TW-Interview mit Lawrence Steele

"Wir müssen heute alle kommunizieren"

Courtesy Aspesi
Outsider und Aspesi-Insider: Lawrence Steele
Outsider und Aspesi-Insider: Lawrence Steele

Die Marke Aspesi ließ früher nur ihre Produkte sprechen. Jetzt ist mit Lawrence Steele der erste Kreativdirektor ernannt worden. Der Amerikaner, der Jahre lang an der Seite von Alberto Aspesi gearbeitet hat, konzipiert Aspesi als universelles Mode-Alphabet, mit dem jeder seine Persönlichkeit ausdrücken kann.

Was Aspesi ausmacht, lässt sich gar nicht einfach in Worte fassen. Auf die Frage, wie er jemandem, der den Namen Aspesi zum ersten Mal hört, die Quintessenz der Mailänder näherbringen würde, muss der neue Kreativdirektor Lawrence Steele nicht lange über eine Antwort grübeln. Er würde der Person keinen Text, sondern zwei Bilder zusenden, sagt er. „Geht am schnellsten.“


Das eine zeige den Kugelschreiber Bic. „Das Design des Stifts ist zurückhaltend. Es ist der Funktion untergeordnet. Der Kugelschreiber ist praktisch und zugleich modern. Genau das wollen wir mit Aspesi auch sein“, sagt Steele. Auf dem zweiten Bild sei das Modell Nummer 13 von Aspesi zu sehen. Ein wattiertes Overshirt. „Es ist elegant, weich, atmungsaktiv. Einfach und doch ausgeklügelt.“

Es ist eine gute Übung für Steele. Denn die Hauptaufgabe des Amerikaners, der mit der Frühjahrskollektion 2022 sein Debüt feiert, besteht daran, Aspesi hinaus aus dem Kokon der Nische zu begleiten, und auch Menschen zu erreichen, die in den entferntesten Winkeln des Planeten wohnen.

„Aspesi ist wie ein italienisches Kulturgut. Die Marke wird in der Heimat geliebt und geachtet. Sie hat treue Fans im Ausland. Aber die meisten von ihnen haben Aspesi in Italien kennengelernt. Ich möchte, dass Aspesi selbst die Welt bereist."

Unisex-Universalsprache: Aspesi im Frühjahr 2022
Aspesi
Unisex-Universalsprache: Aspesi im Frühjahr 2022
Bei Aspesi bricht eine neue Ära an. Steele ist der erste Kreativdirektor der Mailänder Marke, die inzwischen dem Finanzinvestor Armònia SGR gehört. Der Gründer, Alberto Aspesi, ließ die Produkte für sich sprechen. Er folgte keinen Modetrends, sondern schuf zeitlose Ikonen. Substanz statt Budenzauber. Statt Journalisten Interviews zu gewähren, spielte er lieber Karten mit seinen Freunden. Ein Wort war ein Wort zu viel.

„Wir müssen heute alle kommunizieren“, sagt Steele. Er trete nicht an, um Aspesi neu zu erfinden, sondern die Marke weiterzuentwickeln. „Ich führe das Erbe weiter.“ Seine Aufgabe entspreche der eines Automobildesigners. „Ein neuer Porsche-Sportwagen entspricht immer noch dem vor Jahrzehnten. Und trotzdem hat er sich enorm weiterentwickelt.“

Ein bisschen Military, ein bisschen Bademantel: der Aspesi-Trenchcoat
Aspesi
Ein bisschen Military, ein bisschen Bademantel: der Aspesi-Trenchcoat
Der Kreativdirektor ist offen für Neues. Egal, ob High-Tech-Materialien oder digitale Fashion-Shows mit Avataren. „Ich fand es faszinierend, wie die Kreativen die Covid-19-Zeit gemeistert haben. Wie sie mit ihren Teams gesprochen haben. Und woraus sie ihre Inspirationen gezogen haben. Mich begeistern diese neuen Ausdrucksformen. Die werden mit dem Ende der Pandemie nicht vergessen.“

Steele konzipiert Aspesi als Universalsprache. Statt mit einem Logo alles vorzugeben, stattet er seine Kunden mit einem Garderobenalphabet aus. Aus diesem Mode-Esperanto bilden sie ihren eigenen Look und erzählen ihre ganz eigene Geschichte. Egal, ob Mädchen oder Junge, ob jung oder alt.

Anlässlich seines Einstiegs hat er die Kinder von Freunden gebeten, sich Teile herauszupicken und nach Belieben zu kombinieren. Der Trenchcoat, den Steele aus seiner Jugend mit dem Militär verbindet, umhüllt auf einmal einen jungen Mann wie ein Bademantel. Das Cord-Sakko, das Assoziationen an den Uni-Dozenten und Galeristen weckt, strahlt auf den Schultern einer jungen Frau auf einmal Rebellion aus. „Mit Kleidung fällst du auf. Du kannst in ihr aber auch verschwinden”, sagt Steele.

Eines seiner Lieblingsbücher heißt „Pattern Recognition“ von William Gibson. Es handelt von einer Werberin, die allergisch auf Logos reagiert. Sie trägt nur Vintage-Klamotten. Am liebsten Levi’s, deren Etikett sie entfernt. Alles, was die Hauptfigur des Romans trägt, ist originell. Nichts ist sofort wiedererkennbar. „Auch ich möchte aus einzelnen Teilen solch einen Effekt erzeugen.“

Für Uni-Dozenten und Rebellen: das Cord-Sakko
Aspesi
Für Uni-Dozenten und Rebellen: das Cord-Sakko
Steeles Mutter taufte ihren Sohn Lawrence Dion, weil sie Peter O’Toole als Lawrence von Arabien und den Popsänger Dion, berühmt für seinen Hit „The Wanderer“, vergötterte. Die Namenswahl erwies sich als prophetisch. Der Designer ist ein Weltenwanderer. Weil sein Vater im US-Militär war, wuchs er in Europa auf und verbrachte Jahre im Hessischen. Später zog es ihn nach Japan und China. Immer wieder führte es ihn nach Mailand zurück. Er stand im Dienste von Moschino, Prada und war zuletzt bei der Luxusmarke Marni, mit deren Kreativdirektor Francesco Risso er liiert ist. „Aspesi ist in der Mode ein Außenseiter“, sagt Steele. „Ich fühle mich auch wie ein Außenseiter.“

Steele kennt alle Geheimnisse von Aspesi. Er war lange Zeit Alberto Aspesis rechte Hand. Zum ersten Mal begegnete er ihm, als er im Atelier von Franco Moschino arbeitete. Moschino entwarf einst für Aspesi. „Ich war da Anfang 20. Alberto Aspesi stürmte ins Atelier. Ein kleiner Mann, der wie ein Tankstellenwart gekleidet war. Er schrie alle zusammen“, sagt Steele. „Statt auf dem Papier zu zeichnen, solltet ihr alle in der Weberei Stoffe anfassen.“


Alberto Aspesi wurde für Steele zu einem zweiten Vater. Er lehrte ihn, die Mode mit neuen Augen zu sehen. „Er brachte mich von der Überzeugung ab, in der Mode gehe es um grandiose Gesten und um rasante Veränderung von Show zu Show. Er vermittelte mir, wie wichtig die Details sind und wie die Mode über Jahrhunderte hinweg sich selbst treu geblieben ist. Er sprach mit mir über das Wasser in Irland und wie es sich auf den Faltenwurf des Leinen auswirkt.“

Der Erste, der ihm zu seiner Ernennung gratulierte, war natürlich Alberto Aspesi. „Er war richtig emotional. Er schrieb mir eine Mitteilung und lud mich in sein Restaurant ein“, sagt Steele. Es wurde ein herzlicher Abend. Aber wie einst bei Franco Moschino übertrieb es Alberto Aspesi auch dieses Mal nicht mit der Lobhudelei. „Er gab mir eine Liste mit, auf der steht, was wir besser machen können. Ich habe also einiges zu tun.“

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