetz – ohne zusätzliche Haftung für Unternehmen bei Verstößen gegen Menschenrechte im Ausland – aber den Baumwollpflückern in Bangladesch oder uigurischen Zwangsarbeitern in China tatsächlich helfen?
Müller:
Das Gesetz sieht eine starke behördliche Durchsetzung vor. Zuständig ist das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Bei Verstößen sind Bußgelder und der Ausschluss von der öffentlichen Beschaffung möglich.

Was ist mit der Haftung?
Müller:
Bei der zivilrechtlichen Haftung bleibt es bei den bestehenden Regelungen. Schon heute können Baumwollpflücker aus Bangladesch oder China vor deutschen Gerichten bei entsprechenden Rechtsverletzungen klagen. Zukünftig können deutsche NGOs und Gewerkschaften die Rechte der Betroffenen vor deutschen Gerichten durch die neue Prozessstandschaft unmittelbar unterstützen.

Auch der Umwelt-Aspekt kommt nur am Rande vor. Reicht Ihnen das?
Müller:
Verstöße gegen Umweltabkommen, die unter anderem die Gesundheit der Menschen gefährden, sind vom Gesetz erfasst, zum Beispiel die Verschmutzung von Trinkwasser durch giftige Chemikalien wie Quecksilber. Damit geht das Gesetz über die bisherigen Vorgaben des Nationalen Aktionsplans für Wirtschaft und Menschenrechte sogar hinaus. Aber klar ist: Ich hätte mir hier mehr vorstellen können.

Massive Kritik kam und kommt auch von NGOs, denen das Gesetz nicht weit genug geht. Können Sie das nachvollziehen?
von Dewitz:
Das war beim Grünen Knopf genauso. Da kam von so vielen Seiten Kritik, auch von NGOs, und das fand ich wirklich destruktiv. Es geht doch darum, dass nach jahrelangem Ringen erst mal etwas geschaffen wurde, das uns weiterbringt und das man dann auch verbessern kann. Auch der Grüne Knopf ist ein Meilenstein, selbst wenn es noch einiges zu optimieren gibt. Aber warum muss denn schon eine Geburt kaputt gemacht werden? Und genauso geht es mir auch beim Lieferkettengesetz.

Das die Modebranche, die zu den Auslösern gehört, noch nicht direkt trifft.
von Dewitz:
Ja, meine Branche trifft es noch nicht, da die meisten Unternehmen unter 3000 Mitarbeiter haben. Schade, denn damit haben wir bei Vaude durch unser freiwilliges Engagement weiterhin klare Nachteile. Aber es ist ein Schritt in Richtung Menschenrechte getan, ein Schritt in Richtung einer sozialeren Globalisierung. So ein demokratischer Prozess ist einfach langwierig und komplex. Dieses von vornherein Kaputtmachen wird denen, die so etwas in zähen Verhandlungen aushandeln und darum kämpfen, einfach nicht gerecht. Ich finde das so frustrierend, und würde allen am Lieferkettengesetz Beteiligten gerne sagen: Gut gemacht!

Warum gibt es diese harte Kritik seitens der NGOs, was meinen Sie?
von Dewitz:
Ich glaube, weil die Angst besteht, dass das so eine halbgare Sache bleibt. Das kann ich auch gut verstehen, und das will auch ich nicht. Aber das blendet gleichzeitig eben den demokratischen Findungsprozess aus. Es gibt kein Schwarz und Weiß bei einer Sache, die voller Zielkonflikte ist.

Wie stehen Sie zu den NGOs?
von Dewitz:
Die Rolle der NGOs ist extrem wichtig, und dass sie da so kompromisslos immer wieder den Finger in die Wunde legen. In der Form kann ich auch diese harte Kritik nachvollziehen und akzeptieren. Eben weil ich diese Rolle in dem ganzen Demokratieprozess extrem wichtig finde. Das bringt uns ja auch immer wieder voran, wenn Greenpeace eine Detox-Kampagne macht oder Vier Pfoten sich mit dem Thema Daune befasst. Aber an dem einen Punkt würde ich mir wünschen: Haltet doch einmal inne und lasst uns in dem Folgeprozess, der Verbesserung, wieder alle gemeinsam einsteigen.

Was müsste als erstes angegangen werden, um dieses Gesetz zu einem aus Ihrer Sicht besseren zu machen?
von Dewitz:
Der Punkt Unternehmensgröße. Denn jetzt scheint es, als könnten sich nur die Großen Sorgfalt leisten und, dass man das den Mittleren und Kleinen gar nicht zutrauen kann. Das ist ein völlig falsches Signal – auch wirtschaftlich gesehen. Denn Nachhaltigkeit sollte aus meiner Sicht eine elementare Business-Disziplin sein. Globale Lieferketten transparent, partnerschaftlich und ökologisch zu gestalten, gehört zum betriebswirtschaftlichen Know-how. Zu sagen, dass die Kleinen zu schwach sind, baut einen Protektionismus auf, der verhindert, dass Kompetenz aufgebaut wird. Und er verhindert, dass Verantwortungsübernahme auch in der Haltung stattfindet. Zweites Thema wäre natürlich ein stärkerer Umweltaspekt.

Und das Thema der Haftung?
von Dewitz:
Genau, das kommt als nächstes auf meiner Liste. Es wäre gut, wenn dieser Aspekt im Gesetz berücksichtigt wäre, aber ich glaube, dass es auch so eine Signalwirkung hat. Ausblenden kann das Thema jetzt zumindest keiner mehr.

Aber können Sie wirklich für alle ihre Lieferanten die Hand ins Feuer legen?
von Dewitz:
Im Moment reden wir nur über Tier 1, also über unsere direkten Lieferanten. Das sind rund 45. Es geht um einen systemischen Ansatz. Sprich, ich muss ein System aufbauen, mit dem ich Transparenz herstellen kann, über Kontrollen, über Beschwerdemechanismen, über Risikobewertungen usw. Und ja, das können wir. Das heißt nicht, dass immer alles zu 100% gut ist. Aber es geht darum, Mechanismen aufzubauen, um aufzudecken, wenn etwas schiefläuft.

Ist es realistisch, das auch für vorgelagerte Stufen zu leisten?
von Dewitz:
Indem wir Materialien nominieren und höchste Standards für die verwendeten Materialien definieren, schaffen wir es zunehmend, in Tier 2 und teilweise in Tier 3 vorzudringen. Eine Auditierung der Materialhersteller, wie sie bei uns die Fair Wear Foundation für alle Produzenten durchführt, übernehmen wir dabei selbst. Auf dieser Ebene agiert Fair Wear nicht.

EU-Justizkommissar Didier Reynders strebt ein deutlich strengeres Gesetz an, das für alle Unternehmen und die gesamte Lieferkette gelten soll. Frau von Dewitz, Sie sind ja politisch sehr aktiv, glauben Sie, dass nach dem langwierigen Prozess im deutschen Bundestag Brüssel tatsächlich ein strengeres Gesetz auf den Weg bringen kann? Da reden ja noch viel mehr Politiker und Lobbyisten mit…


von Dewitz:
Gute Frage. Ich bin da recht optimistisch. Ich glaube, dass der politische Wille da ist, soziale Ungleichheit bedingt durch die Globalisierung in den Griff zu kriegen. Auf das Thema globale Mindeststeuer konnte man sich innerhalb der G7 ja jetzt schon mal einigen. Es passiert also etwas.

Herr Müller, wann kommt das europäische Lieferkettengesetz? Wird es schärfer formuliert werden können?
Müller:
Die EU-Kommission wird ihren Vorschlag im Herbst vorlegen. Mit Verabschiedung des deutschen Gesetzes bekommt auch der Prozess in Brüssel neuen Rückenwind.

Rückenwind kam auf Unternehmerseite vor allem von Vaude. Frau von Dewitz, Sie stehen als Vorzeige-Unternehmerin und „Gutmensch“ besonders unter Beobachtung. Inwieweit erhöht das den Druck, wirtschaftlich erfolgreich sein zu müssen?
von Dewitz:
Den Druck verspüre ich eher von innen. Wir sind ja keine soziale Einrichtung, sondern ein Wirtschaftsunternehmen. Und wir haben hervorragende Kennzahlen, super Ratings und können damit nach außen zeigen: Nachhaltiges Wirtschaften macht krisenstark und zukunftsfähig. Es wird häufig so dargestellt, als könnte man nur ökologisch oder ökonomisch erfolgreich sein. Dass das Ganze hervorragend zusammengeht, das zeigt sich bei Vaude.

Speziell für das Lieferkettengesetz stehen Sie mit Ihrem Gesicht, Sie haben jahrelang gemeinsam mit dem Minister dafür getrommelt. Werden Sie dafür angefeindet?
von Dewitz:
Nicht so, dass ich es mitbekommen würde. Ich glaube, das ist in Unternehmerkreisen auch nicht der Stil. Zudem zeigen wir ja, dass es geht. Wir sind keine Idealisten, die Unmögliches fordern. Ja, es ist Aufwand und es kostet auch, aber es ist sehr sinnvoll – und zwar nicht nur aus ethisch-moralischer Sicht. Nachhaltiges Wirtschaften macht agil, lösungsorientiert und zukunftsstark. Das hat sich auch in Corona-Zeiten gezeigt: Wir sind geübt, Konflikte zu lösen und Lösungen zu finden. Denn wir haben das seit Jahren in engen Partnerschaften auch mit unseren Produzenten und Materiallieferanten geübt. Das hat uns geholfen in dieser unsicheren Zeit, und wir hatten vergleichsweise wenig Lieferverzug.

Welches Feedback bekommen Sie denn so aus Unternehmerkreisen?
von Dewitz:
Vor allem Neugier und die Haltung: ‚Wäre ja schön, wenn das wirklich funktioniert‘. Seit etwa einem Dreivierteljahr gibt es dafür unsere Vaude Akademie für nachhaltiges Wirtschaften, die andere Unternehmen und Organisationen bei ihrer nachhaltigen Transformation begleitet. Wir werden ganz schön stark angefragt, und zwar nicht nur aus unserer Branche.

Wie geht es eigentlich beim Grünen Knopf voran, den Sie ja ebenfalls mit Herrn Müller heftig beworben haben?
von Dewitz:
Bis Ende des Jahres sollen die zusätzlichen ökologischen und sozialen Kriterien finalisiert werden, derzeit laufen die Konsultationen öffentlicher Stakeholder. Da ist mein Kollege aus der Geschäftsleitung Jan Lorch als Mitglied des Steuerkreises sehr stark involviert. Der Grüne Knopf 1.0 wird also bis zum 1. Januar 2022 zum Grünen Knopf 2.0. Genau darum geht es. Wenn man zeigt, es geht weiter und der Standard wird laufend verbessert, schafft das Vertrauen.

Wie geht es weiter, wenn Minister Müller, der sich nicht mehr zur Wahl stellt, weg ist? Haben Sie Sorge, dass vieles wieder in der Schublade verschwindet?
von Dewitz:
Ein Minister Müller ist wahrscheinlich nicht ersetzbar. Ein Minister, der so mit Leidenschaft rangeht und aus dem Herzen spricht, das ist nicht der Standard. Aber das Thema ist gesetzt, die Infrastruktur ist aufgebaut. Ich bin guter Hoffnung. Dennoch frage ich mich, was wir tun können, damit Herr Müller bleibt.

Und, Herr Müller, gibt es etwas, dass Sie bewegen könnte, sich doch nicht in den Ruhestand zu verabschieden?
Müller:
Meine Zeit in der Bundespolitik war eine großartige Lebensphase. Jetzt ist Zeit für die nächste Generation. Sie können sich aber sicher sein: Ich bin nach wie vor voller Tatendrang und werde mich auch weiterhin für eine gerechte Globalisierung einsetzen. Antje von Dewitz hat mit Vaude gezeigt, dass ein konsequent nachhaltiges Unternehmen wirtschaftlich sehr erfolgreich sein kann. Damit ist sie ein Vorbild. Mit ihrer Unterstützung wird auch meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger eine gerechte Globalisierung voranbringen können – denn das ist DIE soziale Frage des 21. Jahrhunderts.

Wer wird denn Ihren Kampf um mehr Nachhaltigkeit in der Modebranche fortsetzen? Wer erbt Ihren Grünen Knopf?
Müller:
Wie die nächste Regierung aussieht, darüber entscheiden die Wählerinnen und Wähler. Aber am Thema Nachhaltigkeit wird keine neue Bundesregierung mehr vorbeikommen.

Frau von Dewitz, warum übernehmen Sie eigentlich nicht und gehen selbst in die Politik? Auf dieser Ebene könnten Sie noch viel mehr bewirken.
von Dewitz:
Ich fühle mich sehr wohl in meiner Rolle als Unternehmerin. Gestalten liegt mir im Blut. Und ich kann mit Erfahrungen aus der Praxis zeigen, was funktioniert gut, was noch nicht und wie man gesetzliche Regelungen gestalten müsste, damit nachhaltiges Wirtschaften einfacher wird. Ich sehe mich nicht in der Politik.

Warum nicht?
Dewitz:
Im Unternehmen geht das Gestalten schneller, du hast eine eigene Kultur und kannst viel pragmatischer handeln. Du hast zwar durch nachhaltiges Wirtschaften einen Haufen Zielkonflikte – aber du hast eine Mannschaft, die sich darauf eingeschworen hat, diese Zielkonflikte zu bewältigen. Und da ist dieser demokratische Findungsprozess mit vielen Parteien nochmal eine Stufe anstrengender und zäher. Im Moment gibt es ja wirklich ein hartes Politiker-Bashing, mein Respekt gilt allen Politikern, die sich dieser toughen Aufgabe stellen um Lösungen zu finden.

Nachhaltigkeit ist ein Marketing-Thema. Schadet das der Glaubwürdigkeit?
von Dewitz:
Nein, das sehe ich nicht so. Wir können viel mehr bewegen, wenn sich möglichst viele auf den Weg machen, und wenn erst mal kleine, einzelne Maßnahmen durch die die Kommunikation hervorgehoben werden. Ich glaube fest daran, dass auf den ersten Schritt der zweite folgt. Die Zeit ist reif. Wir merken das, wir haben so einen Rückenwind als nachhaltiges Unternehmen. Als wir uns 2009 auf den Weg begeben haben, standen wir die ersten drei, vier Jahre vor einer massiven Tür. Die haben wir kaum aufgekriegt, so viel Gegenwind kam da. Dann, nach ein paar Jahren, ging die Tür zwar auf, aber die weiteren Schritte waren noch zäh. Und jetzt bläst uns der Wind nach vorne.

Sind Ihre Produkte teurer geworden auf diesem Weg?
von Dewitz:
Ja. Wir sind als preisbewusste Marke in den Prozess eingestiegen und sind jetzt preislich im mittleren Feld der Outdoor-Marken. Aber eigentlich müssten viele unserer Produkte noch teurer sein.

Sie verlangen keine realistischen Preise?
von Dewitz:
Für einige Produkte nicht. Das können wir glücklicherweise über eine erhöhte Nachfrage auffangen. Zudem legen wir hohen Wert auf gutes Kostenmanagement, optimale Warenplanungen und laufende Effizienzsteigerungen. Da ganzheitliche unternehmerische Verantwortung zu großen Teilen auf Freiwilligkeit beruht, muss man wahnsinnig gut wirtschaften, um sie sich leisten zu können.

Fakt ist: Ressourcen sind endlich. Wie bringen Sie das mit der Notwendigkeit, unternehmerisch zu wachsen, in Einklang?
von Dewitz:
Wir machen uns sehr viele Gedanken über Post-Wachstum. Wie koppeln wir Wachstum von Ressourcen ab? Dafür arbeiten wir zum einen an der Klimaneutralität für alle unsere Produkte und stellen dabei unser Sortiment innerhalb der nächsten drei Jahre auf emissionsärmere Recycling- und biobasierte Materialien um. Zudem entwickeln wir innovative Geschäftsmodelle und Dienstleistungen ohne größere Ressourcenverbräuche, wie beispielsweise unsere Akademie, mit Beratung, mit Upcycling, Mietmodellen usw. Wir streben ein ökologisch sinnvolles Wachstum an. Es wäre gefährlich für uns, nicht zu wachsen, denn wir bewegen uns in einem harten Konzentrationsmarkt. Aber es ist wichtig, sich die Frage nach der idealen Unternehmensgröße immer wieder zu stellen und differenziert zu beantworten. Damit ‚höher, schneller, weiter‘ kein Automatismus wird.

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