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Interview mit Thorsten Böhl - wenige Tage nach dem gemeinsamen Appell der Wintersportspezialisten

„Dieser Winter wird eine glatte Nullnummer“

Skibo Tours&Sports
"Es macht doch keinen Sinn, jetzt unmögliche Dinge zu fordern wie verbindliche Öffnungsdaten", sagt Thorsten Böhl von Skibo Tours & Sports in Bochum. "Wir fordern aber finanzielle Unterstützung. Und dabei muss es fairer ablaufen."
"Es macht doch keinen Sinn, jetzt unmögliche Dinge zu fordern wie verbindliche Öffnungsdaten", sagt Thorsten Böhl von Skibo Tours & Sports in Bochum. "Wir fordern aber finanzielle Unterstützung. Und dabei muss es fairer ablaufen."

Gemeinsam mit Oliver Nieß von SOS Sport in Braunschweig hat Thorsten Böhl von Skibo Tours & Sports in Bochum den gemeinsamen Aufruf der Wintersporthändler an die Politik initiiert. Er sagt: „Bis vor zwei Wochen war ich sicher: Klar, das kriegen wir hin.“ Zumal er Hoffnung hatte, dass es bei den Hilfen Nachbesserungen geben würde. Doch nun hat sich die Lage für ihn und seine Kollegen noch weiter verschärft.

TextilWirtschaft: Werden Sie in dieser Saison noch am Wintersport verdienen?
Thorsten Böhl: Nein. Wir sind als Wintersport-Spezialisten in Bochum vom Winter-Tourismus abhängig. Angesichts der jüngsten Äußerungen von der Kanzlerin und der Prognose vom Tourismusbeauftragten Bareiß, dass Reisen wohl erst ab Pfingsten problemlos möglich sein werden, glaube ich mittlerweile: Dieser Winter wird eine glatte Nullnummer.


Die Situation spitzt sich also täglich zu?
Ja. Bis vor zwei Wochen war ich sicher: Klar, das kriegen wir hin. Zumal ich Hoffnung hatte, dass es bei den Hilfen Nachbesserungen geben würde. Die gab es ja nun auch, die gehen aber leider in die falsche Richtung. Mittlerweile bin ich nicht mal sicher, ob und welche Überbrückungshilfe wir bekommen, obwohl wir seit Oktober extreme Umsatzeinbrüche von zunächst 60% auf über 90% im Dezember hatten. Wenn man dann keine Chance hat, Hilfen zu bekommen, stimmt etwas nicht an dem System.


Sie trifft es als Wintersport-Händler und Reise-Anbieter doppelt hart.
Ehrlich gesagt, sogar dreifach. Denn hätten wir im vergangenen Jahr nur Inlandsreisen angeboten, wären wir in dem Bereich wahrscheinlich nicht durchs Raster gefallen – dabei haben die Auslandsreisen de facto auch nicht stattgefunden. Um das klarzustellen: Ich stehe hinter den Maßnahmen – obwohl ich sagen kann, dass wir die Situation hier gut im Griff haben und der Handel wahrscheinlich nicht der größte Infektionstreiber ist. Aber wir müssen die Kontakte herunterfahren, und das kriegen wir anders wahrscheinlich nicht hin. Wahrscheinlich müsste sogar noch mehr geschlossen werden, nicht nur Handel und Gastronomie.

Was fordern Sie also von der Politik?
Es macht doch keinen Sinn, jetzt unmögliche Dinge zu fordern wie verbindliche Öffnungsdaten. Wir fordern aber finanzielle Unterstützung. Und dabei muss es fairer ablaufen. Die aktuelle Ungleichbehandlung der Unternehmen, die vom Staat geschlossen wurden, ist nicht tragbar. Eine Beteiligung an den ungedeckten Fixkosten reicht definitiv nicht aus. Ich verstehe auch, dass die Politik vermeiden will, dass jemand ungerechtfertigt profitiert. Aber das darf nicht auf unserem Rücken ausgetragen werden.
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Sehen Sie eine Chance darauf, dass die Ware, die Sie jetzt im Laden haben, nicht brutal abgewertet wird? Hartware wird zum Teil online jetzt schon zu Preisen unter EK angeboten.
Das stimmt leider. Gekauft wird aber trotzdem nicht, weil der Bedarf einfach nicht da ist. Und so wenig Sinn dieser Preisverhau auch macht, es wird wahrscheinlich immer mehr Händler geben, die extreme Liquiditätsengpässe haben und keinen anderen Ausweg sehen. Auch da war ich vor zwei Wochen noch deutlich optimistischer. Wie wir darauf reagieren, weiß ich allerdings auch noch nicht. Ich überlege zum Beispiel, ob wir Ware schon jetzt komplett rausnehmen sollten für nächstes Jahr, vor allem bei Textil.

Wenn der Preis für einen Ski erst einmal im Keller ist, ist er verbrannt, oder?
Ja, das ist leider so, und das ist auch nicht nur bei Skiern der Fall.

Wie partnerschaftlich laufen die ersten Gespräche mit der Industrie?
Eine perfekte Lösung haben die auch nicht. Die aktuelle Situation hatten wir ja auch noch nie und keiner weiß, wie er richtig damit umgehen soll. Mein Wunsch wäre vor allem mehr Flexibilität. Das wird wahrscheinlich auch das entscheidende Kriterium sein, bei wem wir für kommenden Winter überhaupt werden ordern können. Wenn ich die Möglichkeit bekomme, zu guten Konditionen nachzuordern, dann ordere ich auch vor. Ich würde mir aber generell wünschen, dass jetzt die Industrie mehr ins Risiko geht. Denn bisher ist der Handel der größere Leidtragende in dieser Krise. Das ändert sich zur nächsten Orderrunde, wenn Händler keine Order platzieren. Dann bekommt der Hersteller riesige Probleme. Ich spreche aber bewusst nicht von der einen und der anderen Seite. Denn wir sitzen doch alle in einem Boot. Deshalb werden wir diese Krise auch gemeinsam überstehen.

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