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Kreativchefin Inge Onsea von Essentiel Antwerp im TW-Interview

„Es ist wichtig, Dinge nicht zu mögen”

Essentiel Antwerp
"Die ersten und letzten Tage der Kollektionserstellung sind immer die spannendsten", sagt Kreativchefin Inge Onsea.
"Die ersten und letzten Tage der Kollektionserstellung sind immer die spannendsten", sagt Kreativchefin Inge Onsea.

Die Location: ein historisches Gebäude in Antwerpen aus dem 19. Jahrhundert. Mittendrin: Atelier und Kreativstube des Contemporary-Labels Essentiel Antwerp. Hier treffen wir Creative Director Inge Onsea zum Gespräch. Umgeben von Stoffproben, Moodboards, ersten Entwürfen und Vintage-Pieces, die sie gerade von ihren Reisen mitgebracht hat, erzählt die Belgierin von Glücksrad-Moderatorinnen, einem alternativen Contemporary-Verständnis und warum Social Media sie nicht mehr inspiriert.





TextilWirtschaft: Frau Onsea, Essentiel Antwerp steht für laute Mode. Wie reagieren Sie auf die derzeitige Minimalismus-Bewegung?
Inge Onsea: Zeiten, in denen es sehr eklektisch zugeht, sind einfach für uns, das ist unsere Stärke. Aktuell wird es etwas cleaner, so sieht man viele Suits - die setzen wir dann zum Beispiel in einem knalligen Pink oder Check um. Denn wir zeigen auch weiterhin die Prints und Farben, für die wir seit unserem Beginn 1999 stehen – aber nicht mehr im Mix, sondern mehr allover. Also den Boot im gleichen Druck wie Jacke und Kleid. Das ist unser Verständnis von Minimalismus. Und der zeigt sich auch an anderen Stellen.

Wo genau?
Wir sind erwachsener, also auch schneller und effizienter geworden in unserer Arbeitsweise. Letzte Woche sind wir mit der Kollektion gestartet, jetzt sind wir mit dem kreativen Part schon zur Hälfte durch. Früher hätte uns das zwei Monate gekostet. Jetzt rechnen wir auch viel genauer durch, wie viel Zeit wir für welche Schritte brauchen. Das ist auch eine Form von Minimalismus. Wir sind einfach wesentlich strukturierter als vor 5 Jahren – wir schauen jeden Montag in die Statistiken, in den ersten zehn Jahren hatten wir diese Zahlen gar nicht. Und wir schauen uns auch genau an, wie die Verkaufsperiode zeitlich liegt und was die Kunden zu diesem Zeitpunkt brauchen. So denken wir nun, wenn wir eine Kollektion machen.

Heißt das, Sie werden bedarfsgerechter?
Wir denken nicht mehr in Saisons, das ist altmodisch. Wir nennen es nur noch Resort oder Cruise – dann können Kunden es so interpretieren, wie sie möchten. Damals wurde der Winter im August ausgeliefert und dann haben die Kundinnen auch schon Mäntel gekauft. So funktioniert das jetzt nicht mehr. Sie kaufen jetzt etwas, weil sie es mögen und direkt tragen wollen. Der Bestseller in meiner Sommer-Kollektion ist zum Beispiel gerade ein Mohair-Sweater. Letztlich verkaufen wir in so viele Märkte, da ist es bei den Italienern zum gleichen Zeitpunkt schon wärmer als bei uns. Es gibt keine Grenzen mehr, auch was die Märkte angeht. Damals haben wir gedacht: Das ist gut für den holländischen, das für den belgischen Markt. Aber heute sind nur noch die Größen unterschiedlich, der Rest gleicht sich immer mehr an. Das macht es Brands aber auch einfacher, eine eigene klare DNA herauszuarbeiten.

Alles über Essentiel Antwerp: Das Label in Zahlen

Wirkt sich der Ready-to-wear-Gedanke auch auf die Kollektionsgröße aus?
Wir haben die Zahl der Kollektionen reduziert – statt sechs machen wir nun noch vier Kollektionen pro Jahr, dafür aber mehr Drops. Wir müssen den Kunden auch erziehen, sich von Fast Fashion etwas zu verabschieden.

Wovon lassen Sie sich inspirieren?
Wir waren den ganzen Februar unterwegs. In London, Mailand, Shanghai, Neu Delhi. Dann machen wir Vintage-Shopping, sehen uns andere Brands an, laufen auch einfach viel herum und beobachten die Menschen. Das ist auch interessant, weil man so weiß, wie die Kunden in anderen Märkten denken und kaufen. Dann kommt man zurück und auf einmal sprudelt alles aus einem heraus, was man den Monat lang in sich aufgesogen hat. Außerdem besuchen wir auf Trips auch unsere Lieferanten und bekommen am Wochenende, wenn wir wieder zurückkommen, die Samples von der Premiere Vision. Dann fließt alles zusammen.

Was inspiriert die Mode generell – nicht nur Essentiel?
Reisen. Wir haben ganze Kollektionen schon auf Reisen aufgebaut, die ich nach Spanien oder Trancoso in Brasilien unternommen habe. Manchmal machen wir aber auch Trips, die uns nicht gefallen. Und es ist sehr wichtig, Dinge nicht zu mögen, damit man weiß, was man nicht machen will. Städte stehen immer für einen gewissen Stil, der gerade angesagt ist oder nicht. Manchmal ist London mit dem edgy Stil stark, dann ebbt es etwas ab. Dann wird es cleaner, somit gewinnt Paris wieder. Aber auch Paris ist heutzutage nicht mehr die Nummer eins für uns, obwohl die Fashion-Shows dort die besten sind. Auch Kunst ist unglaublich inspirierend, wir haben uns schon von Farben eines Gemäldes inspirieren lassen. Oder Filme – eine unserer Kollektionen baute auf „Paris is burning”, einem Dokumentarfilm aus den 80ern, auf. Die Inspiration kommt aber während man an der Kollektion arbeitet, man startet nicht schon damit. So merken wir auf einmal: Diese Stoffe erinnern uns an Glücksrad-Moderatorinnen aus den 80er Jahren. Man versucht dann immer, das in eine Geschichte zu verpacken.

Wie sieht es aus mit Social Media?
Die Produkte auf Social Media sehen für schnell alt und überholt aus. Alle posten nonstop, das inspiriert einen nicht mehr. Was wir heute in den Shops sehen, haben wir doch vor einem halben Jahr schon online gesehen. Vintage-Shopping hingegen hat noch einen Überraschungseffekt. Dort findet man dann Dinge, die man so noch nicht gesehen hat.

Können Sie einmal den Ablauf einer Kollektionserstellung beschreiben?
Wir haben letzte Woche mit der Kollektionserstellung angefangen, wir starten immer mit den Qualitäten und Farben. Danach machen wir Fotos von den Ständern mit der potenziellen Ware und versuchen, sie uns im fertigen Zustand im Store vorzustellen. So sehen wir auch, was geändert werden muss, welche Farben und Materialien wir noch brauchen. Die Prints entwickelt unsere eigene Grafik-Designerin.

Wie lange dauert es, bis die fertige Kollektion steht?
Den kreativen Teil können wir in einem Monat machen, wenn wir wollen – aber nur, wenn wir wirklich einen Monat gereist sind und uns vom Rest zurücknehmen. Bis Ende Juni haben wir dann insgesamt vier Monate. Zum Schluss haben wir dann zehn Tage Workshop mit der Kollektion, wo wir gezielt im Showroom daran arbeiten und noch einiges verändern. Die erste Woche und der Workshop am Ende sind dabei immer die spannendsten Phasen.

Welche ist die größte Herausforderung bei der Erstellung einer Kollektion?
Am schwierigsten ist der Zeitmangel. Und die Masse an Informationen, die man auf eine Kollektion herunterbrechen muss, ohne dass diese zu groß wird. Wir haben keine Angst, zu wenig Inspiration zu haben – eher zu viel. Es ist kompliziert, alles visuell und strukturiert umzusetzen. Ohne Accessoires haben wir jetzt 200 Teile pro Kollektion. Vor 15 Jahren waren es noch 800, da haben wir schon eine Menge reduziert. Das Schwierige ist: Man hat keine Kristallkugel, die einem zeigt, was man verkaufen wird – und letztlich hat man den Druck, 60 Stores füllen zu müssen.

Welche Frau haben Sie vor Augen, wenn Sie designen?
Mich – denn ich muss es tragen wollen. Allgemeiner gefasst würde ich sagen: Die typische Essentiel-Frau ist alterslos und eine, die nicht etwa der Mode folgt, sich Trends versklavt und Balenciaga trägt, sondern die anzieht, was sie will, mit Mode spielt und sich selbst nicht so ernst nimmt.

Essentiel Antwerp: So sieht die Herbst-Kollektion 2019 aus

Essentiel feiert dieses Jahr 20-jähriges Bestehen. Was hat sich seit den Anfängen verändert?
Damals haben wir überlegt: Mag das unsere Fashion-Kundin, mag das unsere kommerzielle Kundin? Jetzt haben wir den Luxus, solche Entscheidungen nicht mehr treffen zu müssen – und das mittlerweile auch die ältere Kundin die neuen, coolen Teile haben möchte. Wir sind gerade an einem Punkt, an dem wir realisieren: Man kann als Brand nicht jedem gefallen. Es ist viel wichtiger, seiner DNA treu zu bleiben.

Sie investieren nun auch verstärkt in das Schuhdesign.
Ja, darüber werten wir die ganze Kollektion auf. Die neue Schuhdesignerin kann nun parallel zu uns designen. So haben wir den Look und die passenden Schuhe dazu, das hilft uns auch bei Shootings enorm.

Wie würden Sie Contemporary definieren?
Als erschwingliche Mode mit einem hohen Maß an Fashion und Qualität, die nicht zu basic ist. Aber der Name ist komisch. Wenn du nicht contemporary, also zeitgemäß bist, was bist du denn dann? Der Endkonsument hat doch auch keine Ahnung, was Contemporary oder Premium oder Luxury ist. Er sagt: Ich mag es oder ich mag es nicht, es ist bezahlbar oder nicht.

Haben Sie eine Idee für einen alternativen Begriff?
Ich liebe gute Multibrand-Stores und diesen Mix, über den man ganz neue Looks kreiert. Wenn ich sehe, wie wir unsere Kollektion machen und die Teile miteinander mischen, ist das ähnlich. Wir sind viel mehr eine Multibrand als eine Monobrand. Eigentlich sind wir eine Multibrand-Monobrand. Aber mit einer klaren, einheitlichen Aussage.

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