Blick über den Tellerrand, Teil zwei

Orte der Reflexion


Ossip
Mitten in der Stadt spiegelt sich die Stadt. Das Depot Boijmans Van Beuningen in Rotterdam ist schon vor seiner voraussichtlichen Eröffnung im September 2021 ein Ort der Begegnung.
Mitten in der Stadt spiegelt sich die Stadt. Das Depot Boijmans Van Beuningen in Rotterdam ist schon vor seiner voraussichtlichen Eröffnung im September 2021 ein Ort der Begegnung.

Gesellschaftliche Veränderungen fordern neue Gestaltungsansätze. Ideen kann der Blick über den Tellerrand liefern. Aufmerksamkeit erregen, Wohlfühlorte schaffen und Menschen zusammenbringen, das ist auf unterschiedlichste Weise und an unterschiedlichsten Orten möglich. Fünf Beispiele. Vom Krankenhaus bis zum Museumsdepot.

1. EKH Children Hospital in Bangkok: Hospital mit Hospitality

Ein Krankenhaus ist kein Ort, an dem man sich gerne aufhält. Kinderkrankenhäuser schon gar nicht. Der Umstand, krank zu sein, ist zwar per se ein Wohlfühlkiller, doch darüber hinaus sind solche Orte oft nicht besonders einladend gestaltet. Anders das neue EKH Children Hospital in Bangkok. Dort hat man erkannt, dass Hospital und Hospitality direkt miteinander in Beziehung stehen. Wer sich wohl fühlt, wird schneller gesund. Und so ist das Krankenhaus auch gestalterisch auf die Bedürfnisse kleiner Patienten zugeschnitten. In allen Aufenthalts- und Wartebereichen gibt es zahlreiche Spielecken, Rutschen und Klettermöglichkeiten – fast wie auf einem Indoor-Spielplatz. Das oft stundenlange Warten wird so für alle Beteiligten deutlich einfacher. Sitzgelegenheiten wie auch Toilettenmöbel sind von den Proportionen auf die kleinen Gäste abgestimmt. Lange kahle Flure sucht man in diesem Krankenhaus vergeblich. Stattdessen: Zimmer, die mit runden Möbeln in Hellblau und Rosé eher wie Hotel- als Krankenzimmer wirken. An den Decken gibt es Lichtspiele und Tierbilder zu entdecken, damit auch die liegenden Patienten etwas zu gucken haben. Das Licht ist generell nicht Krankenhaus-grell, sondern eher gedämpft, damit die Augen der Kleinen nicht überfordert werden. Über dem Bett gibt es zudem ein sanftes Nachtlicht. Um Eltern und Kindern den Aufenthalt weiter zu versüßen, wartet ein großes, kindgerecht designtes Schwimmbad darauf, entdeckt zu werden. Entworfen hat das Krankenhaus das Architekturbüro IF (Integrated Field) aus Thailand. Das Ziel: Einen unschönen Ort clever gestalten. Zugeschnitten auf die Zielgruppe unter der Prämisse des Wohlfühlens.

Über den Tellerrand: EKH Children Hospital in Bangkok

2. Social Harmony: Mit Abstand die beste Lösung

Wer kennt sie nicht, die hässlichen Klebestreifen im Abstand von 1,50 Meter auf dem Boden vor Kassen, Tresen und überall wo man anstehen muss. Dass es auch kreativere Lösungen gibt, zeigt das Konzept Social Harmony, das von den Machern des japanischen Kreativbüros Nosigner entwickelt wurde und bereits in der Yokohama Minatomirai Hall und im Eingangsbereich der Veranstaltung Designart Tokyo 2020 umgesetzt wurde. Die Abstände sind hier die Linien eines Notensystems mit den sich darauf befindlichen Noten. Der Clou: Steht man auf einer der Noten, ertönt über einen Sensor ein Ton. Läuft man alle Noten nacheinander ab, ertönt das überaus entspannte Lied „Gymnopédie nº1“ von Eric Satie. Die Erfinder des Konzepts wollten so erreichen, dass das unsoziale, eher negativ besetzte Abstand halten mit positiven Erfahrungen verknüpft wird.

Über den Tellerrand: Social Harmony

3. Depot Boijmans Van Beuningen in Rotterdam: Mehr als ein Lager

Archive sind oft Kellerkinder, liegen im Dunkeln, und außer den Archivaren bekommt sie niemand zu sehen. Der Neubau des Depots Boijmans Van Beuningen, der Lagerstätte des gleichnamigen Kunstmuseums, ist anders. Zum einen ging es bei der Gestaltung darum, eine möglichst große Fläche ins Herz von Rotterdam zu integrieren, die dennoch nicht als störend wahrgenommen wird. Zum anderen wird es das erste öffentlich zugängliche Museums-Archiv sein. Die Architekten von MVRDV in Rotterdam haben dafür ein Gebäude entworfen, das einer mit unzähligen riesigen Spiegeln verkleideten Salatschüssel gleicht. Durch die Verspiegelung wird es eins mit seiner Umgebung und wirkt wie ein Kunstwerk, das aus Bildern der Stadt Rotterdam zusammengesetzt scheint. Auf dem Dach gibt es ein Café und einen begrünten Dachgarten mit mehreren Meter hohen Birken – als Ausgleich für die Fläche, die im Museumspark an der Stelle, wo das Gebäude jetzt steht, verloren gegangen ist. Das Depot soll zwar erst im September 2021 eröffnen, doch das Gebäude ist schon jetzt ein Selfie-Hotspot ohnegleichen und zieht die Menschen magisch an.

Über den Tellerrand: Depot Boijmans Van Beuningen in Rotterdam

4. Die Eiche in Lübeck: Raum für Gedenken und Gedanken

Kolumbarium war ursprünglich einmal die Bezeichnung für einen Taubenschlag. Heute werden Bauwerke, die der Aufbewahrung von Urnen oder Särgen dienen, so genannt. In Lübeck wird derzeit ein 1873 errichteter Kornspeicher zu einem solchen besonderen Ort umgebaut. In dem 1200 m² großen Gebäude mit fünf Etagen sollen nach der Eröffnung, die noch in diesem Jahr ansteht, rund 2000 Urnen ihren Platz finden. Nach dem Konzept des Büros Atelier 522 sollen in dem "Die Eiche" genannten Kolumbarium Erinnerungsstücke an die Verstorbenen einen festen Platz finden. Die Gestaltung der Etagen erinnert dabei an Setzkästen, in denen Würde und Individualität der Verstorbenen erhalten und geschützt werden sollen. Es soll ein Ort der Erinnerung, aber auch der Begegnung und des Gespräches entstehen, so die Gestalter. Mit musealem Charakter.

Rendering: Atelier 522


5. Plant House in Nürnberg: Grüne Oase inmitten der Stadt

Wie wollen wir in Zukunft wohnen? In Zeiten, in denen der Klimwandel bereits spürbare Auswirkungen hat, ist es an der Zeit, über neue Arten des Bauens nachzudenken. Wie das in der Paxis aussehen kann, zeigt das Plant House in Nürnberg. Das Haus aus der Gründerzeit wurde im Leichtbau aufgestockt und um einen Dachgarten ergänzt. Alle Bewohner bekommen somit die Möglichkeit, auf dem Dach ihr eigenes Obst und Gemüse anzubauen. Durch den gemeinsam genutzten Garten soll zudem das Miteinander unter den Bewohnern gestärkt werden, da man z.B. im Urlaub auf die Mithilfe der Nachbarn angewiesen ist. Die Grünfläche auf dem Dach trägt aber auch zur Biodiversität in der Stadt bei und sorgt durch die Verschattung durch Pflanzen für eine effektive Kühlung des Hauses an heißen Tagen. "Das Haus steht archetypisch für eine Wohnform der Zukunft mit Zugang zu gesundem Essen, kurzen Wegen und mit der Chance auf ein bewusstes Zusammenleben in einer generationsübergreifenden Gemeinschaft" heißt es.

Über den Tellerrand: Das Plant House in Nürnberg

 
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