Kim Berndt und Jessica Peter, Gründerinnen des virtuellen 3D-Modestudios 3MBASSY, im Gespräch

"Digitale Mode macht Spaß, hat aber auch großen Nutzen"

3MBASSY

Digitale Mode scheint erstmal absurd. Wie kann etwas, das von der Haptik lebt, durch Virtuelles ersetzt werden? Doch das eine schließt das andere nicht aus. Die Devise lautet: das Beste aus zwei Welten. Darauf hat sich auch 3MBASSY, ein virtuelles 3D-Modestudio, das zunächst Zero-Waste-Mode mit Zero-Waste-Schnitttechniken produzierte, spezialisiert.

Das junge Start-up aus Köln wurde von Design- und Textil-Ingenieurinnen mit dem Ziel gegründet, über Digitalisierung einen neuen Use-Case für Mode zu schaffen. Ihre Spezialisierung betrifft vor allem die virtuelle Bekleidungskonstruktion und das 3D-Design, an der Schnittstelle von Design und Technologie wollen sie immersive Modeerlebnisse erzeugen.

Ihre Entwürfe sind aktuell auch Teil der Ausstellung "virtuelles Beiwerk" in Hamburg, die am 30. Oktober 2021 ihre Türen geöffnet hat. Kuratiert von Judith Brachem und Lucas Stübbe von der Universität Hamburg, erforscht die Kunstausstellung virtuelle Kleidung aus kunstwissenschaftlicher Perspektive. Mit einer App kann man Codes an den Wänden abscannen, um die digitalen Werke zu betrachten. Augmented Reality schafft die Möglichkeit, auf kleinstem Raum und ohne großen Aufwand in Präsenz, ganze Welten zu kreieren, die für jeden zugänglich sind. „Got Soul?“, der Beitrag des Kölner Unternehmens, soll eine Anlehnung an die Musik der 70er Jahre und die  Umbruchstimmung der Zeit sein. Mode in Augmented Reality schafft dergleichen eine Art immersives Erlebnis. Der Betrachter kann sich im realen Raum die irreale Kunst und Modeerscheinung anschauen, sie erleben und empfinden. Kim Berndt und Jessica Peter, die Gründerinnen von 3MBASSY, sprachen mit der TextilWirtschaft über die Vorteile der digitalen Mode und wie sie unsere Zukunft bereichern kann.

TextilWirtschaft: Nicht jeder kann mit dem Begriff der digitalen Mode etwas anfangen, trotz seiner Omnipräsenz in den letzten Jahren. Wie lautet Ihre Definition?
Kim Berndt und Jessica Peter: Digital Fashion ist die visuelle Darstellung von Kleidung, die mit Computertechnologie und 3D-Software hergestellt wird. Sie ist also Mode, die nicht physisch existiert, sondern lediglich auf Basis eines Datensatzes. Der größte Unterschied ist, dass die digitale Mode keine Grenzen hat. Sie kann in Zukunft einen außerordentlichen Beitrag in der industriellen Implementierung finden, um den Kunden wieder näher in Richtung Mode als Gefühl zu leiten. Digitale Mode kann aber auch eine nachhaltige, ressourcenschonende Option sein, um Mode zu präsentieren. Manche werden hierbei natürlich die Haptik vermissen, doch wir blicken dabei optimistisch in die Technologieinnovationen der nächsten Monate, die bestimmte Reize durch künstliche Intelligenz ermöglichen wird.

Wie ist hierbei der aktuelle Stand der Dinge?
Wir sehen digitale Mode als Kunstobjekt und visuelles Tool. Endlich sieht die Welt, was technisch alles möglich ist. Außerdem gab es einen ziemlichen Aufstieg der digitalen Mode während der Pandemie, da alles online stattfinden musste. Wir stehen sozusagen ganz am Anfang einer neuen Mode-Ära, dessen unglaublicher Ausblick in Bezug auf Potenziale von digitaler Fashion gerade erst an Fahrt aufnimmt. Wir können uns glücklich schätzen, ein Teil dessen zu sein.

Sehen Sie in der digitalen Mode die Zukunft?
Definitiv. Die Gewinner werden die sein, die neue Techniken entwickeln und damit Produktions- und Lieferketten so optimieren, dass am Ende wirklich nur das entsteht, was gebraucht wird. Momentan arbeiten wir zum Beispiel mit einem Kunden zusammen, der eigene Mode produziert. Wir visualisieren seine Ideen und kreieren maßgetreue 3D-Samples, mit denen er direkt zur Produktion gehen kann. Der Sampling-Prozess wird dadurch immens verkürzt und spart sowohl Kosten als auch Ressourcen, da weniger Fehlware entsteht.

Natürlich macht digitale Mode Spaß, sie hat aber auch großen potenziellen Nutzen für die Industrie. Im Endeffekt besteht die Quintessenz unserer Agentur darin, an nachhaltigen Lösungen digital mitzuwirken, diese festzuhalten und langfristig zu etablieren. Wir können mit Technologie viele Klimaziele erreichen, wenn wir lernen, sie richtig einzusetzen.


 

Ist das nicht eigentlich ein Nischenthema?
Ich kann mich noch an unsere anfänglichen Kundengespräche erinnern, in denen immer die Frage fiel: Und wofür brauchen wir das überhaupt? Viele haben in der Digitalisierung der Mode lediglich das Kaufen von digitaler Kleidung gesehen, doch durch die pandemiebedingten Einschränkungen im Handel fand ein Umdenken statt, das gerade für einen Paradigmenwechsel in der Industrie sorgt. Unsere Aufgabe ist es, dieses Momentum festzuhalten und aus digital fashion mehr als nur einen Hype zu machen. Unsere Zukunft liegt im Metaverse, wodurch wir in der realen Welt einiges ersetzen und verbessern können.

Für welche Bereiche der Branche ist die Arbeit mit digitaler Mode besonders interessant?
Sie wird für alle Bereiche interessant werden, sobald man die Gesamtheit der Entwicklungsmöglichkeiten von digitaler Mode sieht. Im Hinblick auf Design, Produktion und Organisation sehe ich digital fashion stark als visuelles Kommunikationstool – aber auch durch die Interaktion in 3D Software im Designprozess entstehen neue designtechnische Aspekte. Im Marketing und Vertrieb wird diese Art der Arbeit schon Jahre genutzt. Sei es, dass ganze mediale Kampagnen digitalisiert werden oder dass Marken eigene Instagramfilter veröffentlichen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Bis jetzt sehen wir da eher eine lineare Entwicklung, aber großes Potenzial im E-Commerce. Hierzu gehören auch virtuelle Anprobeapplikationen. Diese sollen einen ressourcenschonenden Handel ermöglichen, zum Beispiel durch Passformgenauigkeit des Modells und geringe Retourenquote. Hier werden sich Potenziale herauskristallisieren, von denen wir selbst noch nicht geträumt haben.
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