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Ordertrends Taschen Herbst 2020

Klein, klassisch, cool

Ina Niehoff
Darf’s ein bisschen mehr sein? Phone-Bag von PB0110, ausgewachsen.
Darf’s ein bisschen mehr sein? Phone-Bag von PB0110, ausgewachsen.

Alte Werte, neu gedacht. Der Einkauf bestätigt die Klassik-Tendenzen in der Taschenorder zum Herbst/Winter 2020. Zugleich bleibt Sportivität, zumindest subtil gespielt, eines der treibenden Elemente.

No handshakes, please just smile. Unter dem Hinweisschild steht, direkt neben dem Eingang, ein Desinfektionsspender. So empfängt Beheim International Brands in diesen Tagen seine Kunden im Offenbacher Showroom. „Lieber vorsehen als nachsehen“, sagt Michael Beheim, Geschäftsführer des Unternehmens, das als Lizenznehmer unter anderem die Taschenkollektionen von Gabor, Tom Tailor und Camel active verantwortet.


Mit seinem Showroom sitzt Beheim vis-à-vis der Messe Offenbach, wo kürzlich trotz Coronavirus die Internationale Lederwarenmesse ILM über die Bühne ging, bekanntermaßen zentraler Termin in der Taschenorder. „So wenig wie diesmal war während der ILM noch nie los“, berichtet Beheim, „prinzipiell aber hat die Corona-Thematik die Orderrunde nicht tangiert. Die Kunden sind positiv drauf, haben bei uns fast durchweg mehr geschrieben.“

Taschenorder Herbst 2020: Starke Styles


Mit der Taschenorder zum Herbst/Winter 2020 sind viele Anbieter zufrieden. Die Wiederentdeckung von Klassik, das facettenreiche, lange nicht da gewesene Spektrum an Brauntönen, Boho-Tendenzen, die sich in neuen Beutelinterpretationen und Velours-Spielarten niederschlagen, überhaupt spannungsreiche Oberflächen – all das befeuert die Orderrunde offenkundig. „Prints, Kroko, Schlange, Velours sowie zwei-, teils dreifarbige Oberflächen, das sind abwechslungsreiche Themen, auf die Kunden gut ansprechen“, bestätigt etwa Peter Schwarz von Aigner.

Nach jahrelanger Messepräsenz zeigte die Münchener Traditionsmarke in dieser Saison – unabhängig von der Corona-Epidemie – erstmals nicht in Offenbach, sondern fokussiert sich künftig auf die Showrooms in München und Düsseldorf und war daher mit der Order bereits anderthalb Wochen vor der ILM fertig. „Alle Kunden, für die wir relevant sind, haben wir getroffen – und mit fast allen ein deutliches Plus geschrieben.“

Entspannte Lässigkeit neben angezogenem Chic

Das hatte nicht nur mit der größeren Intimsphäre in den Showrooms zu tun, sondern zugleich mit den starken Klassik-Strömungen in der Mode. Schwarz: „Das macht es uns natürlich sehr einfach zu verkaufen. Je Aigner-typischer und klassischer die Form war, desto besser wurde sie geordert.“

Neue Beutel einerseits, mittelgroße, standige Crossover-Taschen, meist mit Überschlag, andererseits – zwei Modelle, die sich nicht nur bei Aigner als Topseller herauskristallisiert haben. Sie verdeutlichen die Bandbreite unterschiedlichster Stilistiken, die am Markt wie gehabt nebeneinander funktionieren. Entspannte Lässigkeit neben angezogenem, femininem Chic.

Und immer wieder: Sportivität. Obgleich sportive Zitate – wie in der Bekleidung auch – sich nicht mehr ganz so plakativ niederschlagen, schimmert Sportivität als selbstverständliche Grundstimmung weiterhin an vielen Stellen durch, vorrangig durch Aspekte wie Funktionalität und Variabilität. Am deutlichsten macht sich das an Backpack-Styles bemerkbar und an allen anderen stark disponierten Modellen, die im weitesten Sinne einen hohen Grad an Mobilität gewährleisten. „Rucksäcke und Phone-Hybride, fest wie weich, bringen die höchsten Stückzahlen“, bestätigt Georg Picard von Picard. 

Viele Trends, viele Chancen

Doch auch hier steht in der Riege der Hotseller stilistisch Diametrales nebeneinander, so bilden etwa Überschlag- und gequiltete Taschen, kubistisch angelegte Modelle oder Jagdtaschen-Typen den Gegenpol. Bei Emily & Noah ein ähnlich diversifiziertes Kollektionsbild. „Wir sind sehr breit aufgestellt, von modischen Fell-Styles bis zu klassischer Ware“, so Sven Meier von Meier Lederwaren (u.a. Emily & Noah, Tamaris). „Es hat sich gezeigt, dass das sehr gut bei den Kunden ankommt.“

So herausfordernd die Vielzahl an Trendtendenzen für den Einkauf sein mag, so groß ist offenbar die Chance, damit gutes Business zu machen. Laut Handelsverband BLE wurden 2019 über alle Vertriebswege hinweg Taschen, Koffer und Kleinlederwaren für rund 2,7 Mrd. Euro verkauft. Mit dem Ergebnis habe der Einzelhandel den Vorjahresumsatz mit Lederwaren halten bzw. sogar leicht steigern können. Bleibt abzuwarten, welche Spuren das Coronavirus in den kommenden Monaten hinterlassen wird. Insbesondere die Nichtleder-Spezialisten blicken aktuell angespannt nach China. Selbst wer nicht vor Ort produziert, sourct oft doch zumindest die Hardware in China – Metallteile, Reißverschlüsse etc.

Hier und da ist zu hören, die Produktion laufe allmählich wieder an, stehen die betroffenen Hersteller doch fast stündlich im Austausch mit den Partnern vor Ort. In welchem Ausmaß es zu Lieferverzögerungen kommt, kann aktuell niemand abschätzen. „Bei den Pre-Collections mit Auslieferung im Mai sind wir für alle Marken safe“, betont Dave de Boer von Fashion Solutions (u.a. Coccinelle, Guess, Valentino Bags). Zu den Hauptkollektionen könne man aber erst in den nächsten Tagen Genaueres sagen. „Momentan sieht es nicht so schlecht aus, wir rechnen mit einer Verzögerung von etwa vier Wochen“, so Dave de Boer. Andere Anbieter gehen, Stand heute, von bis zu achtwöchigen Verschiebungen aus. De Boer:„In jedem Fall führt uns die Epidemie vor Augen, dass wir uns viel zu abhängig von einem einzigen Land gemacht haben.“
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