Jet-Set Kreativ-Kopf Michael Michalsky im Interview

„Wir sind ein Statement”

Tim Dörpmund
Michael Michalsky, Jet Set Präsentation auf der Menswear-Messe Pitti Uomo in Florenz.
Michael Michalsky, Jet Set Präsentation auf der Menswear-Messe Pitti Uomo in Florenz.

Im November 2018 hat er das kreative Ruder bei Jet Set übernommen: Michael Michalsky. Die TextilWirtschaft hat ihn in Florenz getroffen und mit ihm über die Kollektion für den nächsten Winter, den Relaunch der Linie Blue System und die neue Footwear- Kollektion gesprochen.

Er hat schon an vielen Fäden gezogen seit er am Ruder der Schweizer Ski- und Sportswear-Marke sitzt. Sämtliche Linien der Unisex Brand aus St. Moritz wurden überarbeitet und die altbekannte Linie Blue System wiederbelebt. Michael Michalsky definiert Jet Set als Luxury Brand. Entsprechend hochpreisig ist die Kollektion positioniert. So kosten Signature Bomberjacken rund 980 Euro und Irregular Patchwork-Jacken etwa 1400 Euro im Verkauf. Die Marke wird von Luxus-Händlern verkauft, daneben betreibt sie auch eigene Stores. Im März soll zusätzlich der eigene Online Shop an den Start gehen.

Textilwirtschaft: Herr Michalsky, wie erklären Sie Jet Set jemandem, der die Historie der Marke nicht kennt?
Michael Michalsky: Jet Set ist als das erste wirklich innovative Luxury Sportswear Label zu verstehen. Es ist fraglich, ob es ohne Jet Set so was wie Luxury Sportswear überhaupt gäbe. In der ersten Hochphase von Jet Set gab es schließlich nur ganz vereinzelt Designer-Brands, die sich einer Sportswear, wie wir sie heute kennen, gewidmet haben. Wir können also behaupten, dieses Segment mitbegründet zu haben. Jet Set wurde 1969 gegründet und hat damals den Look des Skisports revolutioniert. Man hat sich von der Funktionalität der Army Wear inspirieren lassen und sie mit außergewöhnlichen Materialien, starken Farben und Prints kombiniert. Das war etwas völlig Neues und hat Jet Set zur führenden Luxury Sportswear Brand gemacht. Da möchten wir wieder hin.

Wo haben Sie angesetzt?
Wir haben sämtliche Linien komplett überarbeitet. In Florenz haben wir jetzt den Sportswear-Part und Blue System präsentiert. Unsere Performance Ski Kollektion zeigen wir dann in München während der Ispo in einem Showroom. Performance Ski ist im Winter eben auch der stärkere Part unserer Kollektion. Im Sommer wiederum Sportswear und unsere Jeans-Linie Blue System.

Herbst/WInter 2020/2021
Jet Set
Herbst/WInter 2020/2021
Wie ist der Kollektionsrhythmus von Jet Set?
Über die gesamte Wintersaison gibt es Performance Ski, Blue System und Jet Set Allstars, das sind unsere Must-have-Artikel. Dazu gibt es monatliche Drops mit Produkten, die inspiriert sind von einem Thema, das aus dem Archiv stammt. Diese sind zeitlich limitiert verfügbar, können sich in der Zukunft aber auch zu Klassikern entwickeln und dann Teil der Allstars werden.

Luxus-Sportswear erlebt einen Hype. Daneben wird auch wieder über Tailoring und Purismus als möglichen Gegentrend gesprochen, der diese Welle auf Sicht brechen lassen könnte. Ist Sportswear nicht über den Zenit?
Sportswear bleibt. In den 50ern hat man über Jeans ganz ähnlich gesprochen. Da haben die Leute auch gemeint, dass das irgendwann aufhört. Auch bei Sneakers. Als der Siegeszug des Turnschuhs losging, hieß es auch schnell: Die Leute ziehen bald wieder Brown Shoes an. Mir war bereits damals klar, dass das eben nicht passieren würde.

Warum sind Sie sich da so sicher?
Das hat auch damit zu tun, dass es immer weniger Jobs gibt, die eine bestimmte Uniform verlangen, in denen man zum Beispiel einen Anzug tragen muss. Stattdessen wird ja eine gewisse Flexibilität und Sportlichkeit erwartet, die man natürlich auch über Sportswear ausdrücken kann. Natürlich finde ich auch Formalwear schön als Statement und für besondere Anlässe. Wenn ich zu einem festlichen Event gehe, dann ziehe ich auch einen Tuxedo an. Aber den trage ich dann mit Sneakers.

Herbst/Winter Kollektion 2020/2021
Jet Set
Herbst/Winter Kollektion 2020/2021
Wie entwickelt sich das Feld der Luxus-Sportswear, das von einem großen Hype insbesondere im Luxus-Genre geprägt war, von vielen Kooperationen, jetzt weiter? Womit wird die nächste Stufe gezündet nach dem großen Aufbau des Themas in den vergangenen Jahren?
Sehr wichtig wird es sein, gute Geschichten erzählen zu können über die Marke und Produkte, die natürlich auch Relevanz haben müssen. Diese Produkte werden dann erst zu einer Kollektion zusammengestellt, ähnlich vielleicht, wie man eine Kunstausstellung kuratiert. Jedes unserer Produkte hat eine Historie, hat funktionelle Details und ist in interessanten, innovativen Materialien gefertigt. Ich glaube, genau das werden die Leute in Zukunft haben wollen.

Viele Brands gehen auch Kooperationen ein, um neuen Content zu schaffen.
Kooperationen sehe ich für Jet Set in diesem Moment nicht. Auch weil ich finde, dass es da aktuell eine Inflation gibt. Ich habe das damals mit Yohji Yamamoto für Adidas ja als einer der ersten gemacht und ich glaube, dass die Leute so etwas eher schätzen bei Brands, die das schon immer gemacht haben – und eben nicht erst jetzt versuchen, das zu imitieren und krampfhaft auf die Straße zu bringen.

Moncler hat mit Genius das Kooperations-Prinzip zum System ernannt und findet aktuell viele Nachahmer.
Das sind Mechanismen, die mich wenig interessieren. Wir sind Jet Set – und sind anders als alle anderen. Wir sind bold, innovative, inspiring und haben einen ganz bestimmten Look, der sich nicht an dem orientiert, was andere machen.

Design-Inspiration kommt bei Ihnen unter anderem auch über die Archiv-Pieces.
Ich glaube, dass man sich als guter Designer immer auf die Historie und DNA einer Marke beziehen muss. Das habe ich bei Adidas gemacht, bei MCM, und das mache ich auch bei Jet Set. Man muss den Kern herausarbeiten, er bleibt das Alleinstellungsmerkmal einer Marke und sorgt für eine aktuelle Relevanz.

Wie bekommt man etwas aus der Vergangenheit in die Gegenwart oder auch für die Zukunft übersetzt?
Mein Ziel ist definitiv, dass Jet Set keine Retro Brand wird. Wenn wir uns dazu entscheiden eine Jacke aus unserem Archiv neu aufzulegen, dann deshalb, weil sie damals schon so außergewöhnlich und innovativ war, dass sie auch heute noch eine Berechtigung hat. Gleichzeitig ist es den Neuauflagen nur schwer anzusehen, dass sie aus der Vergangenheit stammen, schließlich waren sie damals ihrer Zeit weit voraus. Natürlich muss jedes Produkt der heutigen Zeit angepasst werden. Das geschieht beispielsweise über moderne Stoffe. Außerdem sind wir seit fast zwei Jahren Fur Free und verzichten bewusst auf Gänsedaune. Stattdessen verwenden wir Primaloft. Das erzeugt nicht nur einen schöneren Look bei Pufferjacken, sondern passt in unsere Zeit: Das Padding besteht zu 100% aus recycelten PET-Flaschen. Bei unseren Performance-Produkten arbeiten wir mit Ware von Schoeller aus der Schweiz oder von italienischen Webern, die generell aus einem hohen Anteil an Recycling-Fasern bestehen.

Apropos Sustainability: Wie gehen Sie mit diesem Thema um?
Das ist vor allem eine Frage der persönlichen Einstellung. Jeder, der in der Modeindustrie tätig ist, hat die Möglichkeit im Rahmen seiner Fähigkeiten bestimmte Sachen zu initiieren und zu verbessern. Was schon im Privatleben anfängt, sollte darauf wirken, wie man seine Firma führt und lenkt. Ich bin schon lange der Meinung, dass man weniger kaufen sollte und dafür hochwertiger, langlebiger. Und es sollte einem wichtig sein, zu wissen, woher die Produkte kommen. Für mich ist das aber kein Trendthema. Nicht nur als Designer, sondern als Bewohner dieses Planeten berührt und beschäftigt es mich seit vielen Jahren.

Wer ist eigentlich der Kunde, auf den Sie zielen?
Als ich den Job angenommen habe, haben sich viele Freunde und Bekannte, aber auch Fremde bei mir gemeldet und davon berichtet, was sie alles Positives mit der Brand verbinden, was sie noch im Schrank haben und so verehren, dass sie sich davon nie getrennt haben. Das ist einmalig. Deshalb können wir Leute wie mich nennen, die schon ein bestimmtes Alter haben und Jet Set kennen, in ihrem Lifestyle aber nicht "alt geworden" sind. Aber eben auch Millennials, für die Jet Set eine neue Marke ist, gleichzeitig aber eine Historie hat, starke Produkte und eine starke Story.

Herbst/Winter Kollektion 2020/2021
Jet Set
Herbst/Winter Kollektion 2020/2021
Was ist denn die wichtigste Story zum Herbst 2020 von Jet Set?
Wir sind wieder da, wo wir mal waren. Look und DNA treten so hervor, wie es sinnvoll und zeitgemäß ist. Zwar haben wir bestimmte Klassiker aus unserer Geschichte im Programm: Overalls etwa, Kagools und Parachute Pants. Dennoch blicken wir in die Zukunft und arbeiten ständig an neuen Styles in wegweisender Qualität. Dabei sind wir aber bewusst eine Marke, die für das steht, was sie ist – die sich nicht versteckt, unapologetic ist, aber immer sehr inklusiv und open-minded. Wir sind ein Statement.

Mit Mut zum Polarisieren?
Polarisieren klingt für mich zu negativ. Das klingt für mich danach, dass man etwas anzieht, um Leute zu nerven. Wer sich für Jet Set entscheidet, polarisiert nicht. Diese Entscheidung sagt aus, dass man individuell ist, einen guten Geschmack hat und ein Spitzenprodukt haben möchte, das langlebig ist und eine Top-Funktion hat, ob zum Skifahren oder zum Leben in der Großstadt.

Welche Rolle spielen Accessoires und Schuhe?
Diese Saison lancieren wir unsere Footwear Collection. Es gibt drei Modelle in vielen Material- und Farbkombinationen: den Runner, den Worker und ein Modell namens Army. Um im Handel einen Jet Set Komplett-Look zeigen zu können, war uns das wichtig. Wir haben allerdings auch viele Anfragen von reinen Schuh- und Sneaker-Retailern bekommen.
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