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Vaude-Chefin Antje von Dewitz

"Corona wird nicht alles verändern"

Winfried Heinze, Vaude
Seit rund zehn Jahren steht Antje von Dewitz an der Spitze des Familienunternehmens. Seither wurde der Umsatz mehr als verdoppelt.
Seit rund zehn Jahren steht Antje von Dewitz an der Spitze des Familienunternehmens. Seither wurde der Umsatz mehr als verdoppelt.

"Wir werden mehr." Wenn Antje von Dewitz von "wir" spricht, meint sie Verbraucher, die bewusst leben und konsumieren wollen. Aber die Chefin des Outdoor-Spezialisten Vaude meint damit auch Unternehmen, die sich für eine nachhaltige Wirtschaftsweise einsetzen. Sie glaubt daran, dass die Krise an diesem Trend nicht rütteln wird.

TextilWirtschaft: Wie groß ist Ihre Sorge, dass der Ruf nach mehr Nachhaltigkeit mit der Corona-Krise wieder verhallt?
Antje von Dewitz: Meine Wahrnehmung vor der Krise war, dass wir deutlich mehr werden. Und ich gehe im Moment davon aus, dass die Krise das sogar verstärken wird. Dass also die Zahl derer zunimmt, die bewusst leben und bewusst konsumieren wollen. Und auch die Zahl derer wächst, die darüber nachdenken, ob unsere Art des Wirtschaftens sinnvoll ist. Manchmal liest man, die Zeiten würden nach Corona nie wieder so sein wie davor, Corona werde alles verändern. Das glaube ich nicht. Der Trend, der sich davor schon abzeichnete, wird, glaube ich, mehr Rückenwind bekommen.


Haben Sie keine Sorge, dass Firmen und Staaten für Umweltschutz kein Geld mehr haben werden?
Nach der Krise ist erst einmal Überleben angesagt, das glaube ich auch. Auch wir werden uns darauf konzentrieren, dass wir wieder gut aus der Krise herauskommen. Und auch bei den Verbrauchern wird es natürlich zuerst darum gehen, was sie sich eigentlich leisten können. Aber eine größere Anzahl von Menschen wird bewusst einkaufen und die Mittel, die sie zur Verfügung hat, bewusst einsetzen. Und schon vor der Krise haben viele Unternehmen erkannt, dass die Frage eben nicht lautet: ‚Können wir uns Nachhaltigkeit leisten?‘, sondern dass Nachhaltigkeit wichtig ist, um zukunftsfähig aufgestellt zu sein.

Glauben Sie daran, dass Konsum der Motor sein wird, uns aus der Rezession zu holen?
2008/2009 war es so. Nach der Krise ging der Konsum aufwärts – auch in der Outdoor-Branche. Uns kam sogar entgegen, dass große Investitionen erst einmal vermieden wurden. Rein gefühlsmäßig glaube ich, dass viel Konsum nachgeholt werden wird. Aber ich glaube, dass viele Menschen darüber nachdenken werden, was sie sich eigentlich anschaffen wollen. Ich bin grundsätzlich optimistisch, dass das Interesse an Unternehmen, die wie Vaude aufgestellt sind und sich für eine faire und nachhaltige Wirtschaftsweise einsetzen, weiter wächst.

Von denen, die überleben werden.
Ja, das stimmt. Und es wird auch nach der Krise eine Zweigleisigkeit geben, eine Parallelität. Viele werden einfach nur ums Überleben kämpfen, da wird Nachhaltigkeit hinten angestellt sein. Aber wenn wir zehn Jahre in die Zukunft schauen, werden wir sehen, dass der Trend sich weiterhin verstärkt hat.

So langfristig können allerdings nur Familienunternehmen denken.
Ja, das merken wir zum Beispiel auch daran, dass mehrere große Unternehmen alle Produktionsaufträge für diesen Herbst schon komplett gecancelt haben. Da unterscheiden wir uns zumindest momentan deutlich durch einen langfristigeren Planungshorizont.

„Im Moment rechnen wir also damit, dass der Sommer nicht komplett in die Hose geht.“
Antje von Dewitz

Von welchem Szenario gehen Sie derzeit aus?
Wir handeln momentan nach einem relativ optimistischen Szenario. Wenn man das überhaupt sagen darf, ohne sich total merkwürdig zu fühlen. Wir gehen derzeit davon aus, dass bis Ende April alles geschlossen bleibt und dann die Läden allmählich wieder öffnen, so dass also ab Mai langsam wieder etwas Umsatz anzieht. Im Moment rechnen wir also damit, dass der Sommer nicht komplett in die Hose geht. Entsprechend investieren wir nach wie vor in Produktentwicklung und Marketing. Dieses Szenario werden wir Mitte April hinterfragen.

Wie hoch wären die Verluste nach diesem Best Case-Szenario?
In diesem Fall rechnen wir bis Ende April mit 9 Mio. bis 10 Mio. Euro Umsatzverlust (Anm. d. Red. Vaude erlöst mehr als 100 Mio. Euro).

Ist das stemmbar?
Wir haben die letzten Jahre gut gewirtschaftet, sind gut aufgestellt als Unternehmen. Das Mittel der Kurzarbeit wird uns helfen, und natürlich sparen wir jetzt auch Kosten ein, aber grundsätzlich wäre das stemmbar. Wir sprechen jetzt schon mit den Banken verschiedene Szenarien durch. Und wenn die Dauer der Ladenschließungen dramatisch über Ende April hinausgeht, dann müssen auch wir Förderkredite in Anspruch nehmen, um die Liquidität aufrechtzuerhalten. Dann werden wir auch in breiterem Maße in die Kurzarbeit gehen und auch radikal die Planung der Folgesaisons überarbeiten. Der Herbst ist im Prinzip abgeschlossen, da konnten wir nur bei den letzten Losen noch ein bisschen runterfahren.

Welche Konsequenzen hätte das für Sommer 2021? Oder werden Sie die Kollektion in jedem Fall verkleinern, so wie das Mitbewerber bereits angekündigt haben?
In welchem Umfang die Sommer 21-Kollektion an den Start geht, wird davon abhängen, wie sich die nächsten Wochen gestalten. Was uns zugute kommt, ist dass wir kaum Altware am Lager haben, da wir in den letzten Jahren ein unheimlich gutes Auslauf-Management hatten. Wir schleppen also keinen Ballast mit uns herum. Wenn sich die Ladenschließungen aber in den Mai fortsetzen, dann wird das auch bei uns große Konsequenzen für die Sommer 21-Kollektion haben.

Heißt das in der Konsequenz, dass Sie Handelspartnern mit Waren-Rücknahmen unter die Arme greifen können, wenn bei denen der Warendruck zu groß ist?
Wir sprechen mit vielen unserer Kunden über verschiedene Möglichkeiten, Warenrücknahmen sind dabei aber keine Option – eher geht es darum, Zahlungsaufschub zu gewähren, Aufträge zu schieben, etc.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Ihren asiatischen Partnerbetrieben? Müssen dort schon welche schließen?
Noch zeichnen sich solche heftigen Szenarien nicht ab, aber das kann natürlich kommen. Was wir aber spüren, ist, dass wir auf sehr große Partnerschaftlichkeit stoßen, etwa was die Bereitschaft angeht, Liefertermine zu verschieben und Zahlungsziele zu verlängern. Wir arbeiten seit vielen Jahren sehr eng mit unseren Partnern zusammen, sind im Vergleich zu anderen nicht riesig, fordern aber sehr viel in den Bereichen Umwelt- und Sozial-Management. Wir reichen dafür aber auch immer die Hand, etwa mit Empowerment-Programmen, mit denen wir die Partner auf Augenhöhe gemeinsam nach vorne bringen. Und wir haben das Gefühl, dass sich das jetzt auszahlt.


Warum produziert Vaude eigentlich keine Schutzausrüstung?
Wir setzen uns natürlich sehr intensiv mit diesem Thema auseinander, bekommen täglich Anfragen und prüfen das laufend. Wir haben vorläufig für uns folgende Bewertung gefunden: Um Masken herzustellen, die höchsten medizinischen Anforderungen genügen, bräuchten wir unter normalen Umständen ein Jahr, um das bei uns aufzubauen. Selbst wenn wir das verkürzen könnten, ein paar Monate bräuchten wir. Deswegen sehen wir davon ab. Was die Produktion von Nasen-Mund-Masken angeht, sind wir natürlich auch am Überlegen, vor allem angesichts der veränderten Einschätzung des Robert Koch Instituts zur Sinnhaftigkeit solcher Mundschutze. Der Hauptgrund, der hier dagegen spricht, ist, dass wir in unserer Manufaktur tatsächlich nur wenig reine Näh-Arbeitsplätze haben. Um in die Produktion relevanter Stückzahlen einzusteigen, bräuchten wir hier deutlich mehr Nähmaschinen und müssten aber auch entsprechende kompetente Nähkräfte zusätzlich einstellen. Davon sehen wir momentan ab.

Hat sich Ihr Verständnis von unternehmerischer Verantwortung in der Krise verändert?
Überhaupt nicht. Ich habe Verantwortung für die Auswirkungen meines Handelns und muss darauf achten, dass es weder Mensch noch Natur schadet. Dazu kommt jetzt natürlich noch eine unglaubliche Fürsorgepflicht für unsere Mitarbeiter in vielerlei Hinsicht. Neben Themen wie Arbeitssicherheit und Hygiene gehört dazu auch, dass die Mitarbeiter, die in Kurzarbeit gehen, nicht in Unsicherheit fallen und trotzdem am Unternehmen dranbleiben, dass kein Spalt durch unser Unternehmen geht. Was uns stark macht, ist unsere Kultur und die müssen wir bewahren.

Das schaffen Sie?
Wir spüren sehr viel Solidarität für die Maßnahmen, etwa, wenn in Kurzarbeit gegangen werden muss. Die Welle der Solidarität zu spüren, ist schön und auch das Zusammenrücken in der Krise. Aber natürlich gibt es auch Verunsicherung. Deswegen haben wir zum Beispiel schon in den ersten Tagen einen für alle Mitarbeiter zugänglichen Videoblog geschaffen, das ‚Vaude-Lagerfeuer‘. Dort berichten wir fast täglich darüber, was hier los ist, was uns bewegt und nach welchen Überlegungen wir handeln. Wir informieren darüber, warum wir im Moment keine Atemschutzmasken produzieren und digitalisieren zum Beispiel unser betriebliches Sportprogramm, 30 Kollegen haben bei der ersten Veranstaltung gleich mitgemacht. So etwas passiert jetzt gerade. Oder Stichwort Homeoffice. Das haben wir vorher schon stark unterstützt, und dass das jetzt so reibungslos funktioniert mit 200 Mitarbeitern im Homeoffice, das ist toll. Es gibt also auch Maßnahmen, bei denen wir zum Glück schon vor Corona den Grundstein gelegt haben, die blühen jetzt richtig auf.

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