Interview mit It-Bag-Profi Marlena Dietz, Gründerin des Berliner Start-ups Fobe

"Luxustaschen, für die sich das Investment nicht wirklich lohnt"

Fobe
Taschenexpertin: Marlena Dietz (Foto) hat Fobe gemeinsam mit Co-Founder Anton Wochmanin im März 2020 ans Netz gebracht.
Taschenexpertin: Marlena Dietz (Foto) hat Fobe gemeinsam mit Co-Founder Anton Wochmanin im März 2020 ans Netz gebracht.

Bottega Veneta und Balenciaga, Gucci und Saint Laurent – das Business mit Taschen aus dem Topgenre scheint ungebrochen. Das Berliner Start-up Fobe verleiht It-Bags ab 79 Euro im Monat. Was Gründerin Marlena Dietz, lange Einkäuferin bei Donna in Hannover, an dem Sharing-Modell so überzeugt, was Fobe von einem Webshop unterscheidet und warum It-Bags kein Zufall sind, verrät sie im TW-Interview.

TextilWirtschaft: Frau Dietz, mit Sharing-Modellen für Autos, Räder, E-Roller ist man vertraut. Ihr Geschäftsmodell verfolgt denselben Ansatz, allerdings teilt man sich bei Fobe It-Bags. Von Bottega Veneta, Balenciaga, Saint Laurent. Wie kommt man darauf?
Marlena Dietz: Die Idee hatte ursprünglich mein Co-Founder Anton Wochmanin, Wirtschaftswissenschaftler und erfahren in der Start-up-Szene. Ich war sofort Feuer und Flamme. Damals habe ich noch als Einkäuferin für Multibrand-Fashion-Stores gearbeitet und hautnah beobachtet, wie gerade das Luxussegment immer schnelllebiger wurde, immer mehr Kollektionen und Trendteile parallel zueinander auf den Markt kamen. Und wie das schlussendlich unsere Kunden überforderte. Sie konnten ihre Wünsche, ihren Bedarf irgendwann nicht mehr stillen. Das ist dann auch einfach nicht mehr nachhaltig, weil man Teile haben möchte, die eine Wertstabilität von vielleicht gerade mal vier Jahren haben. Danach stehen sie im Schrank, sind aber trotzdem ein hohes Investment gewesen.

Und deswegen Taschen?
Taschen sind im Fashion-Bereich am wertstabilsten, haben einen längeren Trendzyklus als Ready-to-wear. Und es gibt kein Sizing-Problem.

Inwiefern konnten Sie von den Kontakten aus Ihrer Zeit in Hannover profitieren?
Mein Netzwerk aus dieser Zeit hat mir erst einmal bei einer realistischen Einschätzung geholfen. Und es war nicht schlecht, um an die Leute überhaupt erstmal ranzukommen und zu einem Gespräch eingeladen zu werden, aber am Ende wird das auf einer ganz anderen Ebene entschieden.

Waren die Marken generell offen für Ihr Konzept? 
Von Haus zu Haus lief das ganz unterschiedlich ab. Bei Prada hatten wir innerhalb von 24 Stunden einen Termin – und zehn Stunden nach unserem Termin die Rückmeldung. Da hätte ich eher gedacht, dass sich das hinzieht. Aber generell ist es schon so, dass in den großen Konzernen viele Leute sitzen, die den Markt screenen und natürlich auch das Thema Nachhaltigkeit im Auge haben. Da gibt es durchaus das Verständnis, dass solche Konzepte in Zukunft immer relevanter werden. Daher sind alle erstmal wahnsinnig offen und interessiert, sehen das Potenzial. Aber es wird bestimmt noch ein, zwei Jahre dauern, bis wir wirklich alle an Bord haben.

Wie viele Marken waren dabei, als Sie ans Netz gegangen sind?
Keine. Wir waren seinerzeit noch in Gesprächen. Wenn eine Kundin bestellt hat, haben wir die Tasche ganz regulär gekauft.

Die Fobe-Abos

Your Style Box: 89 Euro/Monat. Hier kann man sich seine Box selbst aus dem Sortiment zusammenstellen.
It-Box: 79 Euro/Monat. Zwei Taschen aus dem Sortiment sind frei wählbar, die dritte ist eine Überraschung.
Mostwanted Box: 79 Euro/Monat. Drei beliebte Modelle sind vorgegeben, die Lieblingsfarbe ist wählbar.

Alle Boxen starten zum ersten Kalendertag eines Monats und laufen mindestens sechs Monate, die Auswahl trifft man im Vorhinein. Die Reihenfolge, in der die Taschen geschickt werden, bleibt eine Überraschung.

Fobe Unlimited: 99 Euro/Monat. Mindestlaufzeit: zwei Monate. Flexibelste Variante: Aus dem gesamten Sortiment ist eine Tasche wählbar, die innerhalb von zwei bis drei Werktagen zugeschickt wird. Tausch in ein neues Modell nach zwei Monaten.
War das nicht ein Problem für die Marken?
Wir waren zu dieser Zeit bereits in Gesprächen, etwa mit Kering, der ersten großen Gruppe, mit der wir verhandelt haben. Dadurch wussten die Marken von uns, und so wollten wir natürlich auch Klagewellen vermeiden. Aber genau so läuft das, die Marken wollen erst einmal etwas sehen. Die wollen Daten, Zahlen, Fakten, da muss man sich komplett offenlegen. Die wollen, dass das Konzept schon einen proof of concept hat. Die eigentliche Hürde für uns aber war das Investment. Unsere Assets sind einfach super teuer, das wussten wir von Anfang an.

Wie haben Sie Ihre Assets finanziert? 
Über Business Angels, die neben der Finanzierung Know-how und Netzwerk stellen. Mein Co-Founder hat Wirtschaftswissenschaften in Wien studiert und ist anschließend in der Start-up-Szene tätig gewesen – er hatte das richtige Netzwerk. Dadurch war es sehr viel leichter, Gehör zu finden. Aktuell sind wir dabei, eine größere Runde aufzustellen. Wir haben Investoren wie Michael Cassau – er fährt bei Grover ein ähnliches Konzept wie Fobe, nur mit Technik.

Sie sind im März 2020 ans Netz gegangen, also mitten im Pandemie-Chaos. Hat Sie das nicht total ausgebremst?
Für uns gab es es im Grunde keinen Vergleich, Corona war eben unsere Realität. Und erstaunlicherweise hatten wir kein Problem, Kunden zu kriegen. Natürlich – bis das Marketing anläuft, man wahrgenommen wird und die Kunden auch verstanden haben, dass das eine seriöse Website ist, braucht es Zeit. Allerdings waren wir dann eher überrascht, wie schnell sich unser Konzept rumgesprochen hat. Im Nachhinein war Corona für uns nicht so wahnsinnig verkehrt – auch wenn wir es alle nicht mochten –, weil wir sonst noch viel schneller gewachsen wären. Das hätte uns durchaus das Genick kosten können. Wir hatten dadurch genügend Zeit, im Hintergrund aufzubauen, so dass wir es jetzt auch gemanagt kriegen, wenn nach einem Post mal 100 Bestellungen kommen.

Taschen für Männer sind für das Berliner Start-up <DI>durchaus ein Zukunftsfeld. Daher auch "Fobe" – ein Name, der nicht zu feminin klingt.
Fobe
Taschen für Männer sind für das Berliner Start-up durchaus ein Zukunftsfeld. Daher auch "Fobe" – ein Name, der nicht zu feminin klingt.
Was unterscheidet Fobe sortimentsseitig von einem Webshop?
Wir kuratieren unsere Auswahl sehr sauber. Sie werden bei uns nie die Masse an Modellen finden, wir gehen da sehr trendfokussiert vor. Daher werden immer wieder ein paar Modelle hinzukommen. Andere, die nicht mehr so wahnsinnig up-to-date sind, werden wir wieder rausnehmen. Die Kunden sollen das Gefühl haben, dass alles, was sie bei uns sehen, wirklich ziemlich aktuell und in irgendeiner Form eine It-Bag ist.

Welche Marke ist im Moment besonders heiß?
Aktuell hat Balenciaga totalen Aufwind.

Ein spezielles Modell?
Balenciaga bringt sich generell stark in Position im Moment. Im Sommer war schon die Hourglass sehr gefragt. Jetzt ist zu hören, dass die Le Cagole total kommen soll, eine Mini-Version der typischen Balenciaga-Tasche mit den Hütchen, die es immer schon gab. Das hätte ich nicht gedacht, weil sie für mich fast Retro-Charme hat. Aber angeblich sitzen da gerade viele Promis auf Wartelisten, die Tasche wird wohl der Renner.

Wie lässt sich so etwas überhaupt antizipieren?
Balenciaga hatte ich persönlich vor einem Jahr schon auf dem Schirm. Ich glaube, man wächst da rein. Bei mir ist das eine absolute Leidenschaft, aber auch viele Jahre Arbeit gewesen. Mit der Zeit entwickelt man dafür eine Intuition – und man kommt davon auch nicht mehr los. Ich gehe sozusagen mit einem Scanner-Blick durchs Leben, aber völlig unbewusst. Darüber hinaus informiere ich mich, und auch die Marken informieren mich. Es ist nicht immer Zufall, welche Tasche die nächste It-Bag wird. Da fließt viel Marketing-Budget rein, das kriegt man durchaus mit.

Spielen dabei auch Kundenwünsche eine Rolle?
In jedem Fall versuchen wir, unser Portfolio an Kundenwünsche anzupassen. Wenn Kunden uns immer wieder nach einer bestimmten Tasche fragen, setze ich mich damit auseinander. Schaue, ob sie zu uns passt, ob sie noch stärker kommen wird und ob sie auch fünf, sechs Kunden hintereinander überlebt.

Gerade lief die News über die Ticker, dass Daniel Lee Bottega Veneta verlässt, Matthieu Blazy an seine Stelle rückt. Welche Auswirkungen wird das Ihres Erachtens auf die Begehrlichkeit der Taschen haben?
Puh, das ist schwer vorherzusagen. Pünktlich zu den News wurden die Preise von Bottega jedenfalls erst einmal ordentlich erhöht. Ich war über die Nachricht wirklich überrascht, da Daniel Lee hauptverantwortlich für den Aufschwung der Marke in den letzten Jahren ist und ich nicht das Gefühl habe, dass sie schon am Peak angekommen ist. Mit dem neuen Designer werden die Karten wieder neu gemischt. Aber Taschen wie die Jodie oder Padded Cassette werden beliebte It-Bags bleiben, die Bottega mit Sicherheit auch unter der Federführung des neuen Designers weiterhin anbieten und in neuen Farben herausbringen wird.

Mit Marken wie Prada würde Fobe die Zusammenarbeit gerne intensivieren. Zukunftsvision sind recycelte Modelle, die in Kollaboration entstehen.
Fobe
Mit Marken wie Prada würde Fobe die Zusammenarbeit gerne intensivieren. Zukunftsvision sind recycelte Modelle, die in Kollaboration entstehen.
Lassen Sie uns noch einen Moment beim Thema Marke bleiben. Aktuell gehören zum Portfolio von Fobe rund ein Dutzend Namen. Wo zieht man die Grenze, geht es nur um Luxusmarken?
Never say never, im Moment aber fokussieren wir uns auf dieses eine Segment, wollen uns dort erstmal richtig etablieren. Alles andere wird sich zeigen. Generell bin ich auch Marken wie Jacquemus nicht abgeneigt. Nichtsdestotrotz ist es zunächst unsere Philosophie, Taschen im Luxussegment anzubieten, von denen man sagen würde, dass sich das Investment nicht so wirklich lohnt.

Sind denn 3200 Euro für eine Padded Chain Cassette kein Investment?
Kunden fragen uns zum Beispiel ganz oft nach Marken wie Chanel oder Louis Vuitton. Aber ich sehe dort eben einen ganz klaren Unterschied zu dem, was wir im Portfolio haben. Marken wie Chanel und Louis Vuitton arbeiten noch immer mit Verknappung. Das sind Taschen, die man mal seinen Kindern vererben kann. Das ist wirklich eine Wertanlage. Das andere ist zu nah an Fast Fashion dran. Dennoch schließe ich nicht aus, dass wir irgendwann mal eine kleine Secondhand-Kollektion von Chanel oder Louis Vuitton haben werden. Im Moment liegt unser Fokus stark auf den Marken, die zwar in einem sehr hohen Segment spielen, bei denen die Taschen sozusagen aber trotzdem noch Trendteile sind.

Gibt es deshalb auch so viele Modelle in knalligen Farben?
Ja, genau. Den Klassiker in Schwarz, den man jeden Tag tragen kann, kauft man sich vermutlich am ehesten. Die Tasche in Grün mit einer schweren Kette jedoch, die man vielleicht fünf Mal trägt, bevor sie im Schrank liegt, die leiht man sich doch besser. Mir selbst geht es da nicht anders – das höchste der Gefühle war mal eine Box von Celine in Dunkelgrün. Eine Bottega Veneta Padded Cassette Chain in Kiwi allerdings würde ich mir vermutlich eher nicht kaufen, obwohl ich sie super klasse finde. Deswegen bin ich auch so ein Fan von unserem Modell, zumal ich denke, dass der Besitz von diesen Dingen auch immer zweitrangiger werden wird.

Die Tasche ist kein Statussymbol mehr?
Vielleicht geht es eher darum, dass man diesen einen Look mal tragen kann. Aber nicht wirklich darum, dass da jetzt Prada oder whatever auf der Tasche steht. Der Status ist also eher die Flexibilität, die Freiheit, dass man die Looks kombinieren kann, wie man möchte.

Wie viele Kunden sharen Taschen denn schon über Fobe?
Mittlerweile sehr viele. Mehr darf ich dazu nicht sagen. Vielleicht noch soviel: Im letzten Quartal sind wir dreistellig gewachsen.

Wie managt man das denn überhaupt – die Verfügbarkeit? Sie werden ja nicht von jeder Tasche eine unbegrenzte Stückzahl haben. Was, wenn plötzlich viele Kunden dieselbe Tasche wollen?
Ja, das ist wirklich ein Thema. Aber auch deshalb bieten wir Boxen an. Das ist einmal für die Kunden cool – sie suchen sich drei Taschen aus, tauschen alle zwei Monate, ohne allerdings die Reihenfolge zu kennen, und brauchen sich eigentlich um nicht mehr viel kümmern. Den Austausch organisieren wir, die Kunden bekommen einen QR-Code für DHL. Für uns wiederum sind die Boxen super praktisch, weil wir logistisch so die Taschen verteilen und immer wieder switchen können. Das funktioniert total gut.

Aber es gibt doch auch die Unlimited-Variante…
Da ist es in der Tat so, dass wir die Auswahl auf unserer Website jeden Tag in Abhängigkeit unseres Lagerbestands anpassen. Daran arbeiten wir auch noch weiter, wollen noch transparenter werden, so dass die Kunden irgendwann einsehen können, wann Taschen zurückkommen. Das ist aber der Grund, warum man im Unlimited- Abo nicht auf alles Zugriff hat, weil nicht alles immer verfügbar ist und weil wir einfach kein Online-Shop sind. Das Gros unserer Kunden hat allerdings unsere Boxen, die einen Tick günstiger sind, weil man eben nicht die totale Flexibilität hat.

Abo und Boxen variieren im Preis zwischen 79 und 99 Euro – obwohl es bei den Taschen ja große Preisunterschiede gibt…
Das war uns tatsächlich sehr wichtig, dass wir keinen Preisunterschied machen. Das heißt, man zahlt 99 Euro – ob man sich nun eine Bottega Padded Cassette Chain für einen Verkaufspreis von 3200 Euro aussucht oder eine Prada Nylontasche für 1200 Euro. Bisher gab es jedoch keinen Kunden, der nur die über 3000 Euro-Taschen ausgewählt hat. Und selbst wenn es so ist – dann ist es halt so.

Bei der It-Box kann der Kunde zwei Taschen frei wählen, die dritte ist eine Überraschung. Wie treffen Sie seinen Geschmack?
Wir gucken uns die Auswahl an – daran kann man sehr viel ablesen.

Angenommen, ein Kunde sucht sich eine Bottega aus und eine Saint Laurent – was würde dazu passen?
Ich schaue auch auf die Farben, wie mutig der Kunde aussucht. Die Padded Cassette wäre eher noch eine klassische Bottega-Tasche, keine mit schwerer Kette. Und hätte der Kunde vielleicht auch Saint Laurent in einer dezenten Farbe ausgesucht, dann passt meistens Dior noch ganz gut. Oder noch ein anderes Modell von Bottega Veneta, zum Beispiel die Small Jodie in Beige. Wenn sich aber jemand eine pinkfarbene Prada Raffia aussucht und noch eine Mini Jodie in Giftgrün, dann würde ich demjenigen vielleicht noch eine Balenciaga-Tasche schicken, weil das der Kunde wäre, der sehr informiert, trendorientiert, mutig ist.

Was können Sie sonst über Ihre Kunden verraten? 
Wir kriegen peu à peu immer mehr Anfragen aus dem Ausland. 20% unserer Kunden kommen bereits aus Österreich, wobei wir uns aktuell sehr auf Deutschland konzentrieren, gerade was unser Influencer- und Instagram-Marketing betrifft, worüber wir einiges steuern können. Wir müssen erstmal mit unseren Strukturen hinterherkommen. Wir sind sehr schnell gewachsen – immer eine große Herausforderung für junge Unternehmen.

Nutzen auch Männer Ihr Angebot?
Fast 99% unserer Kunden sind Frauen, aber wir haben auch Anfragen von Männern. Nur weiß ich nicht, ob sie die Taschen selber tragen oder es ein Abo für die Freundin ist. Hier und da haben wir auch schon mal die Anfrage nach Männertaschen. Wir konzentrieren uns im Moment auf Damentaschen, die aber natürlich auch Männer gerne tragen dürfen. Wie die Crossbody-Bags aus Nylon von Prada, die sind unisex. Männertaschen sind durchaus ein Thema für die Zukunft. Daher auch unser Name.

Der nimmt worauf Bezug?
Wir haben uns etwas überlegt, was nicht so wahnsinnig feminin klingt. Es sollte kurz, prägnant und zeitgemäß sein. Ich hätte die Seite  am liebsten Phoebe genannt, weil ich ein großer Fan von Phoebe Philo bin, der ehemaligen Designerin von Celine. Allerdings wäre es mit dem Namen schwer gewesen, auch Männer zu kriegen. Und so ist aus Phoebe Fobe geworden.

Um mal die Idee einer Größenordnung zu bekommen, wie viele Taschen sind von Fobe denn aktuell so im Umlauf?
Genaue Zahlen darf ich nicht nennen, weil es einfach auch ein Sicherheitsrisiko ist. Deswegen machen wir auch keine Angaben zum Standort unseres Lagers.

Und wenn Sie einfach mal ein einzelnes Modell rauspicken?
Ok, nehmen wir die schwarze Dior Saddle Bag. Das Modell ist nach wie vor wahnsinnig beliebt, hat sich meines Erachtens fast schon als Klassiker etabliert. Wir haben sie in fünf Farben, und alleine von der schwarzen haben wir 40 Stück. Wir wollen da auch einfach sichergehen, dass Kunden darauf nicht lange warten müssen. Ich bin selbst manchmal verwundert, wie wenig Modelle zum Teil in stationären Läden vorhanden sind, ob ich nun in einen Celine-Store in Hamburg oder Berlin gehe oder ins Alsterhaus oder KaDeWe. Aber bei uns erwarten die Kunden schon, dass ihre Tasche am besten übermorgen da ist. Das ist schon eine Gratwanderung, den Kunden einerseits zu vermitteln, dass das Produkt eigentlich total exklusiv ist, sie andererseits nicht lange warten zu lassen.

Ohnehin sind Taschen eine hochemotionale Sache. Wenn man als Kunde in den zwei Leihmonaten nun eine besonders enge Bindung zu einem Modell entwickelt – bestünde die Möglichkeit, die Tasche zu kaufen?
Aktuell nicht. Unsere Langzeit-Vision ist allerdings, so eng mit Herstellern zusammenzuarbeiten, um auch mal Kollabo-Modelle zu entwickeln, die im Zuge eines Upcycling-Prozesses entstehen. Die Re-edition von Prada wäre zum Beispiel prädestiniert dafür – die Taschen nach einer gewissen Laufzeit an Prada zurückzuschicken und neue Taschen daraus zu machen. Dafür muss bei den Herstellern jedoch noch viel passieren. Aber in diese Richtung wollen wir, weil wir denken, dass es sich dorthin entwickeln muss. Als Zwischen-Step wollen wir die Taschen nach einer gewissen Mindestzirkulation auf Secondhand-Plattformen anbieten.

Warum nicht auf der eigenen Website?
Wir wollen ja eine Alternative zu normalem Konsum bieten, das wäre inkonsistent und auch eine zu große Konkurrenz zu den Händlern. Wir sind aktuell mit einigen großen Kaufhäusern im Gespräch, die unseren Service zusätzlich anbieten wollen, als Alternative für die Kunden.

Können Sie dazu schon mehr sagen?
Leider noch nicht. Ich finde es aber toll, dass diese Häuser auf uns zugekommen sind. Ich hätte eher gedacht, als Konkurrenz wahrgenommen zu werden – und nicht als weitere Option für den Kunden. Für den Anfang lässt sich unsere Geschichte sicherlich über Pop-ups gut erzählen. Irgendwann kann der Kunde dann vielleicht einfach an der Kasse sagen, ob er die Tasche kaufen oder lieber im Abo möchte.

Fobe im Herbst 2021: Blick ins Sortiment

Wie lange muss eine Tasche denn im Umlauf gewesen sein, damit sie reif für Secondhand ist?
Wir rechnen mit ein, zwei Jahren, je nach Modell. Wir nennen das intern Portfolio-Strategie. Ich gebe mal ein Beispiel: Im Sommer gab es einen riesigen Offwhite-Trend – vor dem Aspekt der Langlebigkeit nicht das Nonplusultra. Aber natürlich haben auch wir weiße Taschen gekauft, um up-to-date zu sein. Eine weiße Tasche wird vielleicht ein Jahr zirkulieren, danach wird es schwierig. Denn wir wollen natürlich, dass sich Kunden freuen, wenn ihre Taschen ankommen. Wir reinigen die Taschen, lassen sie instand setzen, neu einfärben – ich habe da einen super hohen Anspruch. Ein Jahr ist ein guter Zeitpunkt. Doch es gibt durchaus Modelle, die zwei Jahre halten, etwa wenn die Tasche eine strukturierte Oberfläche oder dunkle Farbe hat. Dann sind wir schon daran interessiert, den maximalen Nutzen aus den Produkten rauszuholen.

Aussortierte Taschen verkaufen Sie dann auf Secondhand-Plattformen wie Vestiaire Collective?
Aktuell sind wir im Gespräch mit Farfetch – vielleicht werden es auch mehrere Plattformen. Die Brands haben natürlich großes Interesse daran, dass die Sachen auf Plattformen wie Vestiaire Collective oder Farfetch landen. Darauf müssen wir natürlich ein Auge haben – dass es auf das Image der Brands keinen negativen Input hat.

Das ist ja ohnehin ein Aspekt, der immer wieder heiß diskutiert wird. Ob sich Luxus, Exklusivität und Begehrlichkeit mit E-Com überhaupt vertragen. Das war in Ihren Gesprächen mit den Marken doch bestimmt ein Thema, oder?
Ich glaube, dass die Marken den Kampf mit diesen Gedanken schon geführt haben – zumindest mit Blick auf Online-Shops. Und ich glaube, dass dieser Kampf uns geholfen hat. Zu sehen, dass es Sachen gibt, vor denen man sich nicht verschließen kann. Dass sich die Welt verändert – und das nicht unbedingt etwas Schlechtes sein muss. Solange man da aktiv mitmacht, hat die Marke es doch selbst in der Hand, das auszugestalten. Ich als Fan dieser Marken würde immer darauf achten, dass sie so präsentiert sind, wie sie sich das selbst wünschen. Und ich glaube, solange man das im Marketing umsetzt und da auch etwas vorsichtig ist und ähnlich agiert, wie die Marken selbst, kann man diesen Grad an Luxus noch gewährleisten. Ohnehin sind die Marken durch ihre eigenen Online-Shops ja längst sichtbarer und zugänglicher geworden.

Andererseits gibt es Marken wie Bottega Veneta, die sich komplett aus dem Social Media-Kosmos zurückziehen.
Trotzdem sind sie noch mit ihrem Online-Shop online, das ist eben Marketing-Strategie. Wir sehen ja auch, dass zum Beispiel Gucci sagt, sich nicht mehr an Saisons halten zu wollen, die Geschwindigkeit sozusagen selbst vorgeben und sich wieder mehr auf Klassiker und langlebige Teile fokussieren zu wollen. Am Ende entscheidet jedoch der Konsument, der sich ja auch ziemlich stark verändert hat. Der nicht mehr komplett Valentino trägt, obwohl er das Budget hätte. Aber er geht eben auch zu Zara. Vor allem ist er die Schnelligkeit und die Abwechslung von Zara gewöhnt. Ob man diesen Kunden das wieder wegnehmen kann oder ob es dann nicht schlauer ist, neue Konzepte anzubieten, die diesen Bedarf an Abwechslung auf eine nachhaltigere Art und Weise stillen, das ist doch die Frage.

Verraten Sie uns abschließend Ihre persönliche Lieblingstasche?
Ich bin sehr pragmatisch, insbesondere wenn ich unterwegs bin. Daher trage ich tagsüber am häufigsten die Small Jodie von Bottega Veneta. Sie hat die ideale Größe, um etwas mitzunehmen, auch mal eine Wasserflasche. Wenn ich abends ausgehe, nehme ich im Moment gerne die Balenciaga Hourglass – da bin ich den aktuellen Trends dann durchaus unterworfen.
stats