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Designer Christopher Raeburn im Interview

„Oberstes Ziel: Gar kein Abfall”

Christopher Raeburn
Christopher Raeburn ist Chefdesigner von Timberland und Herr über sein eigenes Label.
Christopher Raeburn ist Chefdesigner von Timberland und Herr über sein eigenes Label.

Nachhaltiges Design war lange als langweilig oder moralisierend und einschränkend verpönt. Christopher Raeburn zeigt, dass es anders geht. Der britische Designer ist inzwischen einer der wichtigen Impulsgeber für den VF-Konzern, leitet die kreative Ausrichtung von Timberland und seiner eigenen Kollektion. Im TW-Interview spricht er über Müll, Mainstream und Stoff-Recherche.

TextilWirtschaft: Herr Raeburn, Ihr Credo ist Re-made, Re-duce, Re-cycle, sprich das Wiederverwerten, reduzieren und recyceln von sämtlichen Zutaten. Welcher dieser drei Punkte ist Ihnen am wichtigsten?
Christopher Raeburn: Alle unsere Entscheidungen, die wir in unserem Business fällen, klopfen wir auf diese Rs ab, seit der Gründung 2009 ist aber besonders der Re-made-Ansatz herausragend für die Markenphilsophie von Raeburn geworden. Das umfasst die Aufbereitung von bereits bestehenden, funktionalen Bekleidungsstücken und Stoffen, hier bei uns im Raeburn-Lab im Londoner Stadtteil Hackney.

Sie haben zuletzt zum Beispiel auch alte Lagerbestände von Sanitäterjacken auseinandergenommen und in Ihre Runway-Kollektion einfließen lassen. Worauf kommt es dabei an?
Dieser Prozess läuft nicht ohne Herausforderungen ab. Durch die Einzigartigkeit der Fabrics und Kleidungsstücke ist schon allein die Verfügbarkeit sehr schwankend, oft sehr niedrig. Das macht das Sourcing aufwendig. Auch Musterteile zu erstellen, ist deutlich schwieriger, erfodert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit bei Zuschnitt und Näherei.

Christopher Raeburn: H/W 19/20


Viele Hersteller, auch aus der Zuliefer-Industrie, forcieren jetzt verstärkt den Recycling-Gedanken. Welche Ansätze sind aus Ihrer Sicht vielversprechend, wo fehlt noch Innovation?
Für mich sind alle Ideen, die sich um die Minimierung von Abfällen drehen, besonders spannend. Denn sie befassen sich mit dem wohl destruktivsten Aspekt unserer Industrie. Für uns hat das Priorität, wir haben uns verschrieben, in unserem Lab gar keinen Abfall zu produzieren. Und auch wenn ich glaube, dass das ein fortschrittlicher Ansatz ist, wird er von so vielen Marken komplett übersehen. Entsprechend wenig Innovation gibt es auf dem Gebiet.


In jüngster Zeit gehen mehr und mehr Marken mit ihren Sustainability-Ansätzen in die Offensive. Wie sehen Sie das? Eher positiv, weil es dem Thema größere Aufmerksamkeit verleiht, oder kritisch, weil es vielleicht teils nur Greenwashing ist?
Umwelt-Themen sind jetzt im Mainstream und den Massenmedien angekommen. Und das hat wirklich einen positiven Einfluss auf das Interesse an Sustainable Fashion, sowohl unter den Marken als auch Konsumenten. Auch bei den Highstreet-Händlern gibt es einen klaren Anstieg in Sachen Transparenz und Verantwortungsbewusstsein, was wiederum das Mindset im Massenmarkt beeinflusst. Und das kann aus meiner Sicht nur etwas Gutes sein. Es ist eine sehr fruchtbare Art, ein Business zu führen. Ich kann nur hoffen, dass mehr und mehr Designer diesen Weg gehen.

Christopher Raeburn X The North Face: Taschen aus Zelten


Welche Wege gehen Sie im Sourcing? Wo finden Sie Neues für Ihre Kollektionen?
Zu allererst gehe ich immer in Läden für alte Armeebestände. Außerdem auf Messen für neue Ideen bei Design-Entwicklung und Stoffrecherche. Unser Design wird immer bestimmt durch die Stoffauswahl, da wir stets mit überschüssigen Materialien arbeiten und daraus wieder ein begehrenswertes Produkt kreieren. Viele meiner Ideen entspringen also dem Rohmaterial. Inspiration kann für mich aber aus einer Vielzahl von Dingen und Orten kommen, von einem Flohmarkt in New York genauso wie einem Antiquitäten-Geschäft in Tokio.

Progressives Design und Nachhaltigkeit müssen sich nicht ausschließen. Immer mehr aufstrebende Designer beschäftigen sich mit dieser Welt, ohne zuforderst auf einen Öko-Ansatz hinzuweisen, sondern auf Look und Style ihrer Kollektionen. Mehr dazu lesen Sie in der kommenden TW ab Mittwoch, 29. Mai, 18 Uhr im E-Paper der TextilWirtschaft, sowie ab Donnerstag in der gedruckten Ausgabe.
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