Progressive Menswear

"Kein Fan von Overdressing" − wer ist Family First?


Martin Veit
Progressive Menswear aus Mailand: Family First, hier aus der Kollektion für Herbst 2023, die kürzlich auf das Fashion Week in Mailand gezeigt wurde.
Progressive Menswear aus Mailand: Family First, hier aus der Kollektion für Herbst 2023, die kürzlich auf das Fashion Week in Mailand gezeigt wurde.

Neue Impulse aus Italien. Pitti Uomo in Florenz und die Fashion Week in Mailand liefern reichlich. Ein Name, der die Menswear aufmischen will, ist das italienische Streetwear-Label Family First. Was treibt die Macher an und mit welchen Looks wollen sie die progressive Kundschaft überzeugen? Mitgründer und Designchef Giorgio Mallone gibt Einblicke.

Der Name sowie die Identität des Labels basieren auf der Idee, dass kreative Projekte aus unterschiedlichen, aber sich ergänzenden Welten heraus entstehen können. Creative Director Giorgio Mallone hatte so immer schon eine Leidenschaft für Kunst, Mode und Kreativität, während sein Co-Gründer und CEO Alessandro Zanchi, der auch als Sportmanager tätig ist, eine starke Unternehmer-Persönlichkeit ist. Die beiden 32-jährigen Mailänder eint der Glaube an die lebenslange Verbindung zu Familie und Freunden.

Die Kollektion will "Made in Italy" mit erschwinglichen Preisen vereinen. So liegen VK-Preise für T-Shirts zwischen 40 und 64 Euro, bei 334 Euro für Blazer und 200 Euro für Sneaker.

Das Label startete mit Herrenmode und Unisex-Modellen, bietet aber seit 2020 auch Damen- und Kinderbekleidung an. Darüber hinaus launchte es eine Reihe an Kooperationen mit anderen Namen wie Iceberg, Pokémon und der Rise Together Foundation. Der TW-Schwestertitel The Spin Off hat mit Creative Director Giorgio Mallone gesprochen.

Family First-Mitgründer und Kreativchef Giorgio Mallone: "Für uns ist die Suche nach den Stoffen, der Verarbeitung und den Herstellern sehr wichtig. Ich würde sagen, wahnsinnig wichtig."
Martin Veit
Family First-Mitgründer und Kreativchef Giorgio Mallone: "Für uns ist die Suche nach den Stoffen, der Verarbeitung und den Herstellern sehr wichtig. Ich würde sagen, wahnsinnig wichtig."

The Spin Off: Herr Mallone, warum haben Sie Ihr Label Family First genannt?
Giorgio Mallone: Sich anzuziehen ist nicht nur ein simpler Akt der Eitelkeit oder der Notwendigkeit, sondern es ist eine Art und Weise, sich der Welt zu öffnen, sich mit anderen abzustimmen und mit Menschen in Verbindung zu treten, denen wir uns ähnlich fühlen. In diesem Sinne wurde die Marke geboren, deren Name auch ihr Schicksal ist: "fare famiglia" (was wortgetreu "Familie machen" heißt, Anm. d. Redaktion) bedeutet, sich in einer Gemeinschaft, einer Gruppe oder einem Team wohlzufühlen, das verwandtschaftliche Verbindungen auch übersteigen kann und freundschaftliche Verbindungen, gegenseitige Zuneigung und Zärtlichkeit umfasst. Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine klare Ästhetik, einfach, aber nicht simpel, die sich in konfektionslastigen aber bequemen Linien und in Silhouetten ausdrückt, die für verschiedene Körpergrößen geeignet sind.

Wodurch zeichnet sich die Kollektion aus?
Die Marke kommt zwar aus der Menswear, die Kollektion ist aber eigentlich vollkommen geschlechts- und alterslos – um neue Bedeutungshorizonte eines Konzepts zeitgenössischer, kluger, urbaner Eleganz anzubieten, die zutiefst Mailändisch ist, aber in einer Vorstellung ohne jegliche Grenzen verwurzelt ist. Seien sie geografisch, sozialer, kultureller oder physischer Natur.

Was sind die Highlights der Herbst/Winter-Saison 2023/2024?
Die Kollektion hat eine lässige, urbane und stilvolle Grundhaltung. Wir haben reines Kaschmir oder Kaschmir-Mischungen verwendet. Außerdem Denim, während wir für die Nadelstreifen-Blazer hochwertige Wolle genommen haben. Weitere Materialien sind feine und langlebige Archiv-Baumwollstoffe für eine Anzahl limitierter Hemden sowie Cord in unterschiedlichen Breiten. Knitwear haben wir besondere Aufmerksamkeit geschenkt, sie war schon immer eine fröhliche Besessenheit von uns: Der Strick ist bedruckt und es gibt Jacquard-Muster. Er erinnert mal an altmodische Handwerkskunst, mal liegt der Fokus auf technischen Finishings. Der Mohair-Hoodie passt zum ein- und zweireihigen Blazer, sowohl in Naturtönen als auch bissigen Nuancen. Wir kombinieren gerne verschiedene Kleidungsstücke, sind aber kein Fan von Overdressing.

 

Wie kam es zu Family First?
Die Idee ist bei meinem Meeting mit Alessandro Zanchi 2015 entstanden, der heute Präsident des Labels ist. Von Anfang an war es unser Wunsch, eine Marke zu schaffen, die nicht nur eine Kollektion oder ein Produkt repräsentiert, sondern eine starke Identität hat und Werte vermittelt, mit denen sich die Menschen identifizieren können. Unser Motto ist "Wenn du schnell machen willst, mach’s alleine, wenn du weit kommen willst, dann machen wir das zusammen". Und genau an dieses Konzept des Miteinanders, das die Menschen stärkt, wollen wir unsere Kunden glauben lassen, damit sie sich wirklich als Teil dieses Projekts fühlen.

Wie gelingt es, Streetwear, Sportswear und klassische Menswear zu verbinden?
Für uns ist die Suche nach den Stoffen, der Verarbeitung und den Herstellern sehr wichtig... Ich würde sagen, wahnsinnig wichtig. Die Rohstoffe werden in italienischen Regionen verarbeitet, die im Sektor als exzellent gelten und wir arbeiten ausschließlich mit italienischen Herstellern zusammen, die das für unsere Tradition typische Know-how bewahren.

Wie viele Teile bieten Sie derzeit an?
Die Hauptkollektion von Family First besteht aus etwa 100 Kleidungsstücken.

Was ist das Kernstück der Kollektion?
Family First-Kollektionen bieten Gesamtlooks an, die sich aus allen Warengruppen speisen. Besonderes Augenmerk liegt auf Strick, der sowohl im Kreativen als auch mit Blick auf den Vertrieb im Mittelpunkt steht.

Über welche Kanäle verkaufen Sie?
Die Kollektionen von Family First werden sowohl über unseren E-Commerce-Kanal als auch über 150 Luxus-Multimarken-Stores weltweit vertrieben, darunter Namen wie  wie Rinascente, Eraldo, Base Blu, Tessabit, Pozzi und Wise Boutique, während wir im Ausland etwa bei Neiman Marcus in den USA, El Corte Inglés in Spanien und Mientus in Berlin vertreten sind.

Welche Art von Kundschaft sprechen Sie an?
Unsere derzeitige Zielgruppe sind 20- bis 35-jährige Männer, die Mode lieben, trendbewusst sind, aber auch eine Affinität zu Musik − vor allem Rap und Electro − und Sport haben. Diese Männer fühlen sich in einer Community, einer Gruppe oder einem Team wohl, mit dem sie Eigenschaften, Leidenschaften und Interessen teilen.

Planen Sie, Stores zu eröffnen, die auf die Bedürfnisse dieser Kunden abgestimmt sind?
Im Moment planen wir keine physischen Flagship Stores.

Das Label hat bereits mit einigen bekannten Namen zusammengearbeitet. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Kooperationspartner aus?
Wir haben nur mit Marken zusammengearbeitet, die in der Lage waren, den Spirit von Family First zu interpretieren und unsere Werte und Identität zu unterstützen. Das ist unser wichtigstes Kriterium.

Werden Sie das weiterhin tun? Sind Kooperationen noch immer wichtig in der Modebranche?
Ich glaube, dass Kooperationen eine Bereicherung darstellen und allen Beteiligten einen Mehrwert bringen. Wir hatten die Gelegenheit und die Ehre, mit bedeutenden Marken zusammenzuarbeiten, und das hat Family First definitiv eine große Sichtbarkeit und Anerkennung verschafft.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The-SPIN-OFF.com.

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