Menswear: Festive Mode

Alles auf Anlass

Atelier Torino
Helligkeit und Vintage-Charme sind besonders gefragt.
Helligkeit und Vintage-Charme sind besonders gefragt.

Aufschwung für Anzug und festive Kombinationen. Nach der großen Corona-Flaute boomt die Nachfrage nach Anlass- und Party-Outfits.

Achterbahnfahrt wäre noch untertrieben, wenn es um die Gefühlslage im Anlass-Segment geht. Über ein Jahr lang befand sich die Branche im freien Fall. Und auch nach den ersten Wiedereröffnungen glichen die festiven Flächen noch lange einem Sperrgebiet.

Wie ernst die Lage war, zeigt der Blick auf Marktführer Wilvorst. Aufgrund der Umsatzeinbrüche von mehr als 80% musste mehr als die Hälfte der Belegschaft entlassen werden. Auch andere Klassik-Anbieter sowie Händler, die das Gros ihrer Baukastenumsätze inzwischen über den Bedarf an festiven Outfits erzielen, hat der coronabedingte Anlass-Ausfall schwer getroffen.

Doch so rasant wie die Umsätze während des Lockdown in den Keller gerauscht sind, so katapultartig schießen sie seit den Lockerungen im Mai wieder in die Höhe.

Der Nachholbedarf ist so enorm, dass die Industrie ihn teilweise gar nicht befriedigen kann. "Ende Mai haben die Nachholeffekte eingesetzt. Wir haben die Nachversorgung zwar nie komplett gekappt, aber alle Anbieter haben mit angezogener Handbremse geplant", sagt Robert Ley-Zentraleinkäufer Daniel Balke. Die Folge: "Seit August gibt es bei formellen Hemden und Anzügen Lieferengpässe, die uns wohl noch bis ins Frühjahr begleiten werden."

Digel-Vorstand Jochen Digel weiß um die Problematik, gibt sich mit Blick auf die kommenden Wochen und Monate aber zuversichtlich. "Wir wurden von der großen Nachfrage überrannt. Das hat zu Lieferlücken geführt – auch im NOS. Durch unsere Europa-Produktion können wir diese aber zeitnah wieder auffüllen."

Festliche Mode: Gala


Klotzen statt kleckern, so lautet bei vielen Männern nun die Devise, wenn es um Hochzeiten geht, erklärt Julian Boes, Inhaber des gleichnamigen Modegeschäfts in Dülmen. "Die Umsätze sind zwar nicht ganz auf Vor-Corona-Niveau, weil uns die Abi-Bälle gefehlt haben. Die Hochzeits-Outfits, die wir verkaufen, sind dafür spürbar hochpreisiger und es wird insgesamt mehr gekauft." Gefragt seien für den Bräutigam vor allem ausgefallenere Anzüge wie von Digel Ceremony. Die Hochzeitsgäste griffen hingegen häufig zu Modellen von Drykorn oder Cinque.

Topseller schlechthin bleiben aber Vintage- und Boho-Styles. "Das Thema Leinen und Vintage ist derzeit in aller Munde, ob bei CG – Club of Gents, Wilvorst oder Digel. Damit einher geht auch eine neue Helligkeit", sagt Bernd Farwick, Einkaufsverantwortlicher bei L & T in Osnabrück. Für das kommende Frühjahr habe er dieses Segment deshalb noch einmal gestärkt. Balke glaubt ebenfalls, dass hier das Ende des Hypes noch lange nicht erreicht ist. "Es gibt eine Rückbesinnung aufs Traditionelle. Vintage Wedding ist präsenter denn je. Das sieht man auch bei den Accessoires, wo Hosenträger, Fliegen und sogar Schiebermützen sehr gefragt sind."

Festliche Mode: Party


Zurückhaltender ist er mit Blick auf Eveningwear. "Das Thema hat zwar Potenzial, bedarf aber einem ganzheitlichen Ansatz. Wenn wir einfach nur ein Samtsakko auf die Fläche hängen, ohne das entsprechende Umfeld, dann sind mir die Abschriften schon sicher."

Bei L&T ist man nicht minder skeptisch: "In Hinblick auf Anlässe wie Weihnachten und Silvester sehe ich bei den Männern in der Konfektion keine gesteigerte Nachfrage. Ein Samtsakko ist zwar im Sinne des New Formal-Gedankens nice to have, wird aber eher aus modischen Gesichtspunkten gekauft und weniger anlassspezifisch", sagt Farwick.

Dass progressive Party-Looks jedoch auf dem Vormarsch sind, zeigt nicht zuletzt die Wahl des Premieren-Outfits von James Bond-Darsteller Daniel Craig. Statt klassisch schwarzem Brioni-Smoking griff er zu einem himbeerfarbenen Samt-Jacket. Was von eingefleischten Bond-Fans als Tabubruch gewertet wurde, feierten Presse und Social Media Community gleichermaßen als modisches Statement für eine zeitgemäße Interpretation von Männlichkeit.
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