Jede Saison aufs Neue stehen die großen Marken vor der Aufgabe, einen geeigneten Ort oder ein außergewöhnliches Setting für die Präsentation der Kollektion zu schaffen. Um ihr einen passenden Rahmen zu geben, aber auch um ihr Profil immer weiter zu schärfen oder unter Umständen auch zu verändern. Sicher auch ausgelöst durch die vielen medialen Möglichkeiten und die enorme Verbreitung der Schauen auch über sämtliche Soziale Medien, war in den vergangenen Jahren ein regelrechtes "Wettrüsten" zu erkennen. Die Show erschien oft fast genau so wichtig wie die gezeigte Kollektion.

Doch in dieser Schauenrunde scheint es eine Rückbesinnung auf das Produkt zu geben. Viele, die in den letzten Jahren noch oft für ihre spektakulären Kulissen gelobt wurden, verzichteten gänzlich auf eine große Inszenierung wie Dries Van Noten oder Tommy Hilfiger. Bei denen, die ihre Schauen aufwendiger gestalteten, gab es oft enge Korrelationen zwischen Setting und Kollektion. Außerdem wurde es vielerorts ruhiger, Natur, Pflanzen und viel Grün spielen eine wichtige Rolle. Eine Show viel allerdings gänzlich auf: Alessandro Michele mit seiner spektakulären Gucci-Klinik. Das waren die besten Inszenierungen der vergangenen Schauenrunde: 

Gucci



„Cyborg“ – so lautet die Überschrift über der in Mailand vorgestellten neuen Gucci-Kollektion und der dazugehörigen Fashion Show. Was Alessandro Michele auf den Catwalk zauberte, war spektakulär: Zwei Models trugen Repliken ihrer Köpfe unterm Arm, andere einen Babydrachen, ein Chamäleon oder eine Schlange. All das fand in der klinisch-türkisfarbenen Umgebung eines OP-Saals statt, in dem stetig das typische Piepen der Überwachungsgeräte zu hören war. In der Mitte war die OP-Liege mit charakteristischen Leuchten der Blickfang. Umgesetzt hatte Michele das Szenario zusammen mit den Kostümbildnern von „Makinarium“, einem Spezialisten für Special Effects im Filmbereich aus Rom.

Was Michele uns damit sagen will? Man kann nur mutmaßen, denn mit der Kollektion selbst hatte das Szenario nur bedingt zu tun. Dennoch ist sein Credo seit seinem Antritt bei Gucci immer der Individualismus, der sich auch in dieser Kollektion und der Inszenierung widerspiegelt. Er zeigt modisches Science Fiction, greift Themen aus den 70ern, 80ern und 90ern auf und überführt sie in einer Operation im OP-Saal in die Zukunft.

Louis Vuitton



Nicolas Ghesquières hatte in den vergangenen Saisons immer ganz besondere Orte für die Präsentation der Fashion Shows ausgewählt, so wie auch in diesem Jahr. Die Kollektion wurde im „Cour Lefuel“ gezeigt, einem sonst nicht zugänglichen Hof des Louvre, den Napoleon III einst als Auffahrt für Kutschen zum Hof bauen ließ.

Die Show startete in völliger Dunkelheit, lediglich die Säulentiere wurden von hellen Spots erleuchtet. Als das erste Model die geschwungene Auffahrt hinablief, tat sie das ebenfalls im Lichtkegel eines sich bewegenden Spots. So entstand eine mystische Atmosphäre. Erst später wurde es heller und eine Art Raumschiff sichtbar, über das die Models defilierten. Der krasse Kontrast zur historischen Kulisse.  Dieser Kontrast spiegelt auch die Aussage der Kollektion wider, denn auch hier spielte der Gedanke, Vergangenheit und Zukunft zu vereinen, eine große Rolle.

Chanel



In der Show von Chanel zeigt sich ein großer Trend, der sich gerade in ganz vielen Bereichen wiederfindet: zurück zur Natur. Nicht nur in sämtlichen Kampagnen der großen Modemarken wie Gucci, MiuMiu, Calvin Klein und Co. und in vielen Schaufenstern sind Pflanzen und Blumen ein großes Thema. Auch auf den Laufstegen von Paris, Mailand und London war Grünzeug omnipräsent. Dennoch war das Chanel-Setting ein herausragendes Beispiel dafür, welch außergewöhnliche Kulisse eine naturnahe Inszenierung abgeben kann.

Die Models liefen durch einen herbstlichen Blätterwald zwischen echten Bäumen umher. Die Szenerie war umrahmt von einer bedruckten Wand, so dass das Wald-Feeling vollends zur Geltung kam. So entstand eine ganz besondere Stimmung, in der die Kollektion perfekt zur Geltung kam.

Kenzo

 


Auch Kenzo ist für seine außergewöhnlichen Schauen-Settings bekannt. Im Gegensatz zu den letzten Saisons fiel sie zwar relativ leise, aber dennoch keinesfalls unspektakulär aus.

Die Schauenbesucher saßen wie Gäste eines großen Festes an mit Blumen festlich geschmückten Tafeln zwischen denen die Models defilierten. So entstand zwischen den Besuchern eine äußerst kommunikative Atmosphäre, die man sonst von Modenschauen eher nicht kennt. Auch gab es dadurch keine „Front Row“ im eigentlichen Sinne. Alle saßen gleichermaßen in der ersten Reihe. Demokratisierung der Mode sozusagen, zu der die Besucher wie Freunde geladen waren.

Calvin Klein

 


Mit dem Antritt von Raf Simons ist auch Calvin Klein in die Riege der Marken eingestiegen, die durch spektakuläre Läden, Offices und Schaueninszenierungen von sich Reden machen. In dieser Show greift Simons den amerikanischen Traum auf – symbolisiert durch Berge von Popcorn, die den Boden der Location bedecken. Außerdem laufen die Models durch Häuserfronten, die einer Westernstadt entsprungen scheinen. Um das zu unterstreichen, fand die Schau in diesem Jahr in der New Yorker Börse statt.

Auch die Kollektion spielt mit dem Thema, erinnern manche Looks doch stark an die orangefarbene Workwear der amerikanischen Arbeiterschaft. Schon die letzten Schauen nahmen Bezug auf das aktuelle Amerika unter Trump. Auch diese Show soll zum Nachdenken anregen und ein starker politischer Unterton schwingt mit.

Tory Burch



Grün oder besser gesagt rosa ging es auch bei der Show von Tory Burch zu, denn ein Teppich aus rosafarbenen Nelken schmückte den Laufsteg. Die laufenden Models wurden von einem kleinen Kammerorchester begleitet, das der Szenerie eine getragene Stimmung verlieh. Auch der Laufsteg selbst war mit Rasen überzogen, auf dem die Models im Zickzack durch den Blumenteppich liefen. Verschiedenste Blumenmuster fanden sich dann auch in der Kollektion wieder.
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