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So ticken die Maloja-Macher: "Wir können gar nicht kommerziell"

Vom Streben nach Glück

Maloja
Die neue Maloja-Kollektion wurde an Originalschauplätzen fotografiert
Die neue Maloja-Kollektion wurde an Originalschauplätzen fotografiert

Maloja macht vieles anders als andere. Inspirationen holen sich die Macher unter anderem in einem kleinen Bergdorf im Himalaya. Das geht über Ethno-Einflüsse weit hinaus.

Glück als Maßstab für den Erfolg einer Volkswirtschaft? Eine charmante Idee. Realität ist sie im Bhutan. Einem kleinen Königreich im Himalaya, das als einziges Land der Erde das Bruttonationalglück erhebt. Und die Mehrung des Glücks als Staatsziel über das Wachstum der Wirtschaft stellt. Und wenn auch dieses nach objektiven Maßstäben arme Land mit all seinen Widersprüchen nicht als Blaupause für moderne Gesellschaften gelten kann, so bietet es dennoch reichlich Inspiration für Querdenker. Auch für Maloja, das Sports- und Streetwear-Label, dessen Firmensitz in Rimsting im Chiemgau es mit jedem Bergdorf im Himalaya aufnehmen kann, was Idylle angeht.

Maloja inside: So sieht es am Firmensitz in Rimsting aus

Jedes Jahr im Sommer beginnt hier die Entwicklung des neuen Kollektionsthemas. Jedes Jahr gibt es eine komplett neue Kollektion. In der Mode ganz normal, für die Outdoor-Branche ungewöhnlich – für das kleine Unternehmen herausfordernd, für die Kunden mittlerweile selbstverständlich. Vor einem Jahr entstand hier die Idee zur Kollektion für Sommer 2020, die jetzt den Handelspartnern vorgestellt wird. Ihr Titel: Laya, benannt nach einem abgelegenen Bergdorf im Norden Bhutans. Sichtbar wird das Thema in der Kollektion über Farben und Motive, aber auch über den vermehrten Einsatz von Yak und einer ganz besonderen Fertigungstechnik: Da die traditionellen Webstühle der Layaks nur 30 bis 50 cm breit sind, werden Bekleidungsstücke aus mehreren aneinander genähten Stoffbahnen geschneidert. Mit dieser Optik wird im Design gespielt, sowohl bei der funktionalen Sportbekleidung als auch bei der Streetwear.

Jedoch hat jede Kollektion immer auch eine zeitgeschichtliche, eine gesellschaftspolitische Dimension. „Uns fasziniert die Idee, das Streben nach Glück in den Fokus zu stellen“, erklärt Klaus Haas, einer der Macher von Maloja das Kollektionsthema für Sommer 2020. „Das ist objektiv richtig. Und es ist zeitgemäß, anders über die Bedeutung von Wachstum nachzudenken.“

Maloja: So sieht die Laya-Kollektion für Sommer 2020 aus

Das passt zu Maloja. Hier werden viele Dinge anders gemacht. Wer investiert schon noch in eine eigene Produktion? Seit 2014 ist Maloja mit 50% an einer Fertigungsstätte in Bulgarien beteiligt, hier werden rund 20% aller Maloja-Produkte hergestellt. „Hier lernen wir unheimlich viel“, so Haas. „Trauen uns an Themen wie 3D-Design, arbeiten intensiv daran, neue Maschinen und Technologien für eine Verbesserung der Funktion in den Produkten. aber auch für eine nachhaltigere Produktion zu nutzen. Generell hilft uns unser Produktions-Know-how natürlich auch bei der Zusammenarbeit mit unseren anderen Produktionspartnern.“ Viele davon sitzen in Europa, vor allem in Portugal und in Italien. Nur rund 30% der Maloja-Produkte werden in China produziert. Mit allen Partnern werden langjährige und vertrauensvolle Partnerschaften gepflegt, betont Haas. Zumal es bis zu zwei Jahre dauere, bis ein neuer Produzent eingearbeitet sei.

Kleine Stückzahlen, komplexe Produkte, Fertigung in Europa – kommerziell klingt anders. „Wir können gar nicht kommerziell“, betont Haas, der das Unternehmen gemeinsam mit Peter Räuber vor 15 Jahren gegründet hat. Die Initiative ging dabei von Räuber aus, der als kreativer Kopf auch heute noch extrem nah am Produkt ist. Er ist es, der sich verantwortlich dafür fühlt, dass jede Kollektion, die im Showroom hängt, Erfolg haben kann. Er hat den damaligen Unternehmensberater Haas mit an Bord geholt, „damit das was wird mit der Firma“.

Die Gründungsidee war idealistisch: sein eigenes Ding machen, um mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge zu haben. Doch unternehmerisch gedacht haben die beiden von Beginn an. Und so ist auch all das, was Maloja sich gönnt, Teil einer klaren Positionierung als Nischen-Anbieter für Radfahrer, Wintersportler, Bergbegeisterte und Maloja-Fans: nicht überall reinverkaufen, sich bei der Produktentwicklung nicht sklavisch an Eckpreislagen halten, dabei kreativ und immer wieder neu an die nächste Kollektion heranzugehen, bis hin zu komplett neuen Zutaten und neuen Logos. Möglich ist das wiederum nur, da die beiden geschäftsführenden Gesellschafter keine Investoren im Nacken haben, sondern nur zwei stille Teilhaber.

Maloja: Kollektionen für Biker und Biathleten



„Ja, das ist Luxus, aber für unsere Markenpositionierung eine Notwendigkeit“, so Haas. „Unser Luxus ist die Freiheit, entscheiden zu können, was für die Marke das richtige ist. Wenn wir in erster Linie über günstige Preise konkurrieren wollten, bräuchten wir das Zwanzigfache an Umsatz. Daran sind schon andere gescheitert.“ Lieber solide mit denen wachsen, die an Maloja glauben: „Von den 100 ersten Kunden haben 76 jede Kollektion geschrieben“, so Räuber. Den Grad an Modernität, den Maloja seinen Kunden zumuten kann, hat 2013 die Kollektion namens „Pachamama“ gezeigt: Das war zu viel und zu anders. Sehr moderne, ethnische Anden-Einflüsse haben viele Kunden schlicht überfordert. Dennoch bleibt Maloja seiner Grundidee, Funktion und Style zusammenzubringen, treu. Und auch jetzt noch gibt es Teile, die polarisieren und schwer verkäuflich sind. Wenn es davon aber nur 100 Stück gibt, kann auch Haas als Controller damit leben. Auch das ist ungewöhnlich: Von den rund 300 Musterteilen werden 99% tatsächlich produziert.

Für eine Auslastung der Fertigung sorgt auch das Zusatzgeschäft mit Firmen wie Audi, McDonald’s und TSG Hoffenheim. Dieses Business, ob mit oder ohne Maloja-Co-Branding, sorgt für rund 15% der Umsätze, die sich insgesamt auf „mehr als 20 Mio. Euro“ belaufen.

Etwa 900 Händler weltweit verkaufen Maloja-Bekleidung, 70% davon sind in Deutschland, Österreich oder der Schweiz zu Hause. Große Märkte sind auch USA und Kanada sowie Korea. Insgesamt verkauft Maloja in 28 Ländern. „Wir wachsen aber auch hierzulande noch überproportional, und das vor allem mit bestehenden Partnern.“ Auch das Netz an Flagship-Stores wird ausgebaut, in Deutschland sind es mittlerweile sechs, einen weiteren gibt es in Innsbruck. Auch in Korea gibt es Maloja-Läden, in den USA wird im September der erste eröffnet.

Etwa ein Drittel der Maloja-Produkte wird online verkauft – allerdings nicht von Maloja direkt, sondern von Handelspartnern. Tendenz steigend. Zum ersten Mal hatte Haas in diesem Frühjahr allerdings den Eindruck, dass der stationäre Handel etwas stärker nachordert als die Online Pure-Player. „Ich glaube fest daran, dass es auch in Zukunft beide Säulen geben wird.“ Klingt idealistisch, aber realistisch.

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