Die Top 30 Looks der Paris Fashion Week

Paris: So laut und doch so leise

Koché / Foto: Martin Veit
 Ballkleider - gerne auch mit Schleppe - waren auf den Pariser Catwalks ein wichtiges Thema.
Ballkleider - gerne auch mit Schleppe - waren auf den Pariser Catwalks ein wichtiges Thema.

Bienvenue à Paris. Die Fashion Week ist mit alter Stärke zurück. Und doch, die Branche und das angereiste Publikum befinden sich in einem enormen Zwiespalt zwischen Tatendrang und Überforderung, zwischen Wiedersehensfreude und Solidarität. Die Eindrücke von der Modewoche. Die Themen, die Key-Looks, das Schauen-Highlight.

Küsschen links, Küsschen rechts, herzliche Umarmungen. Sie ist groß, die Wiedersehensfreude während der Paris Fashion Week. Die Stadt ist voll, ebenso der Schauenkalender: Zahlreiche Events und Catwalks finden mit vollen Reihen und somit keinerlei Gefühl mehr von Distanz statt. Und auch vor den Eingängen der Shows tummeln sich wieder die Fans und Schaulustigen in der Hoffnung, einen Blick auf den ein oder anderen Prominenten zu erhaschen.


So international, so abwechslungsreich war die französische Schauenwoche schon lange nicht mehr. Fast alle großen Namen setzen wieder auf eine klassische Laufsteg-Präsentation. Und auch das Rahmenprogramm der Fashion Week hat im Vergleich zu den letzten Saisons wieder deutlich zugenommen, reicht von Installationen und Ausstellungen hin zu Filmvorführungen.

Die große Unsicherheit

Dennoch, so losgelöst, wie die Veranstalter es wohl noch vor wenigen Wochen zu hoffen wagten, ist die Stimmung nicht. Zu groß ist die Betroffenheit angesichts des Krieges in der Ukraine. Das Geschehen in der Welt prägt nicht nur den Großteil der Gespräche, sondern hat nicht zuletzt auch Einfluss auf einzelne Programmpunkte. So sagt etwa Isabel Marant wenige Tage vor der Präsentation die traditionelle After-Show-Party ab. Es sei nicht der richtige Moment, um zu feiern. Gleichzeitig finden am selben Abend an verschiedensten Plätzen der Stadt ausgelassene Get-togethers statt. Es ist eine Ambivalenz zwischen Beklommenheit und Eskapismus, die dieser Tage in Paris vorherrscht.

Auf die Unsicherheit vieler Besucher und die Frage, wie mit der Situation umzugehen ist, reagiert auch Ralph Toledano, President der Fédération de la Haute Couture et de la Mode. Zu Beginn der Fashion Week äußert er sich über die aktuelle Lage so: "Kreation basiert stets auf den Prinzipien der Freiheit, und das unter allen Umständen. Mode hat schon immer zu der individuellen und kollektiven Emanzipation und zum Ausdruck innerhalb unserer Gesellschaften beigetragen." Weiter heißt es: "In der momentanen Lage ermutigt die Fédération de la Haute Couture et de la Mode Sie, die Schauen in den kommenden Tagen mit Feierlichkeit und in Reflexion dieser dunklen Stunden zu erleben." Ein Aufruf, dem ein Großteil des Publikums zu folgen scheint. Man zeigt sich bedachter, dennoch nicht weniger präsent.

Die Themen

Bereit für den großen Auftritt. Ob Christian Dior oder Acne Studios, ob Valentino oder Off-White, Roben, regelrechte Ballkleider, waren in vielen Kollektionen ein omnipräsentes Thema. Dabei meist unverzichtbar: die Schleppe. Entweder besonders ausladend und meterlang oder dezent aus feinem, transparentem Stoff  teils nur in einzelnen, filigranen Stoffbändern.

Die eleganten Kleider, die vielerorts durch Transparenz, Spitzenbesatz oder Strass-Applikationen zusätzlich aufgewertet werden, werden gleichzeitig durchaus auch mit Grobstrick, Bikerjacke oder Statement-Shirt gepaart. So entsteht ein moderner und lässigerer Look, der dennoch mehr als abendtauglich anmutet. Für einen besonderen Twist sorgt etwa die Robe von Acne Studios aus Denim-Patchwork.

Denim ist ohnehin ein Bestandteil vieler Kollektionen. Mal clean, mal destroyed. Givenchy setzt auf Perlen-Applikationen, während Christian Dior den blauen Stoff für einen Faltenrock verwendet und so ungewohnt feminin präsentiert. Wichtig bleibt zudem Leder ebenso wie Lack, meist in Schwarz, nicht selten allover gespielt. Neu aufgelegt wird Leder etwa bei Chloé in Form von Latzhosen, bei Hermès ist die Leder-Minishorts ein zentraler Bestandteil der Kreationen. Saint Laurent hingegen setzt auf Leder-Blazer und -Mäntel in breiten, maskulinen Formen und verschiedenen Oberflächenstrukturen.

Paris Fashion Week Herbst 2022: Top 30 Looks


Noch immer ist viel Metallic-Glanz und Glitzer, Strass und Dekoration zu sehen, außerdem Transparenz und verführerische Cut-outs. Die feminine Strömung ist weiterhin stark. Besonders sexy: der Mini und die superknappe Shorts, ebenfalls absolute Key-Pieces.

Neben sehr schmalen Silhouetten und einer starken Taillenbetonung stehen auch kastige Shapes und breite, auffällige Schulterpartien im Fokus. Dabei neu: O-Shapes in allen Variationen. Und das nicht nur für das Beinkleid, sondern vor allem für Jacken, Bomber oder auch Blusen. Eine runde Sache.

Der Abschied

Highlight im Pariser Schauenkalender ist die letzte Off-White-Kollektion des im November verstorbenen Kreativchefs Virgil Abloh. Neben Ready-to-wear wurde auch eine neue High Fashion-Linie präsentiert, an der Abloh ebenfalls noch federführend beteiligt war. Couture ohne Couture-Anmutung: Hier treffen Streetwear-Einflüsse par excellence auf elegante Roben, etwa mit ausladender Schleppe oder Tüll-Rock. Dazu Bomber- oder College-Jacke, Strick, Printshirt. Außerdem eine Reihe von Wortspielen und Statement-Wordings wie zum Beispiel "Little Black Dress" auf einem knappen, schwarzen Paillettenkleid. Ein Stilelement, für das Abloh unter anderem bekannt war.

Gleichzeitig sendet der Designer, der seinen Gesundheitszustand bis zuletzt nicht öffentlich machte, auch eine ernste, sehr persönliche Botschaft. Auf einer der Clutches, die Supermodel Cindy Crawford über den Laufsteg trägt, prangt groß das Wort "Life", während ein zweites, durchsichtiges Täschchen bis zum Rand mit roten und weißen Pillen gefüllt ist. Die prägnanteste Aussage des Abends tragen mehrere Models jedoch auf großen Fahnen über den Runway: "Question everything". Ein letzter Appell des verstorbenen Designers.

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