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Von Hiking zu Biking

"Eine Hochzeit, die niemand erwartet hat"

Fjällräven / Specialized / Collage: TW
Henrik Andersson ist Kreativ-Chef bei Fjällräven und legt jeden Tag zig Kilometer auf dem Fahrrad zurück. Erik Nohlin von Specialized hat schon immer davon geträumt, mal etwas mit Fjällräven zu machen. Perfect Match.
Henrik Andersson ist Kreativ-Chef bei Fjällräven und legt jeden Tag zig Kilometer auf dem Fahrrad zurück. Erik Nohlin von Specialized hat schon immer davon geträumt, mal etwas mit Fjällräven zu machen. Perfect Match.

Fjällräven schwingt sich mit Specialized aufs Bike. Entschleunigung trifft Speed. Was die beiden gegensätzlichen Partner voneinander gelernt haben, warum die Zeit jetzt reif war und von welchen Produkten sie träumen, erzählen Henrik Andersson, Globaler Kreativdirektor bei Fjällräven und Erik Nohlin, Leiter Industriedesign bei Specialized, im TW-Gespräch.

TextilWirtschaft: Wieso ist die Zeit reif für diese Kooperation?
Erik Nohlin: Das Fahrrad, wie wir es kennen, gibt es seit über hundert Jahren. Und immer wieder gab es einschneidende Ereignisse wie die Ölkrise der 70er, die die Fahrradbranche grundlegend beeinflusst haben. So wie Covid. Das hat vieles verstärkt, was schon zuvor der Klimawandel angestoßen hat. Viele Menschen werden auch in Zukunft nicht mehr einfach so nach Thailand fliegen wie früher. Wir müssen also bessere Wege finden, um die Menschen in die Natur zu bringen.

Wie kamen Sie zusammen? Wer hat wen gefragt?
Erik Nohlin: Ich bin Schwede und mit Fjällräven aufgewachsen. Diese Marke begleitet mich seit meiner Kindheit, seit meiner Zeit als Pfadfinder. Und seit ich als Designer arbeite, war es immer mein Traum, etwas mit Fjällräven zu machen. Henrik und ich haben einen gemeinsamen Freund in Stockholm. Ville hat uns einander vorgestellt mit den Worten: Hey Jungs, ihr solltet was zusammen machen.
Henrik Andersson: Und so wie Fjällräven zu Schweden gehört, gehört auch das Fahrradfahren zu Schweden. Wir wachsen hier alle damit auf.

Und trotzdem gab es von Fjällräven bislang noch keine Bike-Produkte?
Henrik Andersson: Wenn man sich alte Kataloge anschaut, dann gab es das in den 60ern/70ern schon mal. Aber jetzt tatsächlich seit sehr langer Zeit nicht. Dabei fühlt es sich für uns ganz natürlich an, dieser Schritt von Hiking zu Biking.

Ist das der Kick-off für die Kategorie Bike bei Fjällräven – ob mit oder ohne Specialized?
Henrik Andersson: Wir denken langfristig. Es geht uns auch bei dieser Kooperation nicht darum, einen Hype für ein Frühjahr zu kreieren. Wir haben sehr früh entschieden, dass das hier keine Kollaboration sein soll im klassischen Sinn, sondern ein Austausch, bei dem wir voneinander lernen. Also, ja, wir denken langfristig. Jetzt aber erst einmal Schritt für Schritt, in diesem Austausch.

Fjällräven X Specialized: So sehen die ersten gemeinsamen Produkte aus


Die Liste von Fjällrävens bisherigen Kooperationspartnern ist sehr überschaubar, vor einigen Jahren haben Sie mal etwas mit Acne Studios gemacht. Warum so restriktiv?
Henrik Andersson: Wir haben schon sehr oft nein gesagt, aber nicht aus Prinzip. Bei Specialized haben wir die Möglichkeit gesehen, etwas zusammen zu kreieren. Aber auch das hat sich entwickelt, wir haben uns kennengelernt und erkannt, dass unsere Unternehmen sich im Kern in vielem ähneln. Unser Blick auf Qualität, Funktionalität. Wir sind uns einig darin, was ein gutes Produkt ist. Gleichzeitig sind die Unternehmen in manchen Aspekten grundverschieden, und genau das macht Sinn. Bei Specialized geht es vor allem um Tempo. Uns geht es um ein Outdoor-Erlebnis, nicht ums Gewinnen. Diese Kombination aus gleichen Werten und einer gewissen Spannung ist eine gute Voraussetzung, zusammen etwas Neues zu schaffen.

Wie hält es Specialized mit Collabs?
Erik Nohlin: Ähnlich. Meistens sind Collabs nicht mehr als 'eine Brand X und eine zweite Brand'. Das bringt den Unternehmen nicht viel und auch den Konsumenten nicht. Wir machen das seit vielen Jahren nicht mehr. Eine Ausnahme ist eine Zusammenarbeit mit McLaren. Da geht es aber auch eher um technische Innovationen, Themen wie Carbon-Fasern.

Was ist das Besondere an der Kooperation mit Fjällräven?
Erik Nohlin: Fjällräven hat uns beigebracht, auch mal einen Gang runterzuschalten. Und sie haben uns einiges voraus in Sachen Nachhaltigkeit. Was Henrik über unser Tempo gesagt hat, gilt auch für uns als Unternehmen. Wir sind sehr schnell bei allem, was wir tun – in gewisser Weise getrieben. Irgendwo in der Mitte ist ein guter Treffpunkt. Es ist auf jeden Fall eine Hochzeit, die niemand erwartet hat.

Welche Fahrradfahrer wollen Sie eigentlich erreichen? Den Abenteurer oder auch den Pendler?
Erik Nohlin: Biker sind eine sehr allgemeine Kategorie. Wie ein Swimmingpool, in dem ganz unterschiedliche Menschen schwimmen. Wir sind eine Bike-Brand. Aber wo wir bisher noch kein richtig gutes, ganzheitliches Angebot gemacht haben, ist die Auszeit um die Ecke. Dabei sind das low hanging fruits. In einem Radius von 30 km von seiner Haustür kann jeder etwas entdecken. Dass wir das unbedingt brauchen, war spätestens mit der Pandemie offensichtlich. Aber natürlich schließen wir den Commuter nicht aus. Es geht eher um den Mindset.
Henrik Andersson: Wir wollen Menschen an die frische Luft bringen. Dazu gehört auch die Fahrt auf dem Fahrrad ins Büro. Das ist allerdings nicht unser Kern.

Wo werden die Produkte verkauft? Nur in Ihrem eigenen Retail?

Henrik Andersson: Nein, auch bei wichtigen Handelspartnern im Outdoor- und im Bike-Handel.

Wird es einen Specialized-Kånken geben?
Henrik Andersson: Nein. Es wird einige Weiterentwicklungen von Produkten geben, die wir bereits in unserer Range haben. Aber die meisten sind Neuentwicklungen. Der Day Pack ist allerdings inspiriert vom Kånken.
Erik Nohlin: Sie sollten mal die Liste an gemeinsamen Produkten sehen, von denen wir träumen. Die ist endlos.

Wovon träumen Sie?
Erik Nohlin: Wenn ich mich für ein Produkt entscheiden müsste, wäre es natürlich ein Fahrrad (lacht).

Sie haben auch ein gemeinsames Logo. Ich würde das mal als ein längeres Commitment interpretieren. Liege ich falsch?
Erik Nohlin: Es ist auf jeden Fall ein Ausdruck unserer Partnerschaft. Man spielt nicht einfach so mit seinem Logo. Wir haben den weltweit bekannten, friedlichen Fjällräven-Fuchs mit dem elektrischen Specialized-S zusammengebracht. Das ist ein Statement.

Sie sprechen über Partnerschaft, über Heirat. Das macht man doch nicht für einen Sommer, oder?
Henrik Andersson: Wir werden sehen, wo es hinführt. Es ist schwierig, das vorherzusehen, wenn die Welt noch keines der Ergebnisse dieser Partnerschaft gesehen hat. Unsere Kunden werden diese Frage beantworten.

Herr Nohlin, das Design-Credo Ihres Partners ist Einfachheit. Wie simpel sind die Produkte?
Erik Nohlin: Ich würde es advanced simplicity nennen. Der Prozess ist sehr komplex. Aber das Produkt selbst ist extrem simpel. Zum Beispiel der Cave Pack. Fast zu simpel. Wieso hat das vorher noch keiner gemacht?

Aber gut aussehen muss es schon auch, oder?
Erik Nohlin: Immer. Nur wenn beides passt, Form und Funktion, verlieben sich die Menschen in ein Produkt. Das ist der Zauber von Design.

Von Mode spricht man bei Fjällräven trotzdem nicht, oder?
Henrik Andersson: Das liegt daran, dass man bei Mode immer an kurzfristige Trends denkt. Das wollen wir nicht. Aber natürlich spielen Look, Style und Design eine wichtige Rolle, klar. Und Versatilität. Unsere Produkte sollen sich in unterschiedlichen Settings richtig anfühlen. Und zwar für lange Zeit.

Ist der Run aufs Bike nachhaltig?
Erik Nohlin: Definitiv. Wir sprechen vom goldenen Bike-Zeitalter. Die Generation Greta wird noch viel stärker das Rad nutzen als wir es tun. Das ist kein Trend, der vorübergeht.

Das goldene Zeitalter ist aktuell allerdings von Lieferschwierigkeiten geprägt. Wann wird es so wie früher?
Erik Nohlin: Bis Sie in einen Bike-Laden gehen und ein bestimmtes Bike direkt mitnehmen oder bestellen können, wird es denke ich noch ein, zwei Jahre dauern. So wie früher wird es aber wahrscheinlich nie wieder.
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