Alessandro Michele ist der nächste Aufmerksamkeits-Coup gelungen. Mit seiner Inszenierung während der Mailänder Schauen macht er Gucci zum Gespräch abseits des erwartbaren Deko-Overloads. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit Identität.



Was abstrakt klingt, setzt Michele provokant in Szene. In einem OP-Setting, der Gucci Klinik, lässt er Models defilieren, die Gedanken an Frankensteins Monster aufkommen lassen. Vor allem auch deshalb, weil zwei von ihnen Clutches tragen, die exakte Nachbildungen ihrer Köpfe sind. Grusel garantiert. Auch Echsen und Drachenjungen gehören zu den auffälligen Accessoires. Sie umkreisen einen hell erleuchteten OP-Tisch, der auf einem blutroten Quadrat platziert ist.



Michele selbst beschreibt seine Kollektion als „Cyborg-Manifest”. Eindeutigkeit ist seine Sache nicht. Im Gegenteil. Es geht ihm darum, dass „der Hybrid metaphorisch als eine Figur gepriesen wird, die den Dualismus und die Dichotomie der Identität überwinden kann.” Klingt etwas kryptisch. Im Begleitschreiben zur Show wird es konkreter: „Der Gucci-Cyborg ist posthuman: Er hat Augen an seinen Händen, Faun-Hörner, Drachen-Welpen und Doppelköpfe. Er ist eine biologisch nicht bestimmbare und kulturbewusste Kreatur. Die ultimative pluralistische Identität, die sich ständig verwandelt. Ein Symbol für die Möglichkeit, zu dem werden zu können, was wir sind.”



Mit seinen Fantasiewesen und dreiäugigen Models schafft er es wieder einmal, kleine Schockwellen auszusenden. Und so fast ein bisschen von den extrem exzentrischen Looks abzulenken. Die ganze Gucci-Welt lädt er jedenfalls gekonnt mit einer neuen Story auf.

Ob Gummidrachenjunge nächsten Herbst das neue It-Accessoires werden? In einer von Instagram gestriebenen Fashion-Welt, die oft das Schöne und Vordergründige honoriert, scheint das eine große Herausforderung zu sein. Allerdings sind sind die Looks der Show, zieht man das Schocker-Surrounding ab, eine vergleichsweise brave Weiterentwicklung von Micheles Deko-, Bling-Bling-, und Retro-Glam-Looks. Ein bisschen Drache tut da gut. Auch, um nicht auf eine Glitzer- und Blumen-Identität festgelegt zu werden und womöglich am Ende in einer Schublade zu enden.