Vision der Odeeh-Macher nach dem Lockdown

"Alles wird gut, irgendwie"

Odeeh
Die Odeeh-Macher: "Kreativität braucht auch Chaos Zeitdruck."
Die Odeeh-Macher: "Kreativität braucht auch Chaos Zeitdruck."

Eklektische Looks, expressive Muster, handwerklicher Anspruch - dafür stehen Jörg Ehrlich und Otto Drögsler mit ihrem Highend-Label Odeeh. Welche Konsequenzen sie aus dem Lockdown ziehen, wie die Corona-Pandemie ihre Arbeit, vielleicht auch ihre Stilistik und die Branche verändert, das beschreiben sie im Gespräch mit der TW.



TextilWirtschaft: Was sind für Sie die wichtigsten Learnings aus dem Lockdown?
Jörg Ehrlich:
Also erstens: Diese Krise ist eine Krise, ist eine Krise, ist eine Krise. Über die Chancen, die jetzt daraus entstehen werden, reden wir später. Und zweitens: Wir alle sind widerstandsfähiger, als wir glauben. Diese Erkenntnis wächst gerade, der erste Schock über Corona ist verdaut. Wir werden lernen, mit mehr Risikofaktoren in unserem Leben klarzukommen. Das ist an sich ja nicht schlecht und eigentlich eine überschaubare Herausforderung.

Welche Konsequenzen hat diese Erkenntnis für Ihre künftige Arbeit? Inwiefern wird sie sich verändern?
Jörg Ehrlich:
 Wir können gerade nur wissend über das sprechen, was wir aktuell erleben. Fakt ist, dass sich unser Arbeiten momentan vollkommen anders anfühlt. Zum einen aus kreativer Sicht: Da sind wir in Warte- Stellung. Wir warten auf Druckabschläge, auf Rückmeldungen aus den Farb-Labors, auf die neuen, bereits besprochenen Stoff-Entwicklungen aus Italien. Denn wir beziehen ja nahezu alles von dort. Wir hoffen, dass Italien Anfang Mai wieder starten kann. Zum andern aus unternehmerischer Sicht: Wir tun alles dafür, dass es weitergeht.
Otto Drögsler: Wir arbeiten an einer neuen Kollektion, ohne exakt zu wissen, wann wir sie erstmalig zeigen werden. Wir haben schlichtweg mehr Zeit für alles, das ist sehr ungewöhnlich, vollkommen neu für uns. Wir sind hin- und hergerissen, ob wir das gut finden oder nicht. Vielleicht ist es eine Mischung aus beidem.
Jörg Ehrlich: Zu viel Entschleunigung ist nicht gut und gerade ist es zu viel davon. Kreation braucht immer auch Zeitdruck, Chaos, Überforderung, zumindest für uns.
Otto Drögsler: Zumal die wirklich signifikanten Aspekte unserer Kollektionen im Dialog entstehen mit unseren Partnern in Italien, unserem Team, in einer lebendigen Auseinandersetzung darüber. Und eben auch immer mit etwas Druck und positivem Stress. Diese komplette Verkettung ist gerade unterbrochen, das kennen wir so nicht.

Was bedeutet das für die Zukunft?
Jörg Ehrlich:
Vielleicht bleibt es ein wenig so, wahrscheinlich geht es schrittweise zurück zum alten „Normal”, wir wissen es nicht. Das Nichtwissen von vielem, das Arbeiten mit vielen Unbekannten, ist eine grundsätzlich neue Erfahrung.
Otto Drögsler: Aber wir spüren gleichzeitig eine große Flexibilität und Verbundenheit mit unserem Team, unseren intern extrem wendigen Strukturen und ein Vertrautsein mit dem, was wir eigentlich wollen. Außerdem auch ein gutes Maß an Gelassenheit, weil wir vieles selbst nicht in der Hand haben.

Welche langfristige Perspektive ergibt sich daraus? Was ist Ihre Vision für 2021?
Jörg Ehrlich:
 Alles wird gut, irgendwie.

Odeeh heute: Expressiv, eklektisch, eigenständig



Wie sieht dann die Branche aus?
Otto Drögsler:
Viele werden fehlen. Es wird einige Neue geben, die den Takt vorgeben: Andere schwimmen mit. Prinzipiell sieht sie also wahrscheinlich gar nicht so viel anders aus, nur mit teilweise neuen Kandidaten und Nebendarstellern.
Jörg Ehrlich: Hinzu kommen Flexibilität, Wendigkeit, Leidenschaft gepaart mit Mut, echte Freundlichkeit und Empathie, die persönliche Energie und das wirklich Eigenständige: All das wird wichtiger.

Was sind Ihre wichtigsten Maßnahmen für den Neustart?
Jörg Ehrlich:
 Eine Besinnung auf die wichtigen Fragen: Wofür wollen wir stehen? Was ist die Essenz von Odeeh? Womit überraschen wir unsere Partner? Was soll bleiben, wie es ist und was sollte sich grundsätzlich ändern? Wo sollten wir raus aus unserer Box? Wie verführen wir, wie umgarnen wir? Wie bleiben wir trotz allem souverän und werden nicht defensiv in unserer Kommunikation? Was will die Odeeh-Frau für den Sommer 2021, wenn Corona noch existent ist, aber doch schon etwas mehr zur Normalität gehört?
Otto Drögsler: Wir dürfen nicht vergessen: Wir erschaffen gerade Produkte, Kollektionen, noch relativ am Anfang einer Krise. Diese wird uns einerseits länger begleiten, andererseits sich mit der Zeit auch normaler anfühlen. Das erfordert gerade jetzt eine andere Form von Phantasie, als nur das gelernte Nachdenken darüber, wie eine neue Saison in einer uns allen vertrauten Zeit wird. In etwa einem Jahr muss das, was wir heute tun, unsere Kundinnen emotional erreichen. Wir alle werden dann nicht mehr in diesem Schock-Zustand sein, soviel ist sicher.

Verändert sich vor diesem Hintergrund Ihre Stilistik?
Jörg Ehrlich:
Das werden wir sehen, wir wissen das offen gesagt noch nicht so genau. Wir sehen die Krise auch nicht unbedingt als Provokation, dass wir stilistisch etwas verändern sollten. Es gibt keine Erfahrungswerte, die wir hier heranziehen könnten. Eins wird sicher nicht passieren: Wir werden nicht in die scheinbar sicheren stilistischen Geschmacks-Felder tappen. Wir fühlen gerade eher das Gegenteil. Mehr Mut, weglassen, es nicht jedem recht machen.
Otto Drögsler: Wir haben Odeeh mitten in der Finanzkrise 2009 gegründet, das macht uns rückblickend widerstandsfähig und bestätigt uns, dass Nische erfolgreich sein kann, wenn man substanziell etwas alternativ zum Mainstream macht.

Vieles verändert sich unter den aktuellen Bedingungen. Vieles steht zur Disposition. Auch der Saison-Rhythmus wird heftig duskutiert. Wie denken Sie über ein verschobenes Saison-Timing?
Jörg Ehrlich
: Wir sollten jetzt nicht eine letztlich medizinische Krise und die entsprechenden Herausforderungen zum Anlass nehmen, hinter alles ein Fragezeichen zu setzen, nur weil es sich scheinbar gerade so anbietet. Corona ist kein Wunschkonzert für alles, was uns gerade nicht mehr passt, aber kann vielleicht Chance bieten für einen Reset oder Korrekturen hier und da. Das, was unter anderem Herr Armani sagt, halten wir für anregend, letztlich aber sehr italienisch gedacht, in Summe übertrieben und falsch, weil nicht zu Ende überlegt. Da schwingt so eine „früher war´s besser”-Nostalgie mit, aber früher ist vorbei. Wir sind heute in vielem weiter als noch vor 20 Jahren. Das Konstrukt Mode ist demokratischer geworden, Vertikalität und Online-Handel sind Realität. Alles in allem ist unser Business nicht mehr so elitär und die alte Reihenfolge „Erst die Designer, dann Premium, dann der breite Markt” − die ist nicht mehr existent.
Otto Drögsler: Heute sind alle gleichzeitig informiert, wir haben enorm informierte, individuell ambitionierte Kunden. Das kann man grundsätzlich beklagen oder damit konstruktiv umgehen. Wir glauben, letzteres macht mehr Sinn. Und die jüngeren Kunden kennen es ja gar nicht anders. Wenn die ersten Sommer-inspirierten Kollektionen sich bereits im Dezember verkaufen lassen, kann man das dann auch anbieten. Muss man schon im Oktober damit anfangen? Vielleicht eher nicht. Muss man das, was im November/Dezember geliefert wird, „Spring” nennen? Muss man sicher nicht. Aber es ist doch gut, dass neue Ware kommt. Könnte es insgesamt weniger Ware sein? Ist weniger mehr? – Ja, das wäre bestimmt gut.
Jörg Ehrlich: Wir müssen dennoch auf die Unvernunft der Kunden bauen, sich trotz allem etwas Neues zu leisten, gerade jetzt umso mehr. Die Unvernunft hält uns lebendig. Mit zu viel Ratio wird das nichts.

Rein rational dürfte es dann vielleicht auch keine großen Schauen mehr geben. Oder wie sehen Sie das? Gibt es zukünftig noch Schauen?
Jörg Ehrlich:
Ganz bestimmt und das ist auch gut so. Aber es wird auch kraftvolle Gegenkonzepte zum tradierten Show-Format geben. Da sind wir uns sicher und das waren wir uns auch schon vor Corona: Die Präsentations-Landschaft ist ohnehin schon dabei, vielfältiger zu werden. 600 Personen bei einer Show plus ein Vielfaches an virtuellen Teilnehmern im Netz. Das ist toll. Vielleicht gibt es zukünftig auch neue Schauenformate, die nicht nur als Marketing-Instrument dienen, sondern wieder stärker als Produkt-spezifische, verkaufs-unterstützende Maßnahme. Könnte sein. Wir glauben ganz sicher: Die wachsende Parallelität unterschiedlichster Ideen und Formate wird uns beherrschen, unterhalten und überraschen.

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