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Vaude kappt Marketing-Budget, um Klimaschutz voranzutreiben

"Wir müssen disruptiv werden"

Vaude
"Wir alle wissen, dass etwas passieren muss, dass wir alle etwas ändern müssen. Doch nach meiner Wahrnehmung wird diese Herausforderung noch in der üblichen Denkweise angegangen, also erst mal beobachten, abwarten. Das können wir uns aber beim Klimawandel nicht leisten", sagt Vaude-Chefin Antje von Dewitz.
"Wir alle wissen, dass etwas passieren muss, dass wir alle etwas ändern müssen. Doch nach meiner Wahrnehmung wird diese Herausforderung noch in der üblichen Denkweise angegangen, also erst mal beobachten, abwarten. Das können wir uns aber beim Klimawandel nicht leisten", sagt Vaude-Chefin Antje von Dewitz.

Ab 1. Januar 2022 kompensiert Vaude alle nicht vermeidbaren globalen Treibhausgasemissionen und ist damit klimaneutral. Vaude-Chefin Antje von Dewitz erklärt im TW-Interview, warum das nicht reicht.

Offiziell klimaneutral zu sein, ist Vaude nicht genug. Darum wird derselbe Betrag, der jährlich in die Kompensation fließt, zusätzlich in die kontinuierliche Reduzierung der Emissionen investiert. Dafür wird das Marketingbudget um rund eine halbe Million Euro gekürzt. "Nachhaltigkeit ist teuer. Da die Bereitschaft für höhere Preise im Handel und bei den Endkunden ihre Grenzen hat, können wir die Mehrkosten für nachhaltig hergestellte Produkte und eine Klimakompensation nur aufbringen, wenn wir an anderen Stellen einsparen", ist Antje von Dewitz überzeugt.

Am Firmensitz ist Vaude schon seit 2012 klimaneutral – mit allen dort hergestellten Produkten. 2019 wurde das nächste große Klimaziel gesetzt: weltweite Klimaneutralität gemäß der Science Based Targets (SBT) – so schnell wie möglich. Noch nicht vermeidbare klimaschädliche Emissionen werden über ein Klimaschutzprojekt in Vietnam kompensiert.

TextilWirtschaft: Vaude ist ab Januar 2022 klimaneutral. Das wären Sie auch ohne die angekündigte Kürzung des Marketing-Budgets. Warum tun Sie das?
Antje von Dewitz: Wir wollen noch schneller vorankommen, da der Klimawandel dramatisch voranschreitet und die Zeit drängt. Wir haben uns 2019 zu den Science Based Targets committed, um unseren Beitrag zur Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad zu leisten. Dafür werden wir unsere globalen Emissionen bis 2030 um die Hälfte reduzieren, das ist eine riesige Herausforderung, etwa bei der Umstellung unserer Partnerbetriebe auf erneuerbare Energien und der Umstellung auf biobasierte und recycelte Materialien. Bei letzterem kommen wir auch schon mit großen Schritten voran. Aber wir wollen noch weitergehen. Deswegen investieren wir den gleichen Betrag, den wir derzeit noch in Kompensationen stecken müssen, in zusätzliche Maßnahmen zur Reduzierung unserer Emissionen.


Warum ziehen Sie die Mittel dafür ausgerechnet aus dem Marketing?
Seit wir uns 2008/2009 auf unseren Weg gemacht haben, hatten wir schon immer ein vergleichsweise kleines Marketing-Budget. Vor zwei Jahren hatten wir es deutlich aufgestockt, speziell für das internationale Marketing, und zwar um eine Million Euro. Das fahren wir jetzt wieder zurück. Wir hatten also zwei Jahre lang einen größeren Freiraum, auf den wir nun zugunsten des Klimaschutzes verzichten.

Gekürzt wird vermutlich dort, wo Vaude schon am bekanntesten ist.
Ja, zum Beispiel in Deutschland werden wir eher mehr kappen. Überall dort, wo wir als Marke schon stärker sind. Aber natürlich ist das eine unbequeme Entscheidung und ein echter Einschnitt.

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Sparen Sie auch am Personal?
Nein. Der Impuls für die Budget-Umschichtung kam übrigens aus der Marketing-Abteilung.

Hätten Sie gedacht, dass die Ankündigung solche Wellen schlägt?
Wir haben natürlich gehofft, damit einen Impuls zu setzen. Denn wir alle wissen, dass etwas passieren muss, dass wir alle etwas ändern müssen. Doch nach meiner Wahrnehmung wird diese Herausforderung noch in der üblichen Denkweise angegangen, also erst mal beobachten und abwarten. Das können wir uns aber beim Klimawandel nicht leisten, wir müssen disruptiv werden.

Sie machen einen Riesenschritt in Richtung Klimaschutz. Müssten Sie dann nicht gerade jetzt noch viel lauter trommeln?
Unsere Ankündigung schlägt doch Wellen! Das ist ja ohnehin genau unsere Art, Marketing zu betreiben. Über Themen und Inhalte. Wir setzen das konsequent fort.

Gerade erst haben sich fünf der größten europäischen Outdoor-Händler zu mehr Klimaschutz verpflichtet. Eine wichtige Bestätigung für Sie, oder?
Ja, natürlich. Das stärkt uns total den Rücken. Als wir uns auf den Weg zu mehr Nachhaltigkeit gemacht haben, haben wir vom Handel immer wieder gehört: 'Nett, aber irrelevant. Die Kunden sind nicht bereit, für nachhaltige Produkte mehr zu bezahlen.' Es ist toll und wichtig für die Branche, dass es auch beim Handel ein Umdenken gibt.

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