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Dem hiesigen Wintersporthandel droht der Stillstand. Dirk Iserlohe von Sportsworld in Lingen im TW-Gespräch

„Es brennt an allen Ecken“

Sportsworld Lingen
"Es geht mir nicht um die Frage, ob der Lockdown gerechtfertigt ist oder nicht, und ich kann Äußerungen und Aktionen mancher Kollegen einfach nicht nachvollziehen. Jeder Aufruf zu zivilem Ungehorsam kann ganz schnell in die falsche Richtung gehen", sagt Dirk Iserlohe von Sportsworld in Lingen. "Aber ich habe den Eindruck, die Politik versteht unsere Situation einfach nicht."
"Es geht mir nicht um die Frage, ob der Lockdown gerechtfertigt ist oder nicht, und ich kann Äußerungen und Aktionen mancher Kollegen einfach nicht nachvollziehen. Jeder Aufruf zu zivilem Ungehorsam kann ganz schnell in die falsche Richtung gehen", sagt Dirk Iserlohe von Sportsworld in Lingen. "Aber ich habe den Eindruck, die Politik versteht unsere Situation einfach nicht."

Die Situation für die Wintersport-Spezialisten spitzt sich dramatisch zu. Ihr Geschäft leidet nicht erst seit dem Lockdown – es findet schon seit Mitte Oktober nicht statt. Gleichzeitig fällt eine ganze Branche fast komplett durch das Förderungs-Raster. Dirk Iserlohe von Sportsworld in Lingen über die drohende größte Geldentwertung des Sporteinzelhandels, den Fluch eines guten Sommer-Geschäfts und den Besuch des niedersächsischen Wirtschaftsministers bei ihm im Laden.

TextilWirtschaft: Wird es in dieser Saison noch ein Wintersportgeschäft geben? Und vor allem: Werden Sie damit Geld verdienen?
Dirk Iserlohe: Vor allem letzteres ist das Problem. Denn wir machen nicht nur keinen Umsatz, sondern es ist auch wahnsinnig viel Ware im Markt. Nach der aktuellen Umsatzkrise wird die Margenkrise kommen.


Wie wichtig ist der Wintersport für Ihr Unternehmen?
Der Anteil liegt bei uns bei etwa 70%. Der Sommer ist für uns die Zeit zwischen zwei Wintern.

Der letzte Sommer war aber immerhin ein guter, oder?
Ja, das schon. Und wir haben uns auch wirklich Gedanken gemacht, haben Outdoor ausgebaut, Wassersport gestärkt und wirklich viele SUPs verkauft. Das war aber gleichzeitig unser Problem.

Inwiefern?
Es lief zu gut für die Überbrückungshilfe II. Bei diesen ganzen Hilfen fallen Unternehmen, die wie wir keinen linearen, sondern saisonalen Geschäftsverlauf haben, durch das Raster. Hätte sich unser Umsatz gleichmäßig über die Monate verteilt, hätten wir für jeden Monat Unterstützungsleistungen bekommen.

Kritisch werden für Sie vor allem die kommenden Monate, oder?
Ja, wir haben uns die für den Sommer nötige Fettschicht nicht angefressen. Was wir an Reserven bräuchten, ist nicht da und muss aus Krediten finanziert werden.

Das macht den zweiten Lockdown so dramatisch?
Ja. Doch immerhin hatten wir im Frühjahr das ‚Glück‘, etwa ein Drittel unserer Skitextil-Aufträge für den Winter noch stornieren zu können. Das gibt uns bei Bekleidung minimal Luft. Die brauchen wir auch – wir haben im Moment Abverkaufsquoten von 10% bis 15% in diesem Segment. Bei der Wintersport-Hartware, die etwas später geordert wurde, waren wir ohnehin schon eher pessimistisch rangegangen, aber leider nicht pessimistisch genug. Dennoch: Es brennt an allen Ecken. Wir warten derzeit noch auf Hilfen in Höhe von 70.000 Euro, die kommen einfach nicht. Die sind aber ohnehin nicht mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Und selbst wenn wir für die Dauer des zweiten Lockdown tatsächlich 90% der Fixkosten bei unter 30% Umsatz ersetzt bekommen, wird es das Liquiditätsproblem durch die unverkaufte Ware nicht lösen. Denn spätestens am Ende des Sommers müssen wir die neue Ware bezahlen. Aber unser Einkaufsverband Sport 2000 strickt gerade an einer „Warenbrücke“, um uns Spezialisten über den Sommer zu bringen.

Was würde Ihnen helfen?
Es wäre viel sinnvoller, Hilfen nicht am Umsatz, sondern am Rohertrag des Vorjahres zu bemessen. Und zwar nicht auf einzelne Monate bezogen, sondern auf das ganze Jahr. Oder ein Härtefallfonds, der wirklich schnelle und unbürokratische Hilfen ermöglicht, die dann nach eingehender Prüfung im Nachgang eventuell zurückgezahlt werden müssten. Aus meiner Sicht ist der ganze Förderungs-Mechanismus fragwürdig, und ich vermisse objektiv belegbare Kriterien. Hier in Niedersachsen zum Beispiel stockt das Land die Überbrückungshilfe für einige Branchen auf, unter anderem für Busunternehmen. Aber wo ist der Unterschied zwischen einem Reisebus-Betrieb und uns? Zwischen einem Hotelbetrieb und uns? Wir hängen alle in gleichem Maße am Tourismus. Es geht mir nicht um die Frage, ob der Lockdown gerechtfertigt ist oder nicht, und ich kann Äußerungen und Aktionen mancher Kollegen einfach nicht nachvollziehen. Jeder Aufruf zu zivilem Ungehorsam kann ganz schnell in die falsche Richtung gehen. Aber ich habe den Eindruck, die Politik versteht unsere Situation einfach nicht. Deswegen habe ich schon vor zwei Monaten Briefe an den Wirtschaftsminister, Finanzminister und den niedersächsischen Wirtschaftsminister Althusmann geschrieben.

Haben Sie eine Antwort erhalten?
Ja, aus den Referaten der Bundesminister kamen jeweils Sammlungen inhaltsleerer Satzbausteine, die nicht einmal mit einem Namen unterschrieben waren. Dagegen kommt Anfang Februar der niedersächsische Wirtschaftsminister zu uns in den Laden, um sich ein eigenes Bild zu machen.

Jetzt müssen Sie aber vor allem mit Ihren Partnern über kommenden Winter sprechen. Wie laufen diese Gespräche?
Uns wäre mit allem geholfen, was einen Wertverfall der Ware, die wir jetzt im Laden haben, verhindern könnte. Und da bekommen wir unterschiedliche Signale aus der Industrie. Einige machen Business as usual und wollen neue Ware reindrücken, ohne Rücksicht auf Verluste. Dabei sind wir alle noch nie mit so geringen Abverkaufsquoten in eine neue Saison gegangen. Das wäre die größte Geldentwertung des Sporteinzelhandels und die Zerstörung jeder Wertigkeit. Und es rechnet sich für uns nicht: Ein Ski mit UVP 849/899 Euro kostet vor Weihnachten realistisch 649/699 Euro. Sobald das Nachfolgemodell da ist, verkaufen wir ihn noch für 499 Euro. Das sind netto 20 Euro Differenz zum EK. Das funktioniert nicht. Wir brauchen mindestens 200 Euro Rohertrag bei einem solchen Artikel.

Aber es gibt auch Entgegenkommen seitens der Industrie, oder?
Ja, andere machen sich wirklich Gedanken, wie etwa Head. Die überlegen, die Markteinführung der Neuware von Oktober auf Januar 22 zu verschieben. Das wäre ein toller Kompromiss, denn damit könnten wir die jetzige Ware bis Mitte Januar kommenden Jahres als neue Ware verkaufen. Das würde uns ein gutes Geschäft zum Saisonstart ermöglichen und gleichzeitig sicherstellen, dass unser Partner bis Saisonende nachlieferfähig ist. Denn das Umsatzpotenzial für den nächsten Winter ist da, davon sind wir überzeugt.

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