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TW-Interview mit Barbour-Chefin Helen Barbour

Jacken zu verkaufen, ist wie Technologie zu verkaufen"

Barbour
Helen Barbour führt das Kultlabel Barbour in fünfter Generation.
Helen Barbour führt das Kultlabel Barbour in fünfter Generation.

Das britische Label Barbour ist eine feste Größe im Outerwear-Geschäft. Immer wieder werden die Wachs- und Steppjacken von neuen Zielgruppen wiederentdeckt. Jetzt feiert die Marke 125-jähriges Bestehen. Ururenkelin der Gründer, Helen Barbour, spricht im TW-Interview über Mut bei Farben, die Jacken-Bedürfnisse von Hollywood-Regisseuren und die Zukunft des stationären Handels.

Sie trägt einen großen Namen. Helen Barbours Ururgroßvater gründete vor 125 Jahren den gleichnamigen Jackenhersteller Barbour in South Shields. Die Britin führt das Unternehmen in fünfter Generation – immer noch von dem Küstenort im Nordosten Großbritanniens aus.


Inzwischen ist Barbour ein globales Unternehmen. Der Umsatz belief sich im Geschäftsjahr 2017/18, das im April endete, auf etwas mehr als 202 Mio. Pfund (230 Mio. Euro). Das Label hat 26 Läden weltweit, sechs alleine in Deutschland. Zudem liegt es bei rund 150 deutschen Händlern. Für das Jubiläumsjahr 2019 hat Helen Barbour einiges geplant. Inklusive Regisseur Ridley Scott.

TextilWirtschaft: Die Barbour-Jacke ist ein ikonisches Kleidungsstück. Wie halten Sie sie modern?
Helen Barbour: Die Barbour-Jacke war ursprünglich für einen anderen Zweck als heute gedacht. Sie war schwer, wächsern und roch intensiv. Das lag daran, dass sie eben für Fischer, Seeleute und Hafenarbeiter entworfen war. Sie half ihnen dabei, dem rauen Wetter der Nordsee zu trotzen. Später diente sie den Leuten auf dem Land, die mit Schafen, Kühen und Pferden arbeiteten. Über die Jahrzehnte haben wir die Jacke an das Leben in der Stadt angepasst. Wir haben uns sehr genau den Reißverschlüssen, Knöpfen, Badges und Logos gewidmet. Die Barbour-Jacke ist sich treu geblieben. Und ist doch modisch geworden.

125 Jahre Geschichte: "Die Barbour-Jacke ist modisch geworden."
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125 Jahre Geschichte: "Die Barbour-Jacke ist modisch geworden."

Folgt die Barbour-Jacke Trends?
Wir haben uns noch nie wirklich nach Trends gerichtet. Eine Barbour-Jacke ist wie ein Paar Jeans, sie ist zeitlos. Wir lesen keine Trend-Vorhersagen und keine Trend-Bibeln. Wenn aktuell Hot Pink mit violetten Punkten angesagt sein sollte, dann würden wir keine Jacken in Hot Pink mit violetten Punkten verkaufen. Allerdings sind wir bei den Farben mit der Zeit mutiger geworden. In unserer Kollektion findet der Kunde nicht nur unser traditionelles Olivgrün, sondern auch Rot und Orange. Übrigens: Orange ist meine Lieblingsfarbe.


Collabs sind in der Mode in aller Munde. Auch ein Thema für Barbour?
Wir haben schon mit Designern und Retailern zusammengearbeitet, beispielsweise mit Liberty und Margaret Howell, mit Wood Wood, Denham und mit Tokihito Yoshida. Bald warten wir mit einer weiteren Collab auf. Das entscheidende Kriterium lautet: Wir arbeiten nur mit Qualitätsmarken und Qualitätshändlern zusammen. Eine Collab muss den Unterschied machen.


Hollywood-Regisseur Ridley Scott, bekannt für Filme wie Bladerunner, hat eine Jacke für Barbour entworfen. Wie kam es dazu?
Ridley Scott stammt aus unserem Heimatort South Shields. Er spricht immer noch mit dem Zungenschlag unserer Gegend. Er liebt die Marke Barbour. Als wir ihn kontaktierten, sagte er zu. Er wollte schon immer die ultimative Regisseur-Jacke haben. Diejenigen, die er bislang trug, hatten nie genügend Taschen. Also hat er eine Barbour-Jacke entworfen, die ganz viele Taschen hat. Eine große, in die das Drehbuch hineinpasst, und ein paar kleinere für das Funkgerät, das Handy und anderes.

Director's Cut: Ridley Scott hat eine Barbour-Jacke entworfen.
Barbour
Director's Cut: Ridley Scott hat eine Barbour-Jacke entworfen.

Ridley Scottt scheint Funktion und Perfomance zu schätzen. Wie viele Kunden heutzutage.
Die Barbour-Jacke dient seit jeher einem Zweck. Wir haben uns vorgenommen, diesen Aspekt in der Zukunft noch stärker zu betonen. Unsere Jacken sollen praktisch und funktional sein. Ein konkretes Beispiel: Ich habe einen Hund. Wir haben eine Fokusgruppe aufgesetzt, die sich mit den Bedürfnissen von Hundebesitzern auseinandersetzt. Basierend auf den Ergebnissen haben wir eine Jacke entwickelt. Sie hat Taschen, in denen die Hundepfeife und anderes Zubehör Platz finden.


In der Mode verschwimmen die Geschlechtergrenzen. Was halten Sie von Unisex?
Die ursprüngliche Barbour-Jacke war nicht körperbetont. Erst in den 80er-Jahren begannen wir damit, über die Damen nachzudenken. Wir lancierten dann Jacken, die femininer waren. Auch wenn es heute durchaus üblich ist, dass Frauen Männerkleidung tragen, so halte ich eine gewisse Abgrenzung zwischen den Kollektionen für notwendig. Denn es gibt immer noch DOB- und HAKA-Einkäufer, die von uns zwei klar voneinander unterscheidbare Angebote erwarten.


Barbour bietet inzwischen mehr als Jacken an. Was verkaufen Sie gut momentan?
Derzeit entwickelt sich die Kategorie Schuhe besonders dynamisch. Wir schlagen uns darüber hinaus gut mit Strick, Hemden und mit Damenkleidern. Das hilft uns in der Frühjahrsaison, in der Jacken weniger wichtig sind. Nichtsdestotrotz bleibt die Jacke der Kern. Alles andere im Sortiment ist so entworfen, dass es zur Jacke passt.


Barbour ist in Deutschland durchaus sehr präsent. Was kauft der Kunde derzeit?
Deutschland ist weltweit der drittgrößte Markt für uns. Am besten laufen derzeit Jacken aus Funktionstoffen, die wasserfest und atmungsaktiv sind, Wachsjacken, Strick, Hemden und Accessoires.
Fünfte Generation: Helen Barbour führt das Familienunternehmen.
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Fünfte Generation: Helen Barbour führt das Familienunternehmen.



Die Kunden kaufen mehr und mehr im Netz ein. Welche Zukunft prophezeien Sie dem stationären Retail?
Heutzutage findet sich alles auf Amazon und Google. In Zeiten, in denen der Kunde mit einem Klick alles bekommt, was er sich wünscht, stellt sich schon die Frage, wie traditionelle Geschäfte mithalten können. Das ist schon sehr besorgniserregend. Die High-Street muss mit Experience punkten. Das Verkaufspersonal muss die Produkte im Detail kennen. Wenn ein Kunde fragt, welche Jacke sich für eine bestimmte Aktivität eignet, muss der Verkäufer in der Lage sein, ihm einen guten Ratschlag zu erteilen. Barbour-Jacken zu verkaufen, ist wie Technologie zu verkaufen, Know-how ist gefragt. Eher skeptisch beurteile ich die Idee, Läden in Event-Räume zu verwandeln. Das überzeugt mich nicht. Den Laden gibt es aus einem Grund: Er soll dabei helfen, Artikel zu verkaufen.


Sprechen wir ganz kurz noch über Politik.
Werden Sie jetzt das B-Wort in den Mund nehmen? Der Brexit bereitet uns wie allen anderen Sorgen. Wir wissen nicht, was geschehen wird und wie die Menschen darauf reagieren werden. Wir drücken alle unsere Daumen. Vorbereitet sind wir jedenfalls. Wir haben Pläne für verschiedene Szenarien entwickelt. Plan A, Plan B, Plan C.

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