Was der stationäre Retail von anderen Branchen lernen kann

Blick über den Tellerrand

Dr. Oetker
Pudding, stylisch. Dr. Oetker haucht der urdeutschen, etwas verstaubt anmutenden Nachspeise neues Leben ein.
Pudding, stylisch. Dr. Oetker haucht der urdeutschen, etwas verstaubt anmutenden Nachspeise neues Leben ein.

Handel ist Wandel – diesen vielbemühten Satz hört sicher jeder in der Modebranche schon in seiner Ausbildung. Und doch war er wohl nie so aktuell wie jetzt. Die Innenstädte sind im Umbruch. Firmenpleiten, blühender Onlinehandel, vielerorts gibt es coronabedingt historischen Leerstand.

Doch wie sehen die Innenstädte der Zukunft aus? Um Antworten zu finden, lohnt sich auch ein Blick über den Tellerrand – zu Gastronomie und Museen, Krankenhäusern und Bibliotheken. Denn auch sie kämpfen mit ganz ähnlichen Problemen und haben zum Teil spannende Lösungen gefunden. Sechs Beispiele. Vom Pudding bis zur Wohnung. Aus Los Angeles, Le Brassus, Berlin, Oslo, Massa Lombarda und Tilburg.

1. Pudu Pudu: Neues Leben für den guten alten Pudding

Pudding - nicht unbedingt das Trendessen der Stunde. Könnte es aber bald wieder werden, wenn man dem neuen Konzept glaubt, das der deutsche Lebensmittelkonzern Dr. Oetker für den amerikanischen Markt konzipiert hat. Der erste Laden wurde im März dieses Jahres in Venice im Westen von Los Angeles eröffnet und er ist alles andere als altbacken. Das komplette Interior wurde unter der Prämisse „instagrammable“ entworfen. Pudu Pudu, wie das Pudding-Café heißt, ist in Pastellfarben gestaltet und macht richtig Lust auf Fotos in witziger Umgebung. Im Angebot sind ganz verschiedene, kunstvoll arrangierte Puddingsorten, die vor den Augen der Kunden zubereitet werden. Darunter z.B. „Giggle in the Dark“ mit Popcorn-Geschmack oder „Sun Catcher“ mit Kurkuma und Spirulina-Topping.

Die Idee hinter dem Konzept, das das Dr. Oetker Hospitality-Team USA entwickelt hat, ist, einem alten Produkt (Dr. Oetker produziert Pudding seit 1894) neues Leben einzuhauchen und dabei Wege zu gehen, die man so nicht erwartet hätte. Auch von außen ist das zweigeschossige Gebäude, das die Retail Design Agentur UXUS entworfen hat, ein Eyecatcher. Das muss es auch, denn Pudu Pudu liegt auf dem illustren Kinney Boulevard neben vielen trendigen Gastro-Outlets und Geschäften. Bisher ist das Format noch als Pilotprojekt anzusehen, dem aber bei entsprechendem Erfolg weitere folgen sollen. Wer weiß, vielleicht gibt es demnächst auch hierzulande in den trendigen Cafés wieder den guten alten Pudding statt Poké Bowls und Mochi Eis.

Über den Tellerrand: Pudu Pudu in Venice

2. Musée Audemars Piguet: Anspruchsvolle Architektur trifft außergewöhnliche Inszenierung

Die Uhrmacherei ist eine hohe Kunst. Haute Horlogerie nennt man das auch im Branchen-Jargon. Untrennbar damit verbunden ist die Schweizer Uhrenmanufaktur Audemars Piguet. Gegründet 1875 in Le Brassus im Kanton Waadt ist sie bis heute in Familienhand. Der Name steht für technische Perfektion und Innovationskraft. Das hat seinen Preis. Man muss schon einen fünfstelligen Betrag mitbringen für eine echte Audemars Piguet. Als die Uhrmacher Mitte der 2010er Jahre die Erweiterung ihrer historischen Gebäude planten, war klar, dass dieser Bau dem Anspruch an die Uhren in nichts nachstehen sollte. Überzeugt hat schließlich der Entwurf des dänischen Büros Bjarke Ingels (BIG). Der anspruchsvolle spiralförmige Glasbau, der direkt an das älteste Gebäude des Unternehmens anschließt, wurde im vergangenen Jahr eröffnet und beherbergt das Musée Atelier Audemars Piguet.

„Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, den Besuchern unser Erbe, unser Savoir-faire, unseren kulturellen Ursprung und unsere Weltoffenheit näherzubringen. Dafür benötigen wir ein Gebäude, das sowohl unsere Wurzeln als auch unsere fortschrittliche Philosophie verdeutlicht. In erster Linie war es uns jedoch sehr wichtig, die Uhrmacher und Kunsthandwerker zu würdigen, die über Generationen Audemars Piguet zu dem Unternehmen gemacht haben, das es heute ist", sagt Verwaltungsrat-Präsidentin Jasmine Audemars. So sind in die raffinierte Raumgestaltung des Museums klassische Werkstätten eingegliedert, in denen die Besucher den Uhrmachern bei der Arbeit über die Schulter sehen können.

Über den Tellerrand: Musée Atelier Audemars Piguet in Le Brassus

3. Axel Springer: Zukunftsvision in Beton gegossen

Es klingt wie der Traum eines jeden Architekten. 10.000m² brachliegende Fläche, mitten in Berlin, dort wo früher die Grenze zwischen Ost und West verlief. An diesem geschichtsträchtigen Ort entstand von 2016 bis 2020 der Neubau von Axel Springer. Entworfen von Rem Kohlhaas und seinem Büro OMA. Die Abkürzung steht für Office of Metropolitain Architecture. Das im Oktober 2020 eröffnete Gebäude zeigt genau das: Einen kompakten Arbeitsraum mitten in der Metropole.

9100m² bebaute Fläche, 13 Geschosse, 52.204,31m² Nutzfläche, Arbeitsraum für 3000 Menschen. Schon diese Kennzahlen beschreiben die Dimension des Projektes. Das Gebäude soll als Herzstück des Verlages dienen. Der Neubau soll helfen, im Unternehmen noch besser zusammenzuarbeiten und zu kommunizieren. Er steht in unmittelbarer Nachbarschaft zu den bestehenden Verlagsgebäuden zwischen Axel-Springer-, Schützen-, Zimmer- und Jerusalemer Straße. Eingezogen sind u.a. die Redaktion der Welt (Print, digital, Fernsehen) und Unternehmen wie die Vergleichssuchmaschine Idealo.

Bei der Planung des Gebäudes ging es auch darum wie das Arbeiten in Zukunft aussehen wird. Besonders deutlich wird das bei den großflächigen Großraumbüros und der insgesamt sehr offenen Flächenstruktur – nach innen und außen. Dabei lag das Augenmerk auch auf dem geschichtsträchtigen Standort. Der ehemalige Grenzverlauf, der sich in der Anmutung eines Tals quer durch das Gebäude zieht, wird durch Brücken und Terrassen im Gebäude überspannt. Die aufgebrochene Front gibt den Blick von außen nach innen und umgekehrt frei und verbindet sich so mit Berlin.

Über den Tellerrand : Axel-Springer-Neubau in Berlin

4. Knowledge Center for Plastic and Marine Littering: Blick unter die Oberfläche

Das Osloer Architekturbüro Snøhetta beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Plastik und der Weiter- und Wiederverwertung des Wertstoffes. So entwickelte es mit dem S-1500 einen Stuhl mit einer Sitzfläche komplett aus 100% recycelten Plastik. Passend dazu lieferte Snøhetta den Entwurf für das neue Knowledge Center for Plastic and Marine Litetring im Hafen der norwegischen Hauptstadt. Ganz fertiggestellt wird es erst 2022, doch schon jetzt lohnt ein Blick auf den Bau - über und unter Wasser.

Lernen, forschen und Wissen vermitteln - für all das soll das neue Informationscenter in Sørenga, einem Osloer Stadtviertel am Meer, dienen. Dass sich dabei alles um das Thema Vermüllung der Weltmeere mit Plastik steht, zeigt sich schon an der Fassade des Gebäudes. Fassadenhoch stapeln sich in quadratischen Nischen Bälle, Schüsseln, Spielzeug aus Plastik. Eine Gestaltung, die sich stetig verändern soll. Unter anderem sind Schulklassen aufgerufen, im Osloer Fjord Plastikmüll zu sammeln, dieser soll dann in der Fassade ausgestellt werden.

Acht Millionen Tonnen Plastikmüll gelangen jährlich laut Snøhetta ins Meer - mit gravierenden Folgen. Im Informationscenter soll aber nicht nur auf diese Situation aufmerksam gemacht werden, es soll auch als Inspirationsort dienen, um gemeinsame Lösungen zur Müllvermeidung zu entwickeln. So soll es im Center auch Projekte dazu geben, wie der Plastikmüll weiter verarbeitet werden kann.

Das Thema Recycling spielte auch bei der Gestaltung des Centers für die Architekten eine große Rolle. Flexible Strukturen, der Einsatz von recycelten Materialien, aber auch die Nutzung von Materialresten aus lokalen Produktionsstätten machen das Gebäude besonders nachhaltig. Dazu gehöre auch, so die Architekten, dass es aufgrund seiner Struktur leicht wieder auseinander zu bauen ist. Das Center selbst schwimmt auf einer Plattform aus recycelten Windradblättern an der Küste Oslos. Diese bestehen aus Glasfiber, ein Material, das sich sehr gut als schwimmendes Bauteil eigne. So wurde eines der Blätter auch aufgesägt und dient jetzt als auch als Unterwasser-Ausguck. Viele ältere Windräder würden heute abgebaut werden und könnten kaum wieder verwertet werden. Von daher sei dieses Material leicht zu erhalten.

Über den Tellerrand: Knowledge Center for Plastic and Marine Littering in Oslo

5. 3D-gedruckte Häuser in Massa Lombarda: Leben in Lehm

Hightech und Naturmaterialien. Das ist das Rezept, auf dem die von Mario Cucinella Architects und dem Druckerspezialisten Wasp konzipierten Häuser basieren. Man nehme heimischen Lehm und füttere damit den 3D-Drucker. Klingt einfach, aber irgendwie auch futuristisch. Tatsächlich hat das Projekt einige Jahre Forschungsarbeit erfordert. Jetzt stehen sie aber, die ersten kuppelförmigen Gebäude des Versuchsbaus Tecla (Technology and Clay). Anschauen kann man sie im Technologiepark von Wasp im italienischen Massa Lombarda an der Adriaküste. Sie wirken wie eine Mischung aus Ufo und Ayers Rock. Vor allem im Dunkeln, wenn die von innen beleuchteten Lehmstrukturen besonders gut sichtbar sind.

60m² Wohnraum, bestehend aus Wohnbereich mit Küche und Schlafbereich mit Bad, stehen zur Verfügung. Sie münden in kreisförmigen Oberlichtern. Tecla sei, so die Architekten, eine Weltpremiere, „das erste ökologisch nachhaltige Wohnmodell, das vollständig aus lokaler Roherde in 3D gedruckt wurde“. Metaphorisch inspiriert ist es von Italo Calvinos Buch„die unsichtbaren Städte“. Die Materialmischung für die Kuppeln besteht aus Erde, Strohfasern, Reisspelzen, Kalk und Wasser. 200 Druckstunden braucht es, bis ein Haus fertiggestellt ist. Für das Projekt haben die Architekten die Form des Gebäudes auch in Bezug auf das lokale Klima untersucht und die Isolierung und die Belüftung entsprechend angepasst. Stolz ist man besonders darauf, dass alles „Made in Italy“ ist. Neben Mario Cucinella Architects und Wasp sind ausschließlich italienische Unternehmen beteiligt.

Über den Tellerrand: 3D-gedruckte Tecla-Häuser in Massa Lombarda

6. LocHal in Tilburg: Von Loks zur Library

Neue Nutzung für Industriebrachen. Das ist ein Thema, das die Stadtentwickler weltweit beschäftigt und auch in Zukunft beschäftigen wird. Im niederländischen Tilburg ist es eindrucksvoll gelungen, aus einem ehemaligen Lokschuppen ein zentrales Stadtforum zu schaffen. Die Stadt hat dafür ein 75 Hektar großes Gelände gekauft, auf dem die niederländische Eisenbahn 150 Jahre lang Eisenbahnwaggons und Loks gewartet hat. Die imposante Wartungshalle mit einer Größe von 90 mal 60 Metern und einer Höhe von 15 Metern sollte als ein Stück Industriegeschichte Tilburgs erhalten werden. Entstehen sollte eine öffentliche Bibliothek und Raum für Kultur. Die Architekten von Civic Architects aus Amsterdam haben daraus die LocHal entwickelt. Viel mehr als nur eine Bibliothek ist sie ein einladender Ort der Begegnung und des Austauschs. Das zeigt schon die Eingangshalle, die mit ihren großen Lesetischen und einem Bistro an einen lebendigen Marktplatz erinnert. Co-Working Spaces, Konferenzräume, Räume für Kunstvermittlung und ein großer Bereich für Veranstaltungen ergänzen das Angebot.

Der Großteil der Stahlkonstruktion der Halle mit ihren riesigen Glasfenstern wurde erhalten. Ergänzt wurden zwei Ebenen, eine Galerie und ein Wintergarten mit Blick auf die Altstadt. Die neuen Strukturen bestehen aus schwarzem Stahl, Beton, Glas und Eiche sowie sechs mobilen, raumhohen Vorhängen, die den Innenraum bei Bedarf in temporäre Zonen unterteilen. Darüber hinaus gibt es eine Reihe sogenannter Lab-Rooms, die zum Forschen und Recherchieren einladen.

Über den Tellerrand: LocHal in Tilburg


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