Designer Paul Smith im TW-Interview

„Ich bin ein seltsamer Designer”

Paul Smith
Paul Smith ist für seine individuellen Läden bekannt. Jetzt bekommt auch München einen.
Paul Smith ist für seine individuellen Läden bekannt. Jetzt bekommt auch München einen.

Paul Smith ist eine Ikone der Menswear. Inhaber, Designer, Markenbotschafter in einem. Anlässlich der Eröffnung seines neuen Stores hatten wir ihn damals in Berlin getroffen und mit ihm über die Relevanz von Stoffmessen gesprochen, über Künstliche Intelligenz und darüber, welches Tiermotiv als nächstes durchstartet. Jetzt eröffnet der Designer in München einen weiteren Store. Grund genug, sich noch einmal dieses Gespräch mit ihm zu Gemüte zu führen.

Paul Smith ist ständig unterwegs. Aktuell verstärkt in Deutschland. Smith bereist die großen Städte, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Frankfurt. „Auf der Suche nach spannenden Locations für mögliche neue Stores“, sagt der Designer. Gerade hat er auf der Potsdamer Straße 75 in Berlin den zweiten Laden in Deutschland eröffnet. In noch relativ neuer Lage für Fashion-Handel. Andreas Murkudis und Acne Studios sind schon hier. Ganz neu ist auch der Concept-Store Trippen P100. „Den Standort hier habe ich selbst entdeckt. Spannende Lage, etwas untypisch – ich versuche immer das Konzept von Neighbourhood-Stores zu verwirklichen. Läden, die keine Fremdkörper sind, sondern das Viertel bereichern.“


TextilWirtschaft: Herr Smith, was ist das Besondere an dem Store auf der Potsdamer Straße?
Paul Smith: Dazu gibt es eine lustige Geschichte. Als ich den Laden entdeckt habe, war er noch der Devotionalien-Laden „Ave Maria“. Ich habe gehört, dass die Inhaberin umziehen möchte – es gibt das Geschäft also weiterhin, was mir wichtig ist, weil mich das Thema Gentrifizierung beschäftigt und wir ja niemanden vertreiben wollen. Jedenfalls war es so, dass das Ladenlokal innen komplett mit einem riesigen Landschaftsgemälde bemalt war und mir sofort gefallen hat.


Das sieht man jetzt aber kaum noch.
Genau, in der Nacht vor der Übergabe hat die Vormieterin eine Art Eingebung gehabt, einen Traum wohl, und alles übermalt. Schade eigentlich. Aber wir haben es einfach so gelassen. Meine Läden brauchen immer einen eigenen Charakter, sollen eine Geschichte erzählen, sich in die Nachbarschaft einfügen.


Viele Marken lassen bei Neueröffnungen kaum einen Stein auf dem anderen, investieren verstärkt in Digitaltechnologie, wenn es um neue Stores geht. Das sieht man hier nicht.
Wir haben die Möglichkeit, dass man im Laden alles auch übers Tablet bestellen kann, was wir aufgrund der überschaubaren Größe nicht auf der Fläche haben. Und wir haben noch einen Beamer, über den man Video-Projektionen zeigen kann, zum Beispiel abends, wenn der Store geschlossen ist und Leute hier vorbeikommen. Der Store soll ein bisschen wie ein Theater oder Kino sein. Ansonsten wollen wir es mit der Technik nicht übertreiben.


Wie wichtig ist denn das E-Commerce-Business für Sie?
Sehr wichtig, sozusagen unsere stärkste Filiale, wir haben hier Wachstumsraten von 23%, wenn man Herbst 2016 mit Herbst 2017 vergleicht. Nach der Eröffnung unseres ersten Stores in Deutschland, damals in Hamburg, haben wir hier auch aus Deutschland gute Zuwächse beobachtet. Noch vor Hamburg und München ist Berlin übrigens die wichtigste Stadt in Deutschland für unseren E-Commerce. Scheint also, dass ich hier mit dem Store nicht ganz falsch bin.


Wie entwickeln sich die übrigen Kanäle? Paul Smith ist traditionell auch stark im Wholesale verankert.
Nach einer Konsolidierung, die damit zusammenfiel, dass wir unser Angebot von sieben Linien auf die beiden Kollektionen Paul Smith und PS by Paul Smith konzentriert haben, wachsen wir. Unsere eigenen Läden konnten flächenbereinigt um 11% zulegen, das Wholesale-Business um 7% - die Pre-Kollektion für Herbst 2018 liegt sogar 30% im Plus. Damit liegen unsere Umsätze aktuell bei 184 Mio. Euro, die gesamte Gruppe inklusive Lizenzen und des Japan-Geschäfts, das von einem Partner betrieben wird, kommt auf 349 Mio. Euro.


Welche Produktgruppen sind die Wachstumstreiber?
Wir stehen natürlich weiterhin stark für Formalwear – in Japan verkaufen wir 90.000 Anzüge im Jahr. Aktuell entwickeln sich die Kategorien Knitwear und Schuhe sehr dynamisch.


Thema Schuhe – wie steht es eigentlich um das Snea ker-Business bei Paul Smith?
Das kommt ganz drauf an. Beim der Linie PS sind 70 % der verkauften Schuhe Sneaker. Bei Paul Smith 70 % Lederschuhe. Generell ist der Sportswear-Anteil bei PS sehr hoch. Hier sind wir auch sehr erfolgreich mit Multibrand-Onlinern wie Zalando im Geschäft, die gute Abverkaufsquoten mit Sweats, T-Shirts, aber auch Wäsche, Strümpfen und Schals haben.


Viele Luxus-Brand suchen sich gezielt Designer, um stärker bei Street- und Urbanwear wahrgenommen zu werden.
Ich weiß, worauf Sie anspielen. Ich stelle mir das unheimlich anstrengend vor für Einkäufer aber auch für Inhaber, wenn Designer schnell die Häuser wechseln und es wenig Konstanz gibt. Aber im Grunde habe ich keine Meinung zu solchen Strategien. Ich denke, dass ich selbst wahrscheinlich ein etwas seltsamer Designer bin.


Inwiefern?
Ich bin Designer, Inhaber, Namensgeber. Ich trage also viele Hüte. Zum Beispiel fahre ich immer auf die Stoffmessen – wir treffen uns ja oft auf der Milano Unica oder in Paris. Das mache ich nicht, weil ich es muss, sondern weil es mir wichtig ist. Man muss mit den Füßen auf dem Boden bleiben. Überall liegen Inspirationen. Mir liegt sehr viel daran, rauszukommen und Leute zu treffen, mich auszutauschen. Das Problem von Paul Smith, wenn man so will, sind nicht zu wenige neue Ideen, sondern eher zu viele.


Kürzlich haben Sie ein Projekt mit Google vorgestellt, das Künstliche Intelligenz in den Design-Prozess einbindet. Welche Rolle spielt so etwas für Sie?
Google Art Palette ist ein faszinierendes Tool, damit lässt sich gut nachvollziehen, wie Künstler mit Farben arbeiten. Welche Töne sie zusammenstellen, welche spannenden Verbindungen es gibt. Ansonsten sind bei uns aber eher die E-Commerce-Leute diejenigen, die sich mit Daten auskennen. Im Design haben wir stattdessen Leute, die den ganzen Tag zeichnen, malen, handwerklich tätig sind.


Dennoch gibt es große Trends und Strömungen, denen man sich sicher nicht entziehen kann.
Natürlich, vor ein paar Jahren hätten Sie mir vermutlich im Hemd und nicht im Strick gegenüber gesessen. Auch wenn wir nach wie vor extrem viele Anzüge verkaufen, zeigen die aktuell sehr guten Knitwear-Geschäfte zum Beispiel, wie wichtig Sports- und Casualwear sind.


Ist dafür PS by Paul Smith wichtiger?
Nicht unbedingt. Der Unterschied liegt hier zum einen in der Distribution – zum anderen in der Interpretation. Bei PS arbeiten wir mehr mit Techno-Materialien, mit Nylons, Performance-Stoffen. Bei Paul Smith gibt es diese Dinge auch, aber dann eher auf Qualitäten von Loro Piana oder Zegna.


Haben Sie eigentlich jemals mit dem Gedanken gespielt, eine Sport-Kollektion zu lancieren?
Das nicht, aber ich war ja früher Profi-Rennradfahrer, deshalb ist der Sport-Einfluss bei mir immer sehr stark. Ich habe jetzt wieder einen riesigen Stapel Vintage-Radtrikots in meinem Büro liegen. Das kann man sich auf meinem Instagram-Account mal anschauen.


Apropos Instagram: Was glauben Sie, gibt es mehr Beiträge mit dem Hashtag #bicycle oder #biceps?
Ich hoffen doch Bicycle!


Leider nicht. Der Bizeps liegt knapp vorne.
Okay, vielleicht sollte ich mich mal im Gym umschauen statt bei den Radfahrern…


Neben den Sport-Inspiration und Farb-Einsatz, für die Paul Smith schon immer stand, nehmen Tiermotive in jüngster Zeit gefühlt mehr Raum ein.
Ja, wir haben zum Beispiel den Dinosaurier, der sehr gut ankommt. Oder den Thunfisch, inspiriert vom Tokioter Fischmarkt, der jetzt umzieht. Das bringt Spaß in die Kollektionen.


Was kommt als nächstes?
Der Urban Fox.


Der Fuchs in der Stadt – warum gerade er?
Ich stehe jeden Morgen um fünf Uhr auf, damit ich um sechs Uhr schwimmen gehen kann. Dabei begegnet mir häufig der Fuchs – ich habe ihn Freddy getauft. Freddy der Fuchs. Er ist besonders gut im Starren. Wir hatten schon einige Staring Contests – wer schaut zuerst weg oder muss blinzeln.


Und?
Bisher hat immer der Fuchs gewonnen.
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